«Gott dachte sich, es wäre schön, wenn da mehr wäre»

Luther hatte die Bibel vor knapp 500 Jahren überarbeitet. Zeit für ein neues Update, fordert Astrophysiker Ben Moore.

Sie ist das meistgedruckte, meistübersetzte und meistgelesene Buch: Die Bibel. Foto: iStock

Sie ist das meistgedruckte, meistübersetzte und meistgelesene Buch: Die Bibel. Foto: iStock

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Bibel entstand vor weit mehr als 2000 Jahren und wurde seither von Dutzenden Autoren übersetzt und überarbeitet. Dennoch verlassen wir uns bis heute auf Versionen wie die Lutherbibel aus dem 16. Jahrhundert.

Man stelle sich vor, wir würden heutzutage medizinische Handbücher aus dem 16. Jahrhundert zurate ziehen! Und auch auf wissenschaftliche Schriften aus jener Zeit sollten wir uns besser nicht verlassen. Ein Glück, dass zum Beispiel Albert Einstein die «Principia» von Isaac Newton aus dem Jahr 1687, in denen die Gesetze der Bewegung und der Schwerkraft beschrieben werden, gründlich überarbeitet hat.

Daher bin ich der Ansicht, dass auch der Bibel eine Überarbeitung guttäte, um sie auf den aktuellsten Stand zu bringen. Immerhin ist die Bibel das meistgedruckte, meistübersetzte und meistgelesene Buch auf unserem Planeten.

Beginnen wir am Anfang, bei der Schöpfung. Hier der dramatische Auftakt aus der Lutherbibel, der die Erschaffung des Kosmos beschreibt:

1. Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.

2. Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser.

3. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.

Es ist eine sensationelle, epische Eröffnungsszene – aber die Autoren bekommen von mir nur vier von zehn Punkten, denn leider haben sich da ein paar grundlegende Fehler eingeschlichen.

Erst 500 Millionen Jahre später bildeten sich die ersten Sterne und erleuchteten das Universum.

Schon der erste Satz stiftet Verwirrung, denn wir wissen inzwischen, dass die Erde erst lange nach Milliarden anderer Sterne und Planeten entstand. Auch im zweiten Satz gibt es einen gravierenden Fehler, denn die Sonne stand schon hell am Himmel, als die Erde sich zu bilden begann.

Und zum Geist, der über dem Wasser schwebt ... nun, die frühe Erde bestand aus heissem, flüssigem Gestein, und es vergingen Millionen von Jahren, bevor es Wasser auf der Oberfläche gab; der Geist hätte sich also übel verbrannt. Ich habe die Fehler korrigiert, hier meine Überarbeitung:

Die Schöpfung v2.1:

1. Am Anfang war nichts als Dunkelheit. Gott dachte sich, es wäre schön, wenn da mehr wäre. Da Gott sich den Naturgesetzen beugen musste, die er selbst in Kraft gesetzt hatte, nahm er null Energie und teilte diese in gleiche Teile positive Energie (Materie) und negative Energie (Schwerkraft).

2. Nun löste Gott den Beginn der Zeit aus, und der rasend schnell expandierende Raum füllte sich mit einem unglaublich heissen Quark-Gluon-Plasma. Das dadurch entstehende Licht war enorm intensiv. Danach folgte eine erneute Zeit der Dunkelheit.

Erst 500 Millionen Jahre später bildeten sich die ersten Sterne und erleuchteten das Universum. Milliarden von Jahren vergingen, und es bildeten sich Billionen von Galaxien, jede von ihnen mit einer gewaltigen Zahl an Sternen, von denen die meisten wiederum von eigenen Planeten umrundet wurden.

3. Neun Milliarden Jahre waren vergangen, und Gott schuf einen neuen Stern, der wiederum von Planeten umkreist wurde, ebenso wie zehn Milliarden andere Sterne in dieser Galaxie, die wiederum ganz ähnlich war wie Milliarden anderer Galaxien. Gott taufte diesen Stern «die Sonne», und es ward noch mehr Licht.

Ach Gott, es fehlt mir hier einfach an Zeit und Raum, um diese neue Version der Bibel zu vollenden ...

Ben Moore ist Professor für Astrophysik an der Universität Zürich.

Erstellt: 19.06.2018, 13:38 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Kommentare

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!