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Migration im zentralen MittelmeerLampedusa verzweifelt an den Geisterschiffen

Plötzlich kommen wieder täglich neue Flüchtlingsboote, die Insel ist überfordert mit Migration und Corona. Nun schickt Italiens Regierung zwei Quarantäneschiffe und erlässt allen Bewohnern die Steuern.

Nach der Ankunft dieses Schiffes kippte die Stimmung: Am 30. August legt ein grosses Fischerboot in Lampedusa an, das im libyschen Zuwara gestartet war – mit Hunderten an Bord.
Nach der Ankunft dieses Schiffes kippte die Stimmung: Am 30. August legt ein grosses Fischerboot in Lampedusa an, das im libyschen Zuwara gestartet war – mit Hunderten an Bord.
Foto: Lorenzo Palizzolo (Getty Images)

Lampedusa ist zurück in den Nachrichten, es war ja auch nur eine Frage der Zeit. Um die kleine Insel im Mittelmeer, das südlichste Stück Italien, war es in den vergangenen Jahren etwas ruhiger geworden, die grossen Migrationsströme flossen an ihr vorbei. In diesem besonderen Sommer 2020 aber ist die Insel plötzlich wieder die Hauptdestination vieler Bootsflüchtlinge aus Nordafrika. 5000 kamen allein in den vergangenen Monaten.

An manchen Tagen legen gleich mehrere Boote an den Stränden an, eines nach dem anderen, mit je Dutzenden Passagieren: Schlauchboote, Fischerboote, Schnellboote – von Schleppern organisiert. Die Italiener nennen sie «Navi fantasma», Geisterschiffe, weil sie auf keinem Radarschirm aufscheinen oder nur sehr kurz. Die meisten legen nämlich in Tunesien ab, das ist ganz nah. Geologisch gehört Lampedusa zu Afrika, die Insel liegt auf der Afrikanischen Platte.

Gedacht für 190, belegt mit 1500

Lampedusas Hotspot, der für die Aufnahme von maximal 190 Migranten gedacht wäre, beherbergte zuletzt zeitweise mehr als 1500 Menschen. Mit allen Sorgen um die Gesundheit, die in Zeiten von Corona nun mal aufkommen, ob nun zu Recht oder nicht. Die tatsächlichen Zahlen wären beruhigend: Von allen Zuwanderern, die Italien in den letzten Monaten auf Corona getestet hat, waren weniger als vier Prozent positiv. Doch die extreme Rechte schürt die Ängste im Volk.

Er drohte mit dem Generalstreik: Lampedusas Bürgermeister Salvatore «Totò» Martello vor dem Treffen mit Premier Giuseppe Conte in Rom.
Er drohte mit dem Generalstreik: Lampedusas Bürgermeister Salvatore «Totò» Martello vor dem Treffen mit Premier Giuseppe Conte in Rom.
Foto: Massimo Percossi (EPA)

Als nun vor einigen Tagen zum ersten Mal seit langer Zeit wieder ein wirklich grosses Schiff aus Libyen mit 367 erschöpften Passagieren ankam, drohte die Stimmung vollends zu kippen. Am Hafen gab es Proteste, der sprichwörtliche Humanismus der Lampedusani geriet ins Wanken. Bürgermeister Salvatore Martello, sonst ein Mann gemässigter Töne, drohte mit einem Generalstreik und forderte die Zentralregierung auf, den Notstand für die Insel auszurufen. Ein Schrei der Verzweiflung war das.

«Wenn wir die Versprechen auch schwarz auf weiss bekommen – klar, dann bin ich zufrieden.»

Salvatore Martello, Bürgermeister von Lampedusa

Bei manchen der 6500 Insulaner wurden Erinnerungen an 2011 wach, als Rom einmal für eine Weile die Verlegung von Migranten aussetzte – sie blieben einfach auf der Insel sitzen. Sie wurde zu einem Gefängnis unter freiem Himmel, zu einer «Ellis Island Italiens», wie «La Stampa» es nannte. Auch politisch sind solche Bilder und vermeintliche Déjà-vus eine Katastrophe. Und so lud Italiens Premier Giuseppe Conte nun den Bürgermeister Lampedusas und den Regionspräsidenten Siziliens, Nello Musumeci, nach Rom zur Unterredung. Am Tisch sass auch ein halbes Dutzend Minister, viele wichtige Ressorts waren vertreten. Die Geladenen sollten den Eindruck gewinnen, dass man ihr Anliegen ernst nimmt.

Vor allem Martello war nach dem Treffen recht optimistisch: «Wenn wir die Versprechen auch schwarz auf weiss bekommen, klar, dann bin ich zufrieden», sagte er. Dann sei auch die Streikdrohung vom Tisch. Conte versprach den Lampedusani eine ganze Menge, es gibt dafür sogar einen Namen, der wie ein Slogan klingt: «Piano Lampedusa», Plan für Lampedusa.

Der Tourismus leidet, er ist die wichtigste Einnahmequelle

Rom hat erstens bereits zwei grosse Quarantäneschiffe nach Lampedusa geschickt, sie werden am Freitag da ankommen. Alle Insassen im Hotspot sollen darauf verlegt werden. Das alte Lager soll dann zweitens endlich umgebaut werden, damit es in Zukunft gut ausgerüstet ist: für Datenaufnahme und Virustests. Alle Neuankömmlinge sollen auf den Schiffen die Quarantäne absitzen.

Drittens will Italien nun, da es in Tunis eine neue Regierung gibt, Tausende Tunesier ohne Aussicht auf ein Bleiberecht mit Charterflügen zurück in die Heimat bringen. Die Zahl der Repatriierungen ist in der Pandemie stark zurückgegangen, was viele junge Tunesier dazu bewog, es gerade jetzt zu versuchen. Viertens versprach Conte den Inselbewohnern, dass sie fürs Erste keine Steuern mehr bezahlen müssten, und zwar alle: Hotelunternehmer, Fischer, Rentner. Auch allfällige Nachsteuern sind bis auf weiteres ausgesetzt. Schliesslich sei Lampedusa doppelt getroffen worden: Corona und Migration. Das Tourismusgeschäft leidet, es ist die wichtigste Einnahmequelle.

«Jetzt zahlen wir auch noch für Kreuzfahrtschiffe für Migranten, mit Pool und Restaurant.»

Matteo Salvini, Chef der rechten Lega

Mit zwei weiteren Quarantäneschiffen für Lampedusa gibt es davon in Italien jetzt bereits fünf, die anderen drei liegen vor Sizilien. Zunächst wäre auch die Allegra für die kleine Insel geplant gewesen. Doch dann brauchte man sie für die 353 Menschen, die von der Sea Watch 4 und der Louise Michel des britischen Strassenkünstlers Banksy vor Libyen gerettet worden waren. Tagelang warteten Crew und Migranten auf die Zuweisung eines sicheren Hafens, zusehends geprüft, bis sich Rom mit einigen anderen willigen Kapitalen Europas über eine Verteilung der Flüchtlinge einigen konnte.

Nun befinden sie sich wenigstens schon mal im Transit, an Bord der Allegra. Rechtspopulist und Oppositionschef Matteo Salvini sagt dazu: «Als hätten wir Italiener nicht schon genug Probleme, zahlen wir auch noch für Kreuzfahrtschiffe für Migranten, mit Pool und Restaurant.» Der polemische Tonfall ist gesetzt, in zwei Wochen findet in Italien eine Runde Regional- und Gemeindewahlen statt.

9 Kommentare
    H. Trender

    Die Einwohner von der winzigen Insel Lampedusa sind nicht zu beneiden und Europa und die Schweiz bezüglich Masseneinwanderung von Wirtschaftsflüchtlingen, politischen Flüchtlingen, Kriegsflüchtlingen, etc. aus Afrika, arabischen Staaten und weiteren wirtschaftlich schlecht dastehenden Ländern, auch nicht. Die meisten Länder unseres Planeten sind Diktaturen und Pseudodemokratien mit dazugehörenden Problemen. Echte Demokratien sind in der Minderheit und werden seit Jahren von Flüchtlingen unaufhörlich aufgesucht. Ein Ende dieses Exodus ist nicht in Sicht, solange es Leute gibt die der Meinung sind, man müsse und könne die Probleme von Bewohnern dieser Ländern hier in Europa, inklusive der kleinen Schweiz, lösen.