Neuer Öko-Trend: Mikro-Abenteuer statt Easyjet

Viele setzen auf kurze Expeditionen statt auf klassischen Urlaub. Die Idee dahinter: Die eigene Umgebung ist spannender als Touristen-Hotspots.

Kleine Abenteuer lassen sich direkt vor der eigenen Haustür finden: Auch Zelten im Stadtwald oder Erklimmen des Stadthügels wirken erfüllend. Foto: Will Truettner (Unsplash)

Kleine Abenteuer lassen sich direkt vor der eigenen Haustür finden: Auch Zelten im Stadtwald oder Erklimmen des Stadthügels wirken erfüllend. Foto: Will Truettner (Unsplash)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Um zu seiner Trauminsel zu kommen, muss Philip Linnartz nicht in die Südsee fliegen. Er fährt morgens vor der Arbeit mit dem Fahrrad zu einem kleinen See bei Aachen in Deutschland, wo er wohnt. Manchmal radelt er auch schon am Vorabend dorthin, legt Schlafsack, Matte und Proviant in ein Gummiboot und schwimmt 150 Meter bis zu einer kleinen Insel, das Gepäck im Schlepptau. Offiziell darf man auf der Insel nicht campen, «aber bevor am nächsten Morgen die ersten Spaziergänger kommen, bin ich längst wieder weg», sagt Linnartz. Und wieder hat er ein Mikroabenteuer erlebt, das er stolz auf Facebook posten kann.

Die Grundidee von Mikroabenteurern wie Philip Linnartz: Man muss nicht in den Himalaja reisen oder die Wüste Gobi durchqueren, um ein Abenteuer zu erleben – man kann es auch vor der eigenen Haustüre finden. «Abenteuer fängt für mich dort an, wo die Komfortzone aufhört», sagt Linnartz, «etwa am nächsten Hügel, wo ich ein Zelt aufschlage und dort übernachte.»

Warum in den Amazonas-Dschungel reisen? Bei einer Übernachtung im Stadtwald hört man auch viele Tiere im Gebüsch rascheln.

Warum auf den Mount Everest klettern? Eine Besteigung des Hasselbrack, mit 116 Metern höchster Berg von Hamburg, ist weniger anstrengend.

Warum den Yukon hinunterpaddeln? Man kann sich auch einfach mit einem Pack-Raft, das in den Rucksack passt, in den Zug setzen und von Lenggries aus die Isar hinunterrauschen.

Das Unvorhergesehene ist nicht mehr vorgesehen

Philip Linnartz ist Administrator der Facebook-Gruppe Microadventures NRW, eines Forums für Wildcamper, Wildschwimmer und Wildwanderer, die in ihrer Freizeit Mini-Expeditionen unternehmen und sich über ihre Erlebnisse austauschen. Der britische Abenteurer Alastair Humphreys hat diese Form der Freizeitgestaltung 2014 erstmals als «Microadventures» beschrieben: Abenteuer, die jeder im Alltag und in seiner Umgebung erleben kann. Als Gegenentwurf zum allseits gefürchteten Nine-to-five-Job hat er das Prinzip des «5-to-9-Microadventure» erfunden. Die Regel: Um 17 Uhr Feierabend machen, ins Abenteuer starten und am nächsten Morgen wieder um neun Uhr zur Arbeit gehen.

Je nerviger das Alltagsleben, desto essenzieller sind Mikroabenteuer.

«Wir arbeiten zu viel und zu ineffizient. Anstatt uns zu bewegen, schauen wir uns bescheuerte Katzenvideos auf unserem Smartphone an», sagt Alastair Humphreys. Er behauptet: Je nerviger das Alltagsleben, desto essenzieller sind Mikroabenteuer. Humphreys Buch über Mikroabenteuer inspiriert viele Menschen zu Expeditionen in die nähere Umgebung. Diese regionale Abenteuerlust greift auch hierzulande um sich, der Nachhaltigkeits- und Klimaschutzgedanke spielt dabei eine wichtige Rolle.

«Das hat viel mit dem Zeitgeist zu tun und trifft offenbar gerade einen Nerv», sagt der Abenteurer und Motivationsexperte Christo Foerster, seit 2017 mikroabenteuerlich im deutschsprachigen Raum unterwegs. Gerade hat er ein Buch mit dem Titel «Raus und machen» veröffentlicht. Foersters Mikroabenteuer-Gruppe auf Facebook hat bereits 3500 Mitglieder.

«Viele Menschen haben eine Sehnsucht nach echten Erlebnissen, die sie in ihren Alltag bisher nicht integrieren konnten», sagt Christo Foerster. Das liege auch an der Digitalisierung des Alltags, meint er: «Heute wissen wir schon morgens, dass es abends regnet, für alles gibt es eine App.« Das Unvorhergesehene ist in unserem Leben nicht mehr vorgesehen.

Mikroabenteurer halten sich an Spielregeln

«Für mich gehört die Ungewissheit dazu», sagt Foerster, «aber es geht mir dabei nicht nur um den kurzfristigen Kick.» Die Wagnisforschung unterscheide zwischen dem schnellen Adrenalin-Ausstoss und dem echten Abenteuer, hinter dem ein höherer Wert stehe, erklärt er.

Kern eines echten Abenteuers, sei es auch noch so unscheinbar, ist für Foerster der Gedanke, an dem Erlebnis wachsen zu können – «ich klettere lieber zwei Meter ungesichert an einem Baum hoch, als dass ich in zehn Metern Höhe gesichert in einem TÜV-geprüften Hochseilgarten rumturne». Die Qualität des Abenteuers hängt auch von der Einstellung und dem inneren Willen ab, auch wenn das Unternehmen von aussen betrachtet absurd erscheinen mag. Mit einem Freund zusammen hat Foerster mal ein Floss aus Totholz gebaut und damit sein Gepäck zwei Stunden lang durch einen See gezogen. Der Versuch, mit einem uralten Tretboot von der Ostsee über den Nord-Ostsee-Kanal in drei Tagen nach Hamburg zu fahren, ging dagegen schief – das Gefährt war viel zu langsam.

Echte Mikroabenteurer halten sich an die Spielregeln, die Humphreys und Foerster in ihren Büchern aufgestellt haben: Ein Mikroabenteuer dauert acht bis 72 Stunden, man sollte kein Auto und kein Flugzeug benutzen, keinen Müll hinterlassen und möglichst draussen übernachten, ohne Zelt. «Dadurch entwickelt sich schnell ein Expeditionscharakter», findet Foerster. Auch Jana und Patrick Heck machen das so. Sie packen regelmässig ihre Rucksäcke und erleben kurze Auszeiten in der Umgebung ihres Wohnorts Trier. «Abenteuer können, auch wenn sie kurz sind, die Qualität eines Urlaubs haben», sagt Jana Heck.

Ist das jetzt noch Biwakieren oder schon Campen? Auch am Hafen lässt es sich herrlich übernachten, bevor es am nächsten Morgen für den modernen Menschen natürlich wieder brav ins Büro geht. Foto: Torsten Kollmer / www.hafenbude.de

Die Hecks haben ihre Jobs gekündigt und widmen sich hauptberuflich ihrem Projekt «Ausgebüxt». Auf ihrem Blog berichten sie über ihre Touren, veröffentlichen Rezepte etwa für selbstgebackenes Brot mit wildem Oregano und erklären den wichtigen Unterschied zwischen Wildcampen (Campieren ausserhalb des Campingplatzes, in Deutschland verboten) und Biwakieren (in Deutschland darf man in der freien Landschaft übernachten, wenn man kein Zelt aufbaut und die Schutzgebiete meidet).

Von Aachen aus in die Alpen

Dass man für abenteuerliche Outdoor-Erlebnisse nicht unbedingt einen Urwald oder ein Hochgebirge braucht, weiss auch Philip Linnartz. Er fährt gerne mal für 48 Stunden mit dem Nachtzug von Aachen aus in die Alpen, aber wenn er dafür keine Zeit hat, unternimmt er in Nordrhein-Westfalen Mini-Bergtouren – und klettert auf alte Abraumhalden, die vom Bergbau übrig geblieben sind. 50 Höhenmeter sind schnell geschafft, und auf dem Gipfel ist er meistens allein. Sein bisher eindrücklichstes Erlebnis hatte er auf einer Wiese südlich von Aachen, wo er unter freiem Himmel übernachtete.

«Die Location war eigentlich unspektakulär», erzählt Linnartz, «ich lag so da, starrte in den Himmel – und plötzlich sah ich einen riesigen Feuerball. Er hat in verschiedenen Farben geglüht, das hat mehrere Sekunden lang gedauert.» Es war ein Bolide, ein besonders grosser und heller Meteor. Spektakulär – aber fast schon zu gross für ein Mikroabenteuer.

Erstellt: 21.08.2019, 20:59 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Kommentare