Sie wollen doch nur helfen

Richard Gere besucht ein Flüchtlingsschiff und wird von Italiens Innenminister Salvini angegriffen. Warum es für Stars nicht mehr so einfach ist, sich zu engagieren.

Richard Gere (rechts) spricht mit einem Migranten an Bord des spanischen Rettungsschiffs «Open Arms». Foto: Valerio Nicolosi, Keystone

Richard Gere (rechts) spricht mit einem Migranten an Bord des spanischen Rettungsschiffs «Open Arms». Foto: Valerio Nicolosi, Keystone

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Die Antwort von Matteo Salvini liess nicht lange auf sich warten, und sie enthält so ziemlich alle Spielzüge aus dem Strategiebuch von Populisten. Der Hollywood-Star Richard Gere hatte am Freitag das Rettungsschiff Open Arms besucht, er brachte Lebensmittel für die 121 Flüchtlinge an Bord und appellierte an Politiker in Italien und in den USA, Migranten nicht zu dämonisieren.

Salvini veröffentlichte seine Replik auf Twitter, garniert mit ein paar Fotos von Gere: «Wir danken dem grosszügigen Millionär dafür, dass er seine Forderungen über das Schicksal der Open-Arms-Immigranten kundgetan hat: Er dürfte in der Lage sein, jeden einzelnen in seinem Privatjet nach Hollywood zu bringen und sie in seinen Villen zu beherbergen. Danke, Richard!»

Das spanische Rettungsschiff befindet sich derzeit in der Nähe der italienischen Insel Lampedusa. Italien und Malta haben ihm die Einfahrt in ihre Häfen verwehrt. Am 1. August hatte die Open Arms bei zwei Einsätzen vor der libyschen Küste insgesamt 123 Flüchtlinge an Bord geholt. Italien nahm zwei schwangere Frauen auf, aber zugleich verabschiedete das Land in der vergangenen Woche auch ein Gesetz, das harte Strafen für zivile Seenotretter vorsieht, die unerlaubt in italienische Hoheitsgewässer fahren.

Die Hilfsorganisation Proactiva Open Arms, der das Schiff gehört, hat mittlerweile Deutschland, Spanien und Frankreich um Hilfe gebeten, einen sicheren Hafen zu finden.

Hilfe lohnt sich für beide Seiten

Am Freitag nun kam Richard Gere mit einem Kamerateam auf das Schiff, er verteilte Nahrungsmittel, liess sich mit Flüchtlingen fotografieren und sagte in einem Video, das später auf Twitter veröffentlicht wurde: «Das Wichtigste ist für diese Menschen nun, einen sicheren Hafen zu finden, von diesem Boot zu gehen, um ein neues Leben zu beginnen.»

Später – die Open Arms hatte mittlerweile 39 weitere Flüchtlinge von einem Holzboot vor Malta aufgenommen – verglich er während einer Pressekonferenz auf Lampedusa die Situation im Mittelmeer mit der an der amerikanisch-mexikanischen Grenze: «Wir haben Probleme mit Flüchtlingen aus Honduras, Salvador, Nicaragua, Mexiko. Das muss aufhören, überall auf dem Planeten.»

Es ist nicht mehr so einfach für Promis, sich zu engagieren, ohne angegriffen zu werden: Richard Gere an der Pressekonferenz auf Lampedusa. Foto: Keystone

Der 69-jährige Schauspieler ist ein Promi der alten Schule, der Film «Pretty Woman» feiert im kommenden Jahr sein 30. Jubiläum, und es gab ja tatsächlich mal eine Zeit, da war das soziale Engagement von Stars eine Win-Win-Situation: Sie nutzten Wohlstand und Prominenz, um Nöte zu lindern und auf Missstände aufmerksam zu machen. So wurden sie zu barmherzigen Samaritern, die auch mal selbst anpackten.

Angelina Jolie zum Beispiel unternahm als UNO-Sonderbotschafterin für Flüchtlinge mehr als 60 Reisen nach Südostasien, Brad Pitt kümmerte sich nach dem Hurrikan Katrina um den Bau von mehr als 150 Häusern, Leonardo DiCaprio bereiste für seinen Kampf gegen den Klimawandel mehrere Länder und wurde ebenfalls zum Botschafter der Vereinten Nationen ernannt.

Promis schärfen ihr Profil; Non-Profit-Organisationen bekommen Unterstützer, deren Reichweite unschätzbar wertvoll ist.

Die humanitäre Hilfe von Prominenten lohne sich für beide Seiten, analysierte die Finanzzeitung Forbes vor zwei Jahren: «Einer Studie mit 165 Agenturen zufolge haben mehr als 80 Prozent der Klienten aus der Unterhaltungsbranche über soziales Engagement gesprochen.» Die Promis würden so ihr Profil schärfen und ihren Bekanntheitsgrad erhöhen; und Stiftungen und Non-Profit-Organisationen bekämen Unterstützer, deren Reichweite unschätzbar wertvoll sei.

Im aktuellen politischen und gesellschaftlichen Klima indes werden die Engagements der Stars allerdings nicht mehr uneingeschränkt positiv bewertet. Kritische Stimmen fragen sich: Ist Jolie wirklich altruistisch, oder will sie sich vielmehr als moderne Version von Mutter Teresa selbst beweihräuchern? Diese Häuser von Pitt, sind die nicht schon wieder kaputt? Und wie gelangt der Umweltschützer Leonardo DiCaprio eigentlich zu all den Orten, die er für den Weltenretterfilm «11th Hour» besucht hat – doch nicht etwa mit dem Klimakiller Flugzeug?

Dann lieber unpolitisch bleiben

Ähnlich verhält es sich mit Besuchen bei Flüchtlingen. Der Schauspieler Jesse Tyler Ferguson («Modern Family») etwa ging im Februar in ein Flüchtlingslager an der kolumbianisch-venezolanischen Grenze, Kollege Ben Stiller («Zoolander») traf Kinder in Libanon an der Grenze zu Syrien. Beide veröffentlichten Fotos auf sozialen Medien – und wurden dafür nicht nur gelobt: In Kommentaren wurde ihnen vorgeworfen, lediglich Gutmenschen-Touristen zu sein, die keine Ahnung von der politischen Realität hätten und sich besser auf die Schauspielerei konzentrieren sollten.

Als sich der Basketballspieler LeBron James kritisch über US-Präsident Donald Trump äusserte, teilte ihm Laura Ingraham vom rechtspopulistischen TV-Sender Fox News mit: «Halt' die Schnauze und dribbel' den Ball.»

Manche nutzen ihren Promistatus lieber nicht für die gute Sache. Mitunter auch aus finanziellem Kalkül.

Nun also wurde Richard Gere, der auf die Missstände auf einem Rettungsschiff aufmerksam machen wollte, sogleich vom Innenminister Italiens mit höhnischen Kommentaren bedacht. Es ist nicht mehr so einfach für Promis, sich zu engagieren oder gar politisch zu positionieren, ohne angegriffen zu werden.

Manche nutzen ihren Promistatus deshalb lieber nicht für die gute Sache – so wie der Basketballspieler Michael Jordan, der sich niemals zu politisch oder gesellschaftlich relevanten Themen geäussert hat. Mitunter auch aus finanziellem Kalkül. Den Grund für seine Zurückhaltung soll Jordan jedenfalls selbst einmal so erklärt haben: «Nun, Republikaner kaufen ebenfalls Schuhe.»

Erstellt: 12.08.2019, 16:53 Uhr

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