Worüber spricht man eigentlich beim Wandern?

Alles, was Sie schon immer über den Schweizer Volkssport wissen wollten: Kolumnist Thomas Widmer hat 66 Fragen beantwortet.

Touristen auf einem Steinpfad von Foroglio ins Calnegiatal im Tessin. Foto: Francesca Agosta, Keystone

Touristen auf einem Steinpfad von Foroglio ins Calnegiatal im Tessin. Foto: Francesca Agosta, Keystone

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Thomas Widmer ist Reporter der «Schweizer Familie», Kolumnist, Arabist, Blitzschachspieler und Autor legendärer Wanderbücher. Einen Abend lang nahm er sich Zeit, die 66 abschliessenden Fragen über das Wandern zu beantworten.

1 Was antwortet man auf die ewige Kinderfrage: «Ist es noch weit?»
Ja nicht lügen! Ich sage immer aus Prinzip: Brutal weit.

2 Wie ist das doch gleich beim Wandern: Ist der Weg das Ziel? Das Ziel das Ziel? Oder der Weg im Weg?
Der Weg ist das Ziel, das Ziel ebenfalls. Wenn ich wandern gehe, fühle ich mich wie ein kleiner Indiana Jones: Ich habe einen Plan, ich ziehe los auf ein Abenteuer. Da ist nur noch ein Gedanke: Ich will auf diesen Berg. Totale Absenz vom Alltag. Manchmal hat man Schmerzen oder sogar Angst – macht das Sprunggelenk mit? Manchmal ist es kalt. Man leidet, aber das Ziel motiviert. Am Schluss ist es ein Gesamtkunstwerk, ein Psychodrama aus Leiden, Selbstzweifel und – im Regelfall – Erfolgserlebnis. Das Schwitzen, das Keuchen, das Hinterfragen und dann doch das Oben-Ankommen – das produziert ein Glück, das du in der Stadt nicht findest.

«Der Alpinist ist für mich ein respektables, aber bizarres Wesen. Ein seltsamer Mensch mit Helm.»

3 Der Künstler Joseph Beuys sagte: «Ich denke sowieso mit dem Knie.» Was meinte er damit?
Vermutlich, dass das Denken beim Gehen entsteht. Wer zu langsam geht, dem wird langweilig, wer zu schnell geht, hyperventiliert. Irgendwann findest du den Rhythmus, und dann kommen die Gedanken. Es ist nicht von ungefähr, dass der antike Philosoph Aristoteles beim Denken und Dozieren umherwandelte. Auch von Rousseau und Kierkegaard ist bekannt, dass sie gern gingen, um nachzudenken. Sicher gibt es auch grosse Geister, die in einem Coffeeshop gut denken, aber ich glaube, mit dem Gehen kommt bei den meisten die Einsicht.

4 Worin genau unterscheidet sich Gehen von Wandern und von Bergwandern?
Beim Spazieren, Flanieren, Promenieren ist die anerkannte Definition: eine Stunde, nicht mehr. Man braucht keine Karte, keine Ausrüstung. Bergwandern heisst Steigung, Geröll, ein bisschen Gefahr. Wandern ist das Mittelding.

5 Wie ist das Verhältnis zwischen Bergsteiger und Wanderer?
Zwei völlig verschiedene Stämme. Alpinisten schlagen sich herum mit dramatischen Wetterwechseln, mit Wänden, wo ein Fehlgriff töten kann. Das sind existenzielle Kategorien, die dem Wanderer eher fremd sind. Der Alpinist ist für mich ein respektables, aber bizarres Wesen. Ein seltsamer Mensch mit Helm.

«Es ist eine Dialektik von Anstrengung und Erlösung. Wenn du oben bist, musst du nur noch runter.»

6 Was macht einen guten Wanderer aus?
Er weiss, wie man die Füsse voreinander setzt. Er hat etwas zu essen dabei. Er überschätzt sich nicht. Er beachtet das Wetter. Der Rest entzieht sich dem Gut-oder-schlecht-Raster.

7 Apropos Technik: Gibt es verschiedene Wanderstile?
Jeder Mensch hat seine Art, sich zu bewegen, so verräterisch wie ein Fingerabdruck. Es gibt elegante Exemplare, tänzelnde Vorderfussgeher, plumpe, dinomässige Geher. Ich bin der Schlurfer vom Dorf.

8 Welcher Körperteil wird beim Wandern am stärksten belastet?
Der Fuss, denke ich. Man merkt das, wenn man zum ersten Mal Wanderstöcke braucht: Man hat Muskelkater in den Armen, so viel Druck nimmt man weg.

9 Was ist die tiefere Beziehung zwischen Aufstieg und Abstieg?
Aufstieg ist vor allem belastend für Kreislauf und Kondition, man schwitzt und keucht. Beim Abstieg geht es bloss in die Gelenke. Es ist eine Dialektik von Anstrengung und Erlösung. Wenn du oben bist, musst du nur noch runter. Flach ist am schlimmsten, weil langweilig.

10 Was ist der richtige Umgang mit dem Wetterbericht?
Die heutige Meteorologie ist sensationell. Ich benutze die App von MeteoSchweiz. Der Trick ist, mehrere Tage nacheinander die Vorhersagen zu betrachten, erst in der Kontinuität versteht man: Vom Westen kommt schlechtes Wetter, aber es kommt langsam, also kannst du heute knapp noch in den Alpstein, aber nicht in die Waadtländer Alpen. Auch wegen der Nord-Süd-Teilung durch die Alpen ist das Wetter in der Schweiz sehr verschieden, und man kann Wetterschnäppchen machen: Irgendwo gibt es immer ein Sonnenfenster.

11 Thermosflasche, Proteinriegel, Farmerstängel – was hat man dabei im Gebirge?
Wie überall gibt es auch am Berg Essneurotiker. Lustferne Kalorienoptimierer. Ich rate zu einem hemmungslosen Umgang mit Essen. Am liebsten nehme ich Haselnussstängeli mit und eine Anderthalbliter-Flasche Citro vom Coop. Was ich überhaupt nicht mag, sind irgendwelche Wurstsandwiches oder Käsebrote, die womöglich in der Tupperwaredose transportiert wurden und verschwitzter sind als ich selbst. Mich nervt das Teeabkochen am Morgen und dann mit grosser Geste auf dem Grat die Thermosflasche, die ja auch so wenig fasst, aufdrehen und einschenken. Ich bin doch nicht die Queen.

12 Worüber spricht man beim Wandern?
Wenn du das Gefühl hast, dir die Ohren zuhalten zu müssen, um endlich mal in Ruhe eine schöne Geröllhalde betrachten zu können – das nervt. Anfänger können sich an folgende Regel halten: Ein bisschen gehen, mal schweigen, mal ein lakonischer Austausch. «Schöne Geröllhalde rechts.» – «Ja, aussergewöhnlich schön.» Mit solchen holzschnittartigen Dialogen fährt man meistens gut. Mitunter entstehen auch tiefe Gespräche. Das hat damit zu tun, dass man sich nicht in die Augen schaut beim Wandern, bei ernsten Themen ist ja oftmals die Kinobestuhlung am besten. Hinzu kommt das forcierte Atmen beim Steigen, das erzwingt gute Gesprächspausen.

13 Die optimale Zusammensetzung einer Wandergruppe?
Sechs Leute, beim Wandern entstehen dann flexible Untereinheiten. Bei grösseren Gruppen gibts Probleme: Der Wirt kollabiert, wenn du zu elft in die Beiz kommst, im Zug findest du keinen Platz. Zur Zusammensetzung: Am besten, wenn es die Gruppe schon ein bisschen gibt, dann sind die gegangen, die man nicht aushält.

14 Wie hierarchisieren sich Wandergruppen? Gibts da Ähnlichkeiten zur Organisation eines Wolfsrudels?
Menschen sind auch nur fortgeschrittene Tiere. Im Wandergrüppli findet man die üblichen Rollen: das Alphatier, den Mitläufer, den Clown, den Stillen. In der Regel spielt man beim Wandern die gleiche Rolle wie sonst. Ich laufe meist zuhinterst. Wie der Herdenhund. Ich geniesse das Schauspiel des Sozialen, ohne involviert zu sein. Vielleicht meine Lebensrolle.

15 Wanderer sehen für den Laien alle gleich aus, man ahnt aber, dass es verschiedene Gattungen gibt. Bitte eine total ungerechte, aber treffende Charakterisierung der wichtigsten alpinen Archetypen!
Es gibt den stinkenden Schwitzer in Cordhosen und Flanellhemd und abgelaufenen Schuhen, robust, doch irgendwie ein Monster. Aber auch die Bergballerina, Studentin der Kunstgeschichte, mit der Jacke für 700 Franken. Es gibt den Alt-68er, asketisch, schlank, immer leicht leidend, weil er überall Sauereien sieht, Strommasten etwa. Der Purist will partout nicht einkehren. Und seine Antithese, das Genussmodell, sucht die Wanderroute nach der Beiz aus. Dann haben wir den schlottrigen Prostatiker, der während der halbstündigen Zugfahrt dreimal aufs WC muss. Und die wahnsinnig gut Ausgerüstete, die doch nur dreissig Minuten wandert – aber auch die ist okay. Eigentlich geht alles am Berg.

16 Wie ist die Gender-Verteilung beim Wandern?
Früher waren Frauen in den Bergen meist Männerbegleiterinnen. Und es wanderten mehr Männer als Frauen. Heute ist die Verteilung ausgeglichen.

17 Wandern Frauen anders?
Sie sind stilvoller angezogen als Männer. Und sie reden lieber. Für sie ist Gehen ein sozialer Akt.

18 Entgegenkommende Wanderer: Wer hat Vorrang?
Es wird selten eng am Berg. Aber wenn doch, hält man sich an die Maxime: Höflichkeit macht Spass. Aristoteles sprach vom Schauspiel der eigenen Tugend.

«Das Gehen bringt alles ans Licht.»

19 Darf man umkehren?
Ist ein Zeichen von Schwäche und damit super. Du hast die Grösse einzusehen, dass es nicht mehr geht.

20 Glücksmoment Bänkli. Wo steht das schönste?
Im Rigimassiv. Bei Märis oberhalb Vitznau. Der vielarmige Vierwaldstättersee in Karibikblau, die vielen Charaktergipfel, die Spielzeugbötchen auf dem Wasser: Du willst nicht wieder aufstehen.

21 «Gehen ist des Menschen beste Medizin», soll Hippokrates gesagt haben. Was lehrt die Erfahrung: Ist es in der Summe eher gesund oder ungesund?
Gesund. Und diagnostisch. Es akzentuiert die Probleme, die du hast – Rücken, schlechte Kondition, Beziehungskrise. Das Gehen bringt alles ans Licht.

22 Wie beeinflusst Wandern die Psyche?
Brutal positiv. Am Morgen habe ich oft ein verkrampftes Gesicht. Der Kiefer repräsentiert die Gesamtpsyche. Am Abend, wenn ich zurückkomme, habe ich so ein stupides Buddhagrinsen.

23 Kann man Problemen entgehen?
Ich denke schon. Du schleppst ja alle möglichen Themen mit in die Berge. Und dort verlieren sie an Grösse und Schrecken, weil du eine Gebirgswelt siehst, vor der alles andere lächerlich klein wirkt. All der Bürofrust, deine Sorgen, auch deine Fehler, die dir am Vorabend wie Hochverbrechen vorkamen, werden in den Bergen viel kleiner. Du selber auch.

«Das Leben ist keine Festhütte, ich bin Anhänger ziviler Sitten, auch im Hochgebirge.»

24 Wo genau verläuft die berühmte Grüezi-Grenze?
Das ist schon im Flachland eine diffizile Sache. In Zürich grüsst man sich sicher nicht. Aber schon im Zollikerberg, Agglo Zürich, wo ich wohne, gilt: Wer nicht grüsst, ist suspekt. Grüssen ist ein Zeichen von gutem Willen. In der Zulusprache sagt man als Gruss offenbar: «Ich sehe dich.» Im Sinne von: Du bist jemand, ich nehme dich wahr – das finde ich schön.

25 Ab welcher Höhe macht man Duzis?
Das Duzen ist SAC-Benimm. Ich bin eher auf Sie. Das Leben ist keine Festhütte, ich bin Anhänger ziviler Sitten, auch im Hochgebirge.

26 Was ist eine gute Wanderung?
Sie muss so lang sein, dass man richtig müde wird, aber nicht so lang, dass man am Ende kriecht. Sie muss Gefühle auslösen, die miteinander ringen: Freude und Schmerz, Erschöpfung und Hoffnung, Hunger und Fress-Ekstase.

27 Wie viele Wanderwege gibt es in der Schweiz?
Ein Menschenleben reicht jedenfalls nicht aus, um alle zu machen. Meine Obsession mit Wandern in der Schweiz folgt der Ökonomie des Sammelns: Du sammelst in einem bestimmten Feld, das so gross sein muss, dass du nie alles besitzen wirst.

Sitzen geblieben: Zwei Frauen blicken von der Rigi Scheidegg auf den Lauerzersee und die Mythenregion. Foto: Gaetan Bally, Keystone

28 Stimmen die Zeiten auf den Wegweisern?
Meistens. Es gibt die Theorie, dass in Kantonen wie Tessin und Wallis, die gegenüber fremden Subjekten eine etwas abweisende Einstellung pflegen, die Zeitangaben gar sportiv sind, um Fremde zu demütigen. Das erinnert mich ein wenig an das Fitnessstudio. Wenn ich von einem Gerät absteige, bei dem ich 120 Kilogramm mit den Beinen gestossen habe, stecke ich den Stift bei 190 rein, um den Nächsten ein bisschen zu erschrecken.

29 Ich will niemanden auf dumme Gedanken bringen. Aber hätte zum Beispiel die Swisscom das Recht, entlang von Wanderwegen Werbung zu schalten?
Keine Ahnung, wie das rechtlich ist. Aber mich nerven «Themenwege» oder auch Künstler, die in die Berge vorstossen. Auf 2000 Metern will ich keine verunglückten Plastiken sehen. Lasst die Berge in Ruhe, bitte!

30 Darf man beim Wandern abkürzen?
Ja. Aber ich mag es nicht. Klingt vielleicht neurotisch, aber ich bin ein Planmensch und immer ein wenig betrübt, wenn ich vom Plan abweichen muss.

31 Wie hat das Smartphone das Wandern verändert?
Die Kulturtechnik des Kartenlesens verschwindet. Da ich eine Art Himmelsrichtungs-Legasthenie habe, bin ich aber extrem froh um die digitale Hilfe.

32 Was machen, wenn man nicht mehr mag?
Ausgedehnte Pause. Und dann schauen: Was sind die Optionen? Gibt es in der Nähe eine Alp? Wo ein Haus ist, ist meist ein Offroader. Oder eine Seilbahn, in der dich der Senn vielleicht mit den Milchkannen ins Tal fahren lässt. Im Extremfall, der übrigens relativ häufig vorkommt, brauchts den Heli.

33 Stichwort Wanderlieder: Macht man sich damit am Berg lächerlich oder umgekehrt Freunde?
Diese Art von kanonisiertem Frohsinn ist verschwunden. Schade eigentlich. Singen hat, glaube ich, medizinische Wirkung, du schwingst in der Gruppe, findest einen Rhythmus, vertreibst geringfügige Schmerzen.

34 Verlaufen, verzweifelt, verloren – was hilft?
Wenn ich es mit der Angst zu tun bekomme, was selten vorkommt, aber vielleicht doch einmal im Jahr, wenn ich allein bin und es ein wenig gefährlich ist, rezitiere ich – ich habe Arabisch studiert – den Koranvers «Ich nehme Zuflucht zu Gott vor Satan, dem Verworfenen».

«Die Kaiseregg im Freiburgischen hat nichts mit dem Kaiser zu tun, sondern mit einem banalen Käser.»

35 Wie verteilt sich die Wanderbegeisterung über die hiesigen Parteien?
Falsch wäre zu glauben, bei der SVP sei sie besonders hoch. Wandern schillert in allen Farben. Du findest in den Bergen 68er und Ökos, aber natürlich auch Rechte, die meinen, jeder Senn sei ein gesteigertes Stück Heimat.

36 Wie politisch ist Wandern?
Was mich eher interessiert: Es gibt rechte Landschaften, etwa gewisse Talschaften im Kanton Schwyz wie das Wägital, da leben rekordviele Anti-EUler. Im Glarnerland mit seinen historischen Auswanderungswellen wiederum hast du viel offenere Menschen. Naturgemäss sind Kantone mit konfessioneller Spaltung offener als solche mit einer konfessionellen Monokultur. Auch Mehrsprachigkeit ist gesund. Graubünden kommt mir toleranter vor als das Berner Oberland.

37 Bergnamen sind eine unterschätzte Schweizer Spezialität: Mittaggüpfi, Pizzo Cavagnöö, Gürgaletsch. Wer denkt sich die aus?
Es hat oft mit der Vielsprachigkeit zu tun. Gürgaletsch kommt offenbar von grex, lateinisch für «Herde», kürzlich verstellten mir oben auf dem schmalen Grat tatsächlich Kühe den Weg. Mich interessiert jeder Ortsname in der Schweiz. Woher kommt «Säntis»? Vermutlich von einem Mann, der an ihm eine Alp betrieb und Sambutinus hiess, «der am Samstag Geborene». Die Kaiseregg im Freiburgischen hat nichts mit dem Kaiser zu tun, sondern mit einem banalen Käser.

38 Kleine Bestenliste: zwei unterschätzte Schweizer Wanderstrecken?
Im Jura dort, wo es keine Bergbahnen gibt. Also fast überall. Grossartig und total einsam ist zum Beispiel der Weg von Grenchen auf den Bettlachstock. Ebenfalls begeistert mich die Route vom Lac de Joux auf den Mont Tendre. Die Aussicht von dort kommt einem Gottesbeweis nahe.

39 Zwei schöne Berge?
Der Spitzmeilen, ein Ostschweizer Zuckerhut, den du von überall erkennst. Extrem schön finde ich auch Rigi und Pilatus. Sie sind ein Paar, das unterschiedlicher nicht sein kann. Die Rigi ist ein Triumph der Geometrie mit ihren waagerechten Bändern, der Pilatus ein irrer Wirbel, ein Chaos aus Fels.

40 Zwei schöne Beizen?
Die Wirtschaft auf meinem Hausberg Hundwiler Höhi, 365 Tage im Jahr offen. Die alte Wirtin ist vor wenigen Jahren gestorben, man ging hinauf, um mit ihr zu reden, sie hörte allen zu. Aber die Neue machts auch gut. Auch den Oberdörfer auf dem Oberdörferberg im Solothurnischen mag ich. Da wirten Andi und Luzia. Wer auch immer kommt, wird begrüsst: «Wo kommst du her?», «Willst du ein bisschen abliegen? Schau mal, da hinten ist ein Liegestuhl.» Die haben für jeden ein gutes Wort.

41 Gibt es eine Erklärung, warum Outdoorkleidung so komplett stilfrei ist?
Ich finde sie extrem schön! Gut, es gibt schlimme Farbkombinationen, Orange und Grün etwa. Aber eine Frau in cooler Outdoorkleidung ist so was von attraktiv.

42 Wandern boomt, die Innovationen überschlagen sich, der Umsatz explodiert. Was ist das Absurdeste, das Sie je im Gelände gesehen haben?
Leute, die Kletterware tragen auf lahmen Strecken. Die Gear-Obsession hat etwas Lächerliches. Die Trinkhalme etwa, die über die Schulter ragen. Dieses Nuckelprinzip passt natürlich zum oralen Wahn unserer Zeit, den wir von den Trinkflaschen in der Stadt kennen.

43 Was dem Deutschen das Auto, ist dem Wanderer der Schuh: Welche Marke verrät was über den Käufer?
Ich trage seit zwanzig Jahren Lowa, eine Middle-of-the-road-Marke. Wer was herzeigen will, kauft vielleicht eher Scarpa oder La Sportiva.

44 Was genau ist die tiefere Magie der Synchronizität beim gemeinsamen Laufen bzw. wie gravierend ist und was verrät unsynchrones Gehen?
Ich glaube, das Synchrone hat zu tun mit einer Ursehnsucht des Menschen nach Rhythmus, Zugehörigkeit, Gemeinschaft – wie beim Stammestanz. Am Berg muss man jetzt nicht jederzeit mit jedem synchron gehen, aber es gibt diese Momente gegen Abend, wenn man ein bisschen kaputt ist und zufrieden nebeneinanderher trottet, da hast du plötzlich das Gefühl, du musst gar nicht mehr sagen, wie schön es ist, weil ein fast metaphysisches Einverständnis zwischen dir und den anderen besteht.

45 Auch das Stadtwandern hat eine lange Tradition – Dickens wanderte jeden Tag vier Stunden durch London, der Schweizer Lucius Burckhardt begründete die Promenadologie – wie stehen Sie dazu?
Finde ich etwas vom Besten. So siehst du alle Lebenslagen einer Stadt: wo die sozialen Grenzen verlaufen, wo schamlos gebaut wird, wo das junge Kreativgewerbe sich einnistet. Wir sind mal eine Woche durch Paris gewandert, es gibt zwei Traversen mit Wanderschildern, Nord–Süd und West–Ost, die haben wir gemacht, das war fantastisch. Der Asphalt geht aber in den Rücken.

46 In «Götzen-Dämmerung» schreibt Nietzsche: «Nur die ergangenen Gedanken haben Wert.» Gustave Flaubert hingegen sagte: «On ne peut penser et écrire qu’assis.» Wer hatte recht?
Vielleicht eher Nietzsche. Beim Gehen wird vieles klar, weil das Alltagssummen entfällt. Was Gehen und Schreiben gemeinsam haben, ist die Reduktion auf wenige Seinselemente. Ich schreibe zu Hause an meinem Tisch, rechts ein Tee, links ein paar Notizen, vor mir der Computer. Alles Überflüssige ist Ablenkung. Analog beim Wandern: In der Natur ist nichts überflüssig.

47 Im Gebirge weitet sich der Blick, sagt man. Andererseits ist aber nichts so geheimnislos wie ein Bergpanorama bei klarem Wetter, oder?
Perfektes Wetter ist ein bisschen langweilig, das ist so. Apropos schöne Berge: Der Philosoph Hegel war drei Jahre Hauslehrer in Tschugg und hat die Alpen als «ewig tote Massen» beschimpft.

48 Bei so vielen Dingen in unserem Leben geht es um Tempo. Wandern kann man nur langsam. Ist es der radikalste Akt, der uns Menschen in der Moderne bleibt?
Es ist schon so, dass du den beeilten Stadtmenschen mit auf die Wanderung nimmst. Er hetzt dich und stresst dich, lässt aber irgendwann nach und gibt auf.

49 Wandern gilt als Volkssport, sollte es olympisch werden?
Was soll man denn messen?! Wird es Tim Meier in 4 Stunden 40 über die Ducanfurgga schaffen? Das ist Unsinn. Wanderer messen sich in immateriellen Bereichen wie Genussfähigkeit oder Glücksempfinden, aber auch Resilienz gegenüber kleineren Problemen wie beginnender Blase am linken Fuss, seltsamen Knirschgeräuschen in der rechten Hüfte, Pfeifen auf der Lunge, absurden Zuckerdurchhängern – das kann man nicht olympisch machen.

«Für uns Schweizer waren die Alpen lange etwas Schlimmes und Finsteres.»

50 Wer war der erste Wanderer?
Wenn wir vom Gehen auf zwei Beinen sprechen, dürfte Ardi, wie Forscher das in Äthiopien entdeckte Fossil tauften, vor 4,4 Millionen Jahren die erste Fussgängerin gewesen sein. Allerdings nur in Teilzeit. Ardi lebte in zwei Welten. In den Bäumen krallte sie sich mit ihren grossen Zehen fest; am Boden richtete sie sich auf. Lucy von der Art Australopithecus afarensis ging dann vor 3,2 Millionen Jahren schon sehr viel souveräner. Sie konnte den Fuss abrollen, legte weite Wege zurück. Wenn man Wandern definiert als zweckfreies Gehen, war der erste Wanderer vielleicht der Renaissancepionier Francesco Petrarca, der 1336 mit seinem Bruder auf den Mont Ventoux stieg. Einfach so, zwecks Landschaftserfahrung.

51 «Das Wandern ist des Müllers Lust», heisst es im deutschen Volkslied – was hat es mit dem Gesellenwandern auf sich?
Die Verklärung des Gesellenwesens ist ein schlimmes historisches Missverständnis. Oft wurden die Müllergesellen auf Wanderung geschickt, weil es in der jeweiligen Region schon zu viele Müller gab. Man hoffte, die jungen Männer würden am Typhus sterben, vom Wolf gefressen oder im Wald erfrieren. Tatsächlich kamen bei weitem nicht alle zurück. Das Wandern der Gesellen war gezielte Nachwuchs-Elimination.

52 Immer wieder hört man, die Deutschen hätten den Schweizern das Wandern beigebracht – bitte sagen Sie, dass das nicht wahr ist!
Leider schon. Ganz wichtiger Name neben Goethe: Johann Gottfried Ebel. Er publizierte 1793 den ersten brauchbaren Reiseführer für unser Land: «Anleitung auf die nützlichste und genussvollste Art in der Schweitz zu reisen». Für uns Schweizer waren die Alpen lange etwas Schlimmes und Finsteres. Im Mittelalter verbot Luzern die Besteigung des Pilatus mit dem Argument, dass da oben böse Geister wohnten; wer hochgehe, wecke sie und löse Unwetter aus. Erst 1585 ging ein mutiger Pfarrer rauf und bewies, dass das Unfug ist.

53 Wandern Deutsche anders als Schweizer?
Zunächst mal: Ich habe mit einem deutschen Wanderer mehr gemeinsam als mit einem Appenzeller Couch-Potato. Trotzdem ist die Frage interessant. Ich glaube, es war der französische Philosoph André Glucksmann, der sinngemäss gesagt hat, Deutschland sei ein Text ohne Territorium. Damit meinte er: Deutschland war über viele Jahrhunderte nur eine Vision, weil es in der Realität in absurd viele Fürstentümer gespalten war. Später gibt es mit BRD und DDR zwei Territorien, die mit ganz verschiedenen Texten begründet werden. Die Schweiz hat im Vergleich eine einfache Geschichte: Seit der Gründung des Bundesstaats 1848 haben wir einen Text und ein zugehöriges Territorium, die Vision ist verwirklicht, und sie ist begehbar! Die Leute glauben, alles in dem Land gehöre ihnen, und deshalb gehen sie es besichtigen. Das Wandern wird zu einer Art demokratisch-republikanischer Disziplin, zum Geniessen eines klar definierten Territoriums. Ein Echo dieser Haltung ist die Forderung an Roger Federer, er solle das Stück Seeufer vor seiner Villa für alle freigeben.

54 «Der Berg macht blöd», heisst es in einem Film von Peter Liechti. Ist da was dran?
Ein bisschen blöd am Wochenende schadet nicht. Wandern ist der Eskapismus der Schweizer. Ein Shoppingtrip per Flugzeug nach London macht sicherlich noch blöder.

55 Aufstieg ist zugleich Abstieg in innere Tiefen. Inwiefern ist Wandern eine spirituelle Erfahrung?
Was mich anrührt, sind einsame Kirchen. Wenn ich in San Bernardo am Gegenhang von Bellinzona die uralten, verblassten, innigen Fresken anschaue – Christus, die Engel, die Heiligen –, kommen mir, obwohl nicht im engeren Sinne religiös, fast die Tränen.

56 Welche Rolle spielt Wandern in der Bibel? Welche im Koran?
Sicher hat die mehrfache Umkreisung der Kaaba von Mekka während der Pilgerfahrt der Muslime etwas Wanderndes. Moses erhielt die Zehn Gebote auf dem Berg – warum dort? Um den Versuchungen des Teufels zu entgehen, zieht Jesus vierzig Tage durch die Wüste. Wandern in diesen Spielarten kommt in den Heiligen Schriften vor, das moderne Genusswandern nicht.

57 Kann man sagen, Wandern ist atheistisches Pilgern?
Hat was.

58 Ist Wandern eigentlich ein westliches Phänomen? Oder wandern auch andere Völker?
Das absichtslose Wandern in diesem engeren, unnatürlichen Sinn ist ein westliches Phänomen, Ausdruck einer Freizeitgesellschaft. Ich glaube nicht, dass unsere Urgrosseltern freiwillig gewandert wären, die haben sechs Tage pro Woche gearbeitet oder gebauert und waren dann froh, mal einen Tag drinnenbleiben zu dürfen und nicht permanent einen blöden Berg anschauen zu müssen.

59 Ist Wandern die einzige klassenlose Volksbetätigung – oder gibt es auch hier soziale Distinktion?
Wandern ist relativ klassenfrei. Du brauchst nicht viel Geld, es gibt immer auch in der Nähe gute Wege. In den Bergen ist mehr Platz fürs Anderssein. In der Stadt herrscht die Uniformiertheit: Die hippen jungen Herren tragen Rauschebärte, alle haben ihr Handy vor den Augen und den Starbuckskafi in der Hand.

60 Täuscht der Eindruck, oder wandern Secondos weniger?
Expats sieht man ständig, besonders deutsche Akademiker, superfit und top ausgerüstet. Tamilen, Kosovaren, Somalier selten bis nie. Insofern ist Wandern kein Eins-zu-eins-Abbild unserer Gesellschaft.

61 Ist Wandern am Ende rassistisch?
Die Frage treibt mich des Öfteren um. Als weisser, männlicher, hierzulande sozialisierter, auf dem Land aufgewachsener Schweizer bin ich das selbstverständlichste denkbare Wanderwesen. Andere Leute müssen mehr mentale Hindernisse überwinden, bis sie wandern können. Und sie werden mehr auffallen in den Bergen als unsereins.

62 Gab es ein goldenes Zeitalter des Wanderns in der Schweiz?
Ich habe das Gefühl, dass es gerade zu Ende geht. An schönen Herbsttagen findest du am Wochenende morgens praktisch keinen Platz mehr im Zug nach Chur. Du musst extreme Vorleistungen bringen, bis du endlich in den Bergen ein Einzelner werden kannst. Ich bin da als Wanderschreiber mitschuldig. Ohne meine Rolle übertreiben zu wollen.

63 Wie steht der Wanderer zum Wander-Ermöglicher Nummer 1, den SBB?
Die haben eine ziemliche Formkrise. Die SBB haben zu wenig Rollmaterial, zu wenig Personal. Die vier häufigsten Meldungen: «Zug wird heute verkürzt geführt», «Zug hat heute kein Restaurant» sowie «Defekte Tür» und «Defektes WC».

64 Müssen wir übers Nacktwandern reden?
Ein Medienhype. Gibt es mehr als fünf Aktive in der ganzen Schweiz? Nacktheit ist nicht der ideale Zustand des Wanderers. Wer hält freiwillig seinen Torso in den Eiswind? Wer exponiert seine Geschlechtsteile einer Brombeerhecke? Selbst Ötzi war angezogen. Nackt ist nie natürlich, nackt ist kompliziert.

65 Warum überhaupt in die Berge?
Weil es da weniger Leute hat. Alleinsein ist ein Luxus, den du dir nicht kaufen kannst. Du musst ihn dir erarbeiten. Ergehen.

66 Schon mal Kants «Erhabenheitsbegriff» leibhaftig erlebt?
Mir fällt das Gemälde «Der Wanderer über dem Nebelmeer» des deutschen Romantikers Caspar David Friedrich ein. Der Mann auf dem Bild erinnert mich an mein Gefühl draussen in der Landschaft: Ich bin Betrachter der Erhabenheit, nicht ein Teil davon. Mich braucht es nicht. Die Berge sind da, auch ohne mich.

Zuletzt erschien von Thomas Widmer «Hundertundein Stein – die grossen Brocken der Schweiz» (Echtzeit-Verlag). Heute, 7. September, ist er in Bad Ragaz am Nationalen Wandertag der «Schweizer Familie» anzutreffen.

Erstellt: 07.09.2019, 19:59 Uhr

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