Wie gefährlich sind SUVs?

Ein Horror-Unfall sorgt in Deutschland für heftige Diskussionen über SUVs, die immer beliebter werden. In der Schweiz ist ihr Anteil sogar noch höher.

Das «Monster» wird abtransportiert: Der zerstörte SUV nach dem schrecklichen Unfall in Berlin. Foto: Keystone

Das «Monster» wird abtransportiert: Der zerstörte SUV nach dem schrecklichen Unfall in Berlin. Foto: Keystone

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Vier Menschen tot, darunter ein dreijähriges Kind. Seit Tagen gibt in Deutschland ein Horrorunfall zu reden, der sich in Berlin ereignete. Ein Porsche Macan, ein SUV-Wagen, kam von der Spur ab, rammte eine Ampel und überfuhr die Passanten. Der Fahrer überlebte mit Kopfverletzungen.

Inzwischen verdichteten sich die Hinweise auf einen epileptischen Anfall des Fahrers. Nichtsdestotrotz entfachte der Unfall eine heftige Grundsatzdebatte über die Gefahr, die von Sportgeländewagen ausgeht. Können die erhöht sitzenden Fahrer etwa Kinder sehen, die vor ihnen eine Strasse überqueren? Sind die «Panzer»-Autos bei einer Kollision gefährlicher als kleinere Personenwagen?

«Ein SUV ist zu gross, zu schwer, zu hoch für die Stadt.»Ulf Poschardt, Chefredakteur «Welt»

SUV steht für «Sport Utility Vehicle». Übersetzt heisst das Sport-Nutz-Fahrzeug, auf deutsch meistens als «Sportgeländewagen» bezeichnet. Doch schon die Bezeichnung zeige die Absurdität des Autotyps, schreibt der «Spiegel»: «Er wird weder fürs Gelände gebraucht noch für den Transport von Sportgerät, sondern dient einzig der persönlichen Aufrüstung im Strassenverkehr.» Wie Obelix würden sich solche Autos durch die Städte bewegen: stets in Gefahr, mit ihrer übergrossen Kraft unabsichtlich Schaden anzurichten.

Auch Ulf Poschardt, «Welt»-Chefredakteur und Sportwagenfan, befindet SUVs als «zu gross, zu schwer, zu hoch – ein Elefant im architektonischen Porzellanladen». Doch die Instrumentalisierung eines fürchterlichen Verkehrsunfalls und seiner Toten markiere einen neuen Tiefpunkt der Debatte um eine Verkehrswende.

Nach dem tödlichen Crash in Berlin: Polizisten untersuchen den Unfallort. Foto: Keystone

Die Forschung ist sich über die tatsächliche Gefahr von SUVs uneinig. Eine Studie des British Columbia Children’s Hospital in Kanada zeigte, dass sie bei Unfällen ein höheres Verletzungsrisiko mit sich bringen als kleinere Wagen. Eine Arbeit der Wissenschaftler der deutschen Unfallforschung der Versicherer kam zu einem anderen Ergebnis: Menschen, die von einem SUV getroffen werden, haben kein höheres Verletzungsrisiko als bei Zusammenstössen mit einem herkömmlichen PW.

Entscheidend ist in diesem Zusammenhang die Art der Verletzungen. Zwar treffen SUVs einen Passanten weiter oben am Körper, wo die Organe sind. Doch weil ein Kleinwagen bei einer Kollision mit einem Menschen diesen oft über die Motorhaube in die Rahmen der Windschutzscheibe schleudert, sind die Verletzungen ähnlich gravierend. Bei Tempo 50 ist die Überlebenschance für den Fussgänger sehr niedrig – egal, ob er von einem SUV oder einem Smart angefahren wird. Kollidieren ein SUV und ein kleinerer Personenwagen, da ist sich die Forschung zumindest einig, ist das Verletzungsrisiko des PW-Fahrers grösser.

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Das Argument, dass SUVs an Leib und Leben gefährlicher als andere Autos sind, ist also nicht eindeutig belegt. Gemässigte Kommentatoren fordern denn auch in erster Linie mehr Geschwindigkeitsbegrenzungen und warnen davor, die SUVs zum tödlichen Geschoss heraufzustilisieren – damit mache man es denen leicht, die den SUV verteidigen wollen, namentlich der Autoindustrie. Die Problematik von SUVs liege nicht in der Verletzungsgefahr von Verkehrsteilnehmern, sondern unter anderem in der Luftbelastung.

Für Greenpeace steht ausser Frage, dass SUVs im Widerspruch zum Pariser Klimaschutzabkommen stehen. Wollen die Autohersteller nicht Teil des Problems bleiben, müssen sie laut der Umweltschutzorganisation schleunigst auf kleine, leichte, geteilte E-Autos setzen. Weil SUVs nicht nur mehr Sprit verbrauchen, sondern auch mehr Platz beanspruchen, fordern deutsche Grünen-Politiker und Fussgängerverbände derweil Einschränkungen für die Geländewagen, etwa Verbote in den Innenstädten – oder aber eine City-Maut. Auch ein Bonus-Malus-System, wie man es in Frankreich kennt, wird ins Spiel gebracht: Wer ein grosses Auto kauft, zahlt drauf. Käufer von kleineren Wagen erhalten eine Gutschrift.

Fast jedes zweite in der Schweiz verkaufte Auto ist ein SUV.

Solche Forderungen dürften nicht leicht umzusetzen sein. In Deutschland, Land der unbegrenzten Tempolimiten und einer traditionell starken Autoindustrie, sind die SUVs immer beliebter. Kein anderes Fahrzeugsegment wächst so schnell. Im Jahr 2005 hatten sie noch einen Marktanteil von weniger als 6 Prozent. 2010 waren es fast doppelt so viel und im ersten Halbjahr 2019 bereits 31,4 Prozent. Das heisst: Beinahe jedes dritte in Deutschland verkaufte Auto ist inzwischen ein SUV.

Das geht aus aktuellen Zahlen des Kraftfahrtbundesamtes hervor. Ferdinand Dudenhöffer, Direktor des Center Automotive Research an der Universität Duisburg-Essen und als «Autopapst» einer der meistzitierten Experten, bestätigt die Angaben. In der Schweiz, sagte Dudenhöffer gegenüber der Nachrichtenagentur dpa, liege der Anteil sogar schon bei 44 Prozent.

Tatsächlich zeigt unsere Auswertung der neu zugelassenen Fahrzeuge, dass der Anteil der SUVs in der Schweiz noch viel höher ist als in Deutschland. Von 50 Modellen, die gemäss Auto Schweiz im ersten Halbjahr am häufigsten verkauft wurden, sind 21 SUVs – also 42 Prozent. Die Zunahme steht sicher auch im Zusammenhang mit dem Preisniveau; einst als «Zürichberg-Panzer» diffamiert, sind gewisse SUV-Modelle heute für deutlich weniger Geld erhältlich.

Verbote von SUVs dürften es in der Schweiz demnach ähnlich schwer haben wie in Deutschland. In der Vergangenheit sind Motionen von Parlamentariern, die Einschränkungen forderten, abgelehnt worden. Und die Offroaderinitiative der Jungen Grünen, die strengere Grenzwerte für Schadstoffemissionen anstrebte, wurde 2011 zugunsten eines Gegenvorschlags im Rahmen des CO2-Gesetzes zurückgezogen.

Erstellt: 11.09.2019, 13:46 Uhr

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