Was die Männer können, kann Cardi B besser

Mit der US-Rap-Königin und dem Londoner Stormzy hat das Openair Frauenfeld begonnen. Gemeinsam haben sie nichts – ausser Ed Sheeran.

Rap-Königin Cardi B tuts in Frauenfeld für die Ladys. Foto: Keystone

Rap-Königin Cardi B tuts in Frauenfeld für die Ladys. Foto: Keystone

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Sie fühle sich sehr krank, liess Cardi B im Anflug in Richtung Schweiz via Instagram ihre über 47 Millionen Follower wissen. «Switzerland» solle dann besser abgehen, weil: «Boy oh boy oh boy, me don’t feel good.» Ihre Millionen-Gefolgschaft sah später dann auch ein Video, wie die 26-Jährige aus der New Yorker Bronx die Schwäne als «big ass motherfucking swans» würdigte.

Als die Nacht am Eröffnungstag des Openair Frauenfeld, des grössten Hip-Hop-Festivals Europas, längst hereingebrochen ist, steht Cardi B trotz der beklagten Erkältung und den Bauchschmerzen auf der Bühne. Weil: Eine «bitch», die vor ihrem phänomenalen Aufstieg bis hin zur Rap-Königin der Gegenwart nur strippen oder verlieren als Optionen hatte, lässt sich von solchen gesundheitlichen Problemchen nicht unterkriegen.

Man hört diese Zeilen über die scheinbare Ausweglosigkeit und ihren Weg aus dem Stripclub hin unter die Dusche, in der es Juwelen regnet, noch ab Konserve. Ihre zehn Tänzerinnen formieren sich dann und warten, bis Cardi B im hellblauen Glitzerbody auf die Bühne schreitet. Und Belcalis Almanzar, wie sie bürgerlich heisst, zeigt, dass sie das Rap-Game derzeit überzeugender spielt als so viele andere.

Es geht in ihren Tracks und ihrer Show, wie bei ihren männlichen Kollegen, ums Zeigen, was und wie viel man besitzt. Um den Körper, um sehr viel Sex, wenn sie mit ihrem Arsch wackelt und über ihre «pussy» rappt. Und vor allem auch um ungeahnten Reichtum. Da regnet es Dollarnoten auf der Leinwand, man sieht Ferraris und Goldschmuck und Gucci-Accessoires. Der DJ und Zeremonienmeister bittet vor dem Song «Money Bag» jene, die mehr als 100 Franken in der Hosentasche tragen, die Hände in die Luft zu strecken. Und nimmt jene, die nur zehn Franken dabeihaben, aus dem Spiel.

Mit diesem Track schaffte Cardi B den Durchbruch. Video: Youtube

Es ist eine hyperkapitalistische und hypersexualisierte Welt, die Cardi B in ihrer Show feiert. Eine, die die Goldketten- und Porno-Hip-Hop-Klischees nicht subversiv unterwandert, sondern weiter zementiert. Aber froh muss man schon sein, dass es nach ihrer Erzfeindin Nicki Minaj endlich wieder einmal eine Frau bis in die Superstarliga geschafft hat. Denn warum darf eine Rapperin nicht einfach das tun, was bei den Männern und ihren Schwanz-Raps an der Tagesordnung ist?

Cardi B, die in diesem Frühjahr mit ihrem Debüt «Invasion of Privacy» als erste weibliche Solokünstlerin den Grammy für das beste Rap-Album gewonnen hat, macht dies ja auch alles für die Frauen: «I do it for the ladies», sagt sie nach einer weiteren Twerk-Einlage, während sie kurz vor dem Auftritt auf Instagram mehr Support für weibliche Rapperinnen forderte. Und ihren Kritikern erklärte, warum sie über ihre «pussy» rappt: Weil das die Leute hören wollen – ihre nachdenklicheren Songs hätten ja niemand interessiert.

Fehlt nur noch die Musik, und die ist in Frauenfeld auf dem Punkt. Sie ist hässlich und rachsüchtig, wenn sich Cardi B an ihre Haters und Neider wendet. Sie klingt ausgelassen und wird von der beeindruckenden Frauenfelder-Publikumsmasse auch ausgelassen gefeiert, wenn sie den letztjährigen Latino-Crossover-Sommerhit «I Like It» unter Konfettiregen anspielt. Sie klingt schon fast still in den wenigen ruhigeren Passagen. Sie klingt entfesselt, wenn sie ihren Durchbruchssong «Bodak Yellow» und ihre «money moves» aufführt. Und noch einmal klarmacht: «Don’t fuck with me».

Ed Sheeran verbindet Cardi B und Stormzy

Nach 40 Minuten und einem letzten Goldregen ist diese Revue bereits beendet. Aber man kann Cardi B seit heute auch in einem Track des Albums hören, das die verschiedenartigen Mainstream-Pop-Welten zusammenbringt. Es stammt von Ed Sheeran, der bislang als herzlich uncooler Balladen-Sänger aufgefallen ist. Auf «No 6 Collaborations Project» vereint der Engländer nun aber fast alle, die weitere Streaming-Milliarden versprechen: Neben Cardi B, die im Song «South of the Border» rappt, und anderen Prominenten wie Eminem oder Justin Bieber führt die Gästeliste auch den Frauenfeld-Freitags-Headliner Travis Scott auf – und Stormzy.

Der Südlondoner rappt früher an diesem Donnerstagabend, als die Sonne noch fast zu hell ist für seine Nacht- und Strassenmusik. Stormzy würdigt während des Konzerts Ed Sheeran mit dem Welthit «Shape of You» und sagt: Anders als sein rothaariger Freund sei er noch nicht der grösste Star der Welt. Auf bestem Weg dorthin ist er aber, zumal er im Bildungsbürgertum angekommen ist. Denn der 25-Jährige wurde nach seinem sensationellen Konzert am Glastonbury Festival – dem britischen Nationalheiligtum – vor zwei Wochen in einem «New Yorker»-Essay von Zadie Smith zum König geadelt, und wer Sibylle Bergs Roman «GRM» gelesen hat, konnte ihm und seinen Zeilen auch begegnen.

«Fuck Boris!»

Stormzy ist an diesem Abend der einzige Engländer unter all den US-Rappern. Die bewundere er ja schon auch, doch er stehe für die schwarze britische Kultur ein – und in Frauenfeld wolle er nun eine Lektion geben. Bei ihm gibts denn auch keine laut knallenden Gunshots und nur sehr wenige Partytröten zu hören, die am Eröffnungstag allgegenwärtig waren. Sondern er gibt ein Grime-Set mit nervös getakteten Beats aus den Clubs und genauen, anstachelnden Raps.

Schnauze halten? Danke, nein. Video: Youtube

Und er unterstreicht, warum Grime die drastischste popmusikalische Innovation aus England seit Punk ist. Mitte der Nullerjahre hat diese sehr lokale Musik mit Rappern wie Dizzee Rascal die Londoner Piratenradiostationen verlassen; seit einigen Jahren gibt Grime dank einer nachgewachsenen Generation den Mainstream-Takt vor.

Aber nicht, dass Stormzy – abgesehen von der Sheeran-Einlage – Konzessionen an die Masse macht: Er fordert in Frauenfeld «energy, energy, energy», damit sein zweites Schweizer Konzert ein legendäres werde. Nun, legendär wird es – anders als in Glastonbury, als Stormzy mit seiner stichfesten Union-Jack-Weste aufgetreten ist – nicht. Dazu mangelt es an Dringlichkeit auch im Publikum, weil wir uns ja hier nicht im London der Gegenwart befinden, wo der Wohnraum kaum mehr bezahlbar ist und die Marginalisierten weiter an die Ränder gedrängt werden. Aber man erhält eine Ahnung von der Spannung, wenn Stormzy mit einer einnehmenden Präsenz Tracks von seinem Debüt «Gang Signs & Prayer» rappt.

Gegen Schluss skandiert er in einer seiner aktuellen Single «Vossi Bop» den Ausruf «Fuck Boris!» in Richtung Boris Johnson und der Brexit-Regierung und beendet seinen Auftritt mit «Shut Up». Mit diesem Freestyle-Track wurde er auf Youtube entdeckt, und man sieht auf der Videowand Ausschnitte aus jenem Clip: ein sehr junger Stormzy steht da, umkreist von Freunden in seinem Quartier, rappt darüber, wie er alle zum Schweigen bringen wird. Und die Schnauze halten? Wird er sowieso so schnell nicht wieder. Zum Glück.

Erstellt: 12.07.2019, 12:01 Uhr

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