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Tour de FranceLeader Roglic schaukelt rekordschnell in den Ruhetag

Auf dem Grand Colombier verkleinert sich das Favoritenfeld weiter. Unangenehm wird es für den Leader erst im Ziel.

Primoz Roglic (links) musste sich auf dieser Etappe nur Tadej Pogacar geschlagen geben.
Primoz Roglic (links) musste sich auf dieser Etappe nur Tadej Pogacar geschlagen geben.
Foto: Anne-Christine Poujoulat (Keystone/EPA)

Die Fahrt als gemütlich zu bezeichnen, wäre etwas übertrieben. Aber so richtig am Limit wirkt Primoz Roglic nie auf dieser 15. Etappe der Tour de France, dieser grossen Pässefahrt in den Voralpen. Wäre die Sitzposition auf dem Rennvelo nicht so sehr nach vorne gebeugt, man könnte sich durchaus vorstellen, wie er schaukelnd in einem Lehnstuhl sitzt und dabei die Beine bewegt, so unangestrengt wirkt das.

Erst 600 Meter vor dem Ziel sieht sich der Gesamtleader doch noch bemüssigt, in Aktion zu treten. Er will sich bei seinen Teamkollegen mit einem Etappensieg bedanken. Doch so richtig überzeugend wirkt sein Antritt nicht. Helfer Sepp Kuss sieht sich gar veranlasst, Roglic nachzufahren und noch einmal ein paar Meter für Tempo zu sorgen, ehe dann wirklich der Endspurt ansteht.

Pogacar in zu kleinem Gang

Doch auch da überzeugt das Maillot Jaune nicht komplett. Als er fast synchron mit seinem slowenischen Landsmann und ersten Herausforderer Tadej Pogacar Richtung Ziellinie beschleunigt, macht es nicht den Anschein, als ob er die allerletzte Reserve anzapfen würde. Zumal Pogacar einen zu kleinen Gang eingelegt hat. Trotzdem gewinnt der 21-Jährige seine zweite Etappe.

Und Roglic? Der 30-Jährige hat ein überragendes Team um sich, aus dem er noch herausragt. Der Schlussaufstieg am Grand Colombier ist eine einzige Machtdemonstration von Jumbo-Visma. Die Gelb-Schwarzen fahren zu sechst (!) in die Steigung hinein. Dann setzt sich Wout Van Aert an die Spitze – und zertrümmert Hoffnungen.

Bernal gedemütigt

Denn nicht irgendwelche Fahrer blättern ab. Bereits nach 5 von 18 Kilometern muss erst Nairo Quintana und dann auch Egan Bernal kapitulieren. Der Titelverteidiger hat noch zwei Helfer an seiner Seite – und trotzdem kommt er nicht mehr zurück. Im Gegenteil: Er leidet schwer, schnell ist klar, dass er in diesem Moment die Tour 2020 endgültig verloren hat. Ins Ziel kommt er 7:20 Minuten hinter den slowenischen Dominatoren.

Egan Bernal kommt nicht hinterher.
Egan Bernal kommt nicht hinterher.
Foto: Benoit Tessier (Keystone/EPA)

Mit ihm über die Ziellinie rollt – als wäre der Einbruch nicht genug Demütigung – Wout Van Aert. Dieses Schweizer Sackmesser von einem Radprofi, der Querweltmeister war, heuer Mailand–Sanremo und an dieser Tour zwei Sprints gewonnen hat, schafft es, nach seiner ewig langen Tempofahrt, immer noch mit dem leidenden Titelverteidiger mitzuklettern.

Auf den verpassten Sieg angesprochen verneint Roglic, diesen Pogacar überlassen zu haben. Dann wird er gefragt, wie es um seine Glaubwürdigkeit bestellt sei. Er kneift die Augen zusammen, auf seiner Stirn entstehen Runzeln. Aber nicht, weil er die Frage scheut. Sondern weil «Credibility» offensichtlich noch nicht zu seinem aktiven Englisch-Vokabular gehört. «Ich werde oft kontrolliert. Auch heute Morgen um 6 Uhr», sagt er. «Ich habe nichts zu verstecken. Sie können mir trauen.»

Ob damit das Thema für ihn durch ist? Eher nicht. Allein die Zeit für den Grand Colombier dürfte noch für Gesprächsstoff sorgen. Die Besten erklimmen ihn in 45:50 Minuten – und verbesserten den bisherigen Rekord um fast zwei Minuten.