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Die Sauberfrau mit den subversiven Seiten

Doris Day ist tot. Sie verkörperte das Frauenideal der amerikanischen 1950er-Jahre so perfekt, dass sie es schliesslich karikierte.

Verstarb im Alter von 97 Jahren: Doris Day war eine der grossen Ikonen Hollywoods.
Verstarb im Alter von 97 Jahren: Doris Day war eine der grossen Ikonen Hollywoods.
CBS, AFP
Mädchen vom Land: Doris Day wurde 1922 als Doris Mary Ann Kappelhoff im amerikanischen Ohio geboren.
Mädchen vom Land: Doris Day wurde 1922 als Doris Mary Ann Kappelhoff im amerikanischen Ohio geboren.
Phil Burchman, AFP
Wurde die älteste lebende Sängerin, die es in den britischen Charts in die Top 10 schaffte: 2011 wagte Day ein Comeback und veröffentlichte ihr Album «My Heart». (1990)
Wurde die älteste lebende Sängerin, die es in den britischen Charts in die Top 10 schaffte: 2011 wagte Day ein Comeback und veröffentlichte ihr Album «My Heart». (1990)
Terry O'Neill, AFP
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Das Lied, mit dem sie wohl am meisten assoziiert wird, klingt melancholisch und ein wenig fatalistisch. «Que sera sera, whatever will be will be …» Was sein wird, wird sein, sie singt es in «Der Mann, der zu viel wusste» von Alfred Hitchcock. Da spielt sie eine Arztgattin und Mutter, die mit ihrem Mann, Jimmy Stewart, und dem kleinen Sohn auf Ferienreise in Marokko ist, sie geraten ungewollt in eine politische Geheimdienst- und Attentatintrige, der Sohn wird entführt, um die beiden daran zu hindern auszupacken.

Mehr als bloss blond und republikanisch

Doris Day, im heftigsten Gewissenszwiespalt – jeder kennt die Szene, klassischer Suspense –, zögert lang, schreit dann aber doch auf, mitten im Konzert in der Royal Albert Hall, um den Killer am tödlichen Schuss zu hindern. Später dann, in der Botschaft des so geretteten Regenten, setzt sie sich ans Klavier und singt das Lied, das sie auch dem Sohn immer vorgesungen hat, «Que sera sera», immer lauter und schriller, das Lied kriecht durch das Treppenhaus und die Gänge der Botschaft, bis in das Zimmer, wo der Bub gefangen gehalten wird. Que sera sera …aber Doris Day ist eben nicht schicksalsergeben, untätig, sondern energisch, aktiv, risikobereit.

Video: Doris Day ist tot

Als das British Film Institute Doris Day in den Achtzigern eine Retrospektive widmete, nannte es diese «A Compleat Career». Keine komplette, sondern eine plissierte Karriere – englisch pleat = Falte. Und hat mit diesem Titel signalisiert, dass das Phänomen, der Star Doris Day sehr viel mehr bedeutet als das, was man gemeinhin damit verbindet: ein blonder Star, strahlend, immer lachend und fröhlich, gesund, normal, bürgerlich, Hausfrau, Mutter, patriotisch, republikanisch, George-W.-Bush-Promoterin … und 1967 hat sie eine eigene Tierschutzorganisation gegründet. Ein Inbegriff also des Fünfzigerjahre-Amerika? Das British Film Institute konnte durchaus subversives Potenzial in dem Bild entdecken, das Doris Day abgab.

Erfolg mit Stereotypie

Geboren wurde sie am 3. April 1922 in Cincinnati, Ohio, Doris Mary Ann Kappelhoff – ihre Grosseltern waren deutsche Immigranten. Sie begann als Sängerin im Radio, einer ihrer frühen Hits war «Sentimental Journey» Anfang 1945: ein Song, der schon mal klangvoll das Ende des Kriegs und die Rückkehr der amerikanischen Soldaten herbeiträumte.

Ende der Vierziger fing sie an, Filme zu machen, Musikfilme zunächst, «Zaubernächte in Rio» oder «April in Paris» oder «The Pajama Game», dazwischen aber immer auch strenge, dramatische Filme. In «Young Man with a Horn» (Der Jazztrompeter) von Michael Curtiz ist sie eine der zwei Frauen, die um die Liebe von Kirk Douglas kämpfen, der als Musiker Karriere machen will – die andere Frau ist Lauren Bacall: es ist ein musikalischer Film noir, verbissen und bitter.

In «Storm Warning» (Der Gefangene des Ku-Klux-Klan) ist sie eine junge Frau in einer Kleinstadt; ihre Schwester, ein erfolgreiches Model aus New York (Ginger Rogers), kommt zu Besuch, sie wird Zeuge einer Klan-Attacke, es gibt brutale Intrigen und Druck von verschiedenen Seiten, Doris Days Mann ist einer der KKK-Leute.

Den richtig grossen Erfolg in Hollywood hatte sie dann in den Fünfzigern und Sechzigern mit einer Reihe von Komödien, die auf sie zugeschnitten wurden und die im Fernsehen viele Jahre lang in schöner Regelmässigkeit im Programm auftauchten. Amerikanische Stereotypie, und schon die Titel sind hier Programm sind: «Bettgeflüster», «Ein Hauch von Nerz», «Meisterschaft im Seitensprung», «Ein Pyjama für zwei», «Was diese Frau so alles treibt», «Eine zu viel im Bett».

Nicht immer unschuldig

Doris Day kann sich da die grossen eleganten Männer der Fünfziger aussuchen, mit denen sie sich einlässt: Rock Hudson, Cary Grant, James Garner. Die Frau in diesen Filmen ist selbstbewusst, kokett und komisch, nicht immer unschuldig, aber Nacktheit und Bettszenen sind eher selten.

Zweimal drehte sie in den Sechzigern mit Frank Tashlin, der am radikalsten die amerikanische Komödie zertrümmerte und sie dann aus den Einzelstücken wieder neu zusammenbastelte. Es sind zwei Agentenfilme, in denen, genregemäss, der Slapstick reaktiviert wird: «The Glass-Bottom-Boat» (Spion in Spitzenhöschen) mit Rod Taylor und «Capricew mit Richard Harris. Als unbewusstes Opfer von Spionageintrigen entwickelt Doris Day eine hinreissende Naivität, mit zwei Gesichtern.

Diese zwei Seiten verzauberte auch die Leute vom British Film Institute bei ihrer Retrospektive. Natürlich würdigten sie die eher abseitigen Stücke von Doris Day, «It Happened to Jane» (Mit mir nicht, meine Herren), 1959, von Richard Quine, oder «Das Teufelsweib von Texas», 1967, wo sie sich im Wilden Westen durchaus wohlfühlt. (Auch Calamity Jane hat sie mal spielen dürfen.) In «Mit mir nicht, meine Herren» ist sie selbständig, sie hat eine Hummernzucht, und als sie Ärger kriegt mit dem Chef der lokalen Eisenbahn, legt sie sich, mit Hilfe von Jack Lemmon, eine eigene Linie und Lokomotive zu.

Die Unabhängigkeit, die sie in diesen Filmen entwickelt, schlägt auch auf die klassischen Komödien und Komödienrollen durch. Doris Day verkörpert so perfekt und makellos das amerikanische Frauenideal der Fünfziger, dass sie es karikiert und transzendiert. Das Propere wird von Einstellung zu Einstellung suspekter und unergründlicher, das ist der Effekt dieser «compleat career». Am Sonntag ist Doris Day im Alter von 97 Jahren in Carmel Valley, Kalifornien gestorben.

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