Woher so viel Hass auf Greta?

Vier Gründe, warum der bekannteste Teenager der Welt so viel Aggressionen auslöst.

Greta Thunberg erregt wegen ihres Engagements Aufmerksamkeit, Bewunderung, Verehrung – und Hass.

Greta Thunberg erregt wegen ihres Engagements Aufmerksamkeit, Bewunderung, Verehrung – und Hass. Bild: Key

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Niemand steht derzeit stärker im Zentrum der weltweiten Aufmerksamkeit als ein 16-jähriges Mädchen aus Schweden. Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass sie vom Magazin «Time» zur «Person of the Year» gekürt und im Oktober den Friedensnobelpreis erhalten wird. Greta Thunberg ist für Millionen ein Idol, ein Vorbild selbstlosen Engagements für ein Ziel, das uns alle angeht. Ein Beispiel dafür, wie aus dem Einsatz eines einzigen Individuums eine Massenbewegung entstehen kann. Eine Ikone, die Jeanne d’Arc der Klimaschutzbewegung.

Sie erregt Aufmerksamkeit, Bewunderung, Verehrung – und Hass. Aggressionen löst sie auf verschiedenen Niveaus aus, sie reichen von erstaunlich polemischen Beiträgen in bürgerlichen Zeitungen über die offene Verachtung, die ihr US-Präsident Trump bezeugt («Sie scheint ein glückliches junges Mädchen zu sein, das sich auf eine glänzende und wundervolle Zukunft freut», twitterte er höhnisch nach ihrer Brandrede in New York), bis zu dem üblichen Unrat in den «sozialen» Medien.

Jetzt sind sich die beiden doch noch begegnet: US-Präsident Donald Trump marschiert an der schwedischen Aktivistin Greta Thunberg vorbei. Video: Tamedia

Soweit in diesen Attacken überhaupt Argumente festgemacht werden können, betreffen sie drei Punkte: Greta sei erstens ein Kind und habe keine Ahnung, sie sei zweitens eine Autistin, also krank und deshalb nicht ernst zu nehmen, und drittens sei sie nur eine Marionette, von ihren Eltern oder irgendwelchen politischen Kreisen instrumentalisiert, um grüne Politik zu propagieren. Dazu kommen dann Einwände gegen Details ihrer Aktionen – wenn sie nicht fliege, dann doch ihre Begleiter, oder ihr veganes Butterbrot sei in Plastik verpackt gewesen – und ein Vorwurf, der weniger sie als die Medien trifft: Sie werde zur Erlösergestalt stilisiert.

Nun, Greta ist weder eine Erlöserin noch die Märtyrerin einer neuen apokalyptischen Klimareligion, auch wenn ihre Erscheinung durchaus Züge einer Passionsfigur aufweist. Die Vorstellung ist nicht abwegig, ihre Aktionen könnten sie irgendwann überfordern und zu einem Zusammenbruch führen mit nachfolgender Massenhysterie.

Auch wem der Medienhype sauer aufstösst, der muss zugeben: Idole und Ikonen sind manchmal nötig, und es ist bezeichnend, dass nicht ein Mann des Establishments wie Al Gore mit seinem Klimabuch und -film Millionen auf die Strasse bringt, verholzte Parteien auch in der Schweiz nervös macht und die Klimafrage in die Elternhäuser trägt, sondern ein bezopfter Teenager mit dünner Stimme. Greta steht für die Generation, die mit den Schäden zurechtkommen muss, die die vorangehenden angerichtet haben. Daher die Dringlichkeit, die Dramatik, die Emotion, aber daher rührt auch eine unhintergehbare moralische Autorität, und das nervt natürlich. Der Hass auf Greta hat vier Wurzeln.

  • Die erste ist noch verhältnismässig rational. Greta sagt, was offensichtlich ist: Wir müssen unseren Lebensstil ändern, und die Politik muss die entsprechenden Massnahmen dazu treffen, über Preise, über Anreize, über Grenzwerte und Verbote. Wer das Offensichtliche ignoriert, wer so weitermachen will wie bisher, für den ist Greta natürlich eine Provokation.

  • Die zweite: Greta fordert das Establishment heraus. Sie passt in keine Schablone, ihr Erfolg unterläuft alle gewohnten Mechanismen. Sie ist keine Parteifunktionärin, auch keine Ökoterroristin, sie vertritt keine Inte-ressengruppen, hinter ihr steht nicht das grosse Geld. Das provoziert alle «Profis», die Protagonisten des Courant normal. Schon weil sie diesen immer wieder ihr Versagen vor Augen führt.

  • Die dritte: Greta vereint in einer machtfixierten Welt alle Attribute der Schwäche auf sich. Sie ist unmündig, weiblich, sie ist überdies das Gegenteil aller landläufigen Glamour- und Attraktivitätsvorstellungen, auf die man sonst abfährt. Sie war, als sie anfing, ganz allein. Der Schwache ist schwer zu packen, und wer aus Schwäche eine Stärke gemacht hat, erst recht. Die schwedische Aktivistin steht in der Tradition des gewaltlosen Widerstands, in der Tradition von Gandhi und Martin Luther King, sie praktiziert mit friedlichen Mitteln das, was man «asymmetrische Kriegsführung» nennt: Sie bietet kein Ziel, das man einfach ausschalten kann. Denkt man sich Greta weg, bleibt das, wofür sie steht. Das zu begreifen, macht manche erst recht wütend.

  • Die vierte Wurzel: Greta verkörpert vieles. Vor allem aber unser schlechtes Gewissen.

Erstellt: 24.09.2019, 15:29 Uhr

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