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Kommentar zum Contact-TracingLieber die Wirtschaft runterfahren als mit ihr zusammenarbeiten

Die Behörden könnten seit einem halben Jahr die Daten aus Restaurants digital nutzen, um das Virus einzudämmen. Sie verhängen lieber weitere Massnahmen. Dabei geht es um Menschenleben.

Alle müssen sich registrieren, aber der Bund nutzt die Daten aus den Restaurants mangelhaft und vor allem: zu spät.
Alle müssen sich registrieren, aber der Bund nutzt die Daten aus den Restaurants mangelhaft und vor allem: zu spät.
Foto: Guglielmo Mangiapane (Reuters)

Wer in ein Restaurant, eine Bar oder sonst an eine öffentliche Veranstaltung geht, muss sich seit mehr als einem halben Jahr mit Namen, Adresse und Telefonnummer registrieren. So können die Kontakte von Infizierten mit Covid-19 zurückverfolgt und weitere Ansteckungen verhindert werden. Theoretisch, jedenfalls. Doch heute braucht das Tage, weil die Daten von den Kantonen nicht genutzt werden. Und die kantonalen Tracer sind mit den hohen Fallzahlen völlig überfordert.

Gleichzeitig verschärft der Bundesrat im Wochentakt die Massnahmen, und möglicherweise droht am nächsten Freitag gar ein Shutdown der Wirtschaft über die Feiertage.

Das müsste nicht sein. Wenn Bund und Kantone statt auf immer neue analoge Massnahmen auf digitales Tracing setzen würden, wäre die Pandemie ohne diese Massnahmen einzudämmen (lesen Sie die Recherche dazu). Wenn die vorhandenen Daten genutzt würden, ginge es Sekunden statt Tage, um eine Ansteckung zurückzuverfolgen und zu stoppen. Doch Bund und Kantone ignorieren die Möglichkeit. Nur schon einen Test haben sie abgelehnt. Dies, obwohl uns asiatische Länder vormachen, wie einfach und wirksam das wäre.

«Die Weigerung der Behörden, diese Daten zu nutzen, ist entweder Zeichen von Inkompetenz oder von Verantwortungslosigkeit.»

Es ist nicht das erste Mal, dass die Behörden die Chancen von Digitalisierung nicht sehen. Sie fürchten sich davor, Verantwortung zu übernehmen, und vertrauen lieber staatlichen Eingriffen als einer Partnerschaft mit der Wirtschaft. Doch hier geht es um Menschenleben: Die Weigerung der Behörden, diese Daten zu nutzen, ist entweder Zeichen von Inkompetenz oder von Verantwortungslosigkeit.

Alain Berset beteuert regelmässig, was für eine Chance die Digitalisierung beim Kampf gegen Covid-19 sei. Doch auch er verzichtet darauf, konkret die Nutzung der Daten einzufordern. Und die Gesundheitsdirektoren verpassen die Gelegenheit, ihr Contact-Tracing zu entlasten, Kosten zu sparen und wirksamer die Pandemie einzudämmen. Gerne zeigen Politiker auf die Bürger, wenn die Fallzahlen wieder ansteigen, doch die Behörden tragen eine Mitschuld.

82 Kommentare
    Anton Paschke

    Die Idee das Virus einzudämmen ist ein Irrlicht. Alle Massnahmen haben den Verlauf der Epidemie blos verzögert, bei monotonez Zunahme wirtschaftlicher, psychischer und gesellschaftlicher Schäden. Die Verzögerung ist nicht schlecht,

    vielleicht gibt es irgend wann mal wirksames Medikament und die Krankheit zu heilen. Impfung wird ja auch versprochen. Aber verschwinden wird der Virus nicht.

    Südkorea, von vielen als Vorbild gelobt, hat mit sehr strengen Massnahmen die Anzahl Anstekungten auf weniger als 10 / Tag gesenkt. Mit der ersten Lockerung ist die Zahl aber wieder auf > 1000 gestiegen.