Die Scheibe zwischen Sein und Schein

Mit «Spiegel – Der Mensch im Widerschein» entführt das Museum Rietberg in die fantastische, 7000 Jahre umfassende Kulturgeschichte eines heute ganz alltäglichen Objekts.

Paul Delvaux, «Frau im Spiegel», 1936. Foto: Paul Delvaux Foundation – St. Idesbald, 2019, Pro Litteris, Zürich

Paul Delvaux, «Frau im Spiegel», 1936. Foto: Paul Delvaux Foundation – St. Idesbald, 2019, Pro Litteris, Zürich

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Es ist nicht einfach, Skulpturen des Narziss, also des Jünglings, der sich in das eigene Spiegelbild verliebte, zu finden. Albert Lutz, der Direktor des Museums Rietberg, wurde jedenfalls bei der Ausstattung seiner neuen Ausstellung weder in der Antike noch in der Renaissance fündig, hingegen in der Royal Academy von London. Dort entdeckte er die wunderbare, geradezu liebliche Skulptur «Narcissus», die der britische Bildhauer John Gibson 1838 aus weissem Marmor schuf.

Nun gehört Gibsons nackter Knabe mit vornübergebeugtem Gesicht, der dabei ist, sein Ebenbild in einem Teich anzuschauen, zum «Empfangskomitee» der Ausstellung «Spiegel – Der Mensch im Widerschein» im Museum Rietberg. Im ersten Raum gibt es auch Bill Violas «Surrender»-Video aus dem Jahr 2001 zu sehen, das zwei Schauspieler in einem Meer von Tränen zeigt. Dann Giovanni Segantinis Gemälde «Vanità» (1897), das eine nackte rothaarige Schönheit beobachtet, die in einem Bergsee statt ihres Spiegelbildes einer grässlichen Schlange ansichtig wird. Schliesslich sei auch eine wunderbare Miniatur aus dem «Roman de la rose» aus der Mitte des 14. Jahrhunderts erwähnt, in der das Gesicht eines im Garten liegenden Jünglings in einem Brunnen gespiegelt wird.

Direktor Albert Lutz wird bald pensioniert und lädt mit dieser weit ausgreifenden Ausstellung zu seiner Abschiedsvorstellung. Nach zwanzig Jahren an der Spitze des Museums Rietberg ist sie zu einer Art Rückblick auf die vergangenen Jahre geworden, da zahlreiche Themen früherer Ausstellungen anklingen oder explizit wieder aufgenommen werden. Auf diesen Aspekt nimmt der riesige Rückspiegel von Silvie Fleury Bezug, der beim Eingang der Ausstellung aufgestellt ist.

Mittel zur Selbsterkenntnis

Die Schau präsentiert die Summe der Erfahrungen, die sich Lutz als Ausstellungsmacher angeeignet hat. Denn die «Spiegel»-Schau ist zu einem besonders üppigen, assoziativen und überaus abwechslungsreichen Abschiedsgeschenk geworden, das mit atemberaubenden Leihgaben aus dem Louvre, dem Victoria and Albert Museum und dem Metropolitan Museum auch die verwöhntesten Besucher zum Schwärmen bringen dürfte.

Spiegeldose mit Frauen, 4. Jh. v. Chr. Foto: RMN-Grand Palais (Musée du Louvre)

Am Anfang widmet sich die Ausstellung in zahlreichen Bildern und Texten erst mal dem Spiegel als Mittel der Selbsterkenntnis. Schon mit 18 Monaten sind Kleinkinder imstande, sich im Spiegel selbst zu erkennen. Das eigene Bild im Spiegel gehört danach unabdingbar zur Entwicklung des Selbst und wird heute zwar nicht abgelöst, aber doch ergänzt durch das Selfie. Das wird in der Ausstellung mehrmals erwähnt und positiv umgesetzt, insofern die Besucher ausdrücklich zum Machen von Selfies aufgefordert werden.

Danach geht die Reise durch die 7000-jährige Kulturgeschichte des inzwischen so alltäglich gewordenen Objekts Spiegel. Die ältesten Exemplare sind Grabbeigaben aus Obsidian, die in neolithischen Gräbern in Anatolien gefunden wurden.

Giftige Quecksilberdämpfe

Man streift fast alle Epochen und Kontinente und gelangt bis in die Gegenwartskunst, die unter anderem mit Arbeiten zahlreicher Fotografinnen und mit Werken von Anish Kapoor, Gerhard Richter und Michelangelo Pistoletto vertreten ist. Grossartig auch die rätselhafte Frau, die der belgische Maler Paul Delvaux in eine Höhle gestellt hat. Der Spiegel dient in «Die Frau im Spiegel» von 1936 grad nicht der Selbsterkenntnis, sondern verdoppelt (und intensiviert damit) den leeren Blick der vor sich hinstarrenden Frau.

Die Reise um die Welt führt von Ägypten über Rom und die Kelten bis nach Indien, geht weiter nach Indonesien, China und Japan, um dann nach Peru und Mexiko in Nordamerika zu enden. Ästhetisch ist das überaus reizvoll, da die Spiegel in den meisten Kulturen ein Luxusgut waren und kunstvoll verziert worden sind. Zugleich findet auf dieser Reise auch eine Einführung in die Technik der Spiegelherstellung statt. Während man in der Frühzeit der Kulturgeschichte des Spiegels Steine wie Obsidian so lange polierte, bis sie zu spiegeln begannen, kamen später Metalle wie Kupfer und Bronze zum Einsatz.

Die Schau mit ihren prachtvollen Leihgaben ist das Abschiedsgeschenk des Direktors, der in Pension geht.

Im Mittelalter wurden Glasgefässe mit Blei ausgegossen, sodass halbkugelförmige Spiegel entstanden. Im 17. Jahrhundert kam dann Quecksilber zum Einsatz, mit dem man die Spiegelwände in Versailles zum Glänzen brachte. Die Dämpfe des Gifts brachten aber die Arbeiter in den Werkstätten in Paris und der Picardie schon in jungen Jahren um. Erst mit dem deutschen Chemiker Justus Liebig, der eine Technologie zur giftfreien Beschichtung von Glas mit Silber entdeckte, wurde die Spiegelproduktion dann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts revolutioniert. Heute werden Spiegel meist mit Aluminium hergestellt.

So sehr Chronologie auch in dieser Ausstellung eine Rolle spielt, die Gliederung in zwölf Säle, von denen sich die meisten im zweiten Untergeschoss des von Adolf Krischanitz gebauten Gebäudes befinden, ist thematischer Natur. Sie führt vom Selbstporträt über tugendhafte und magische Spiegel bis hin zu Instrumenten des Voyeurismus und zu Mitteln, um in Parallelwelten zu gelangen. So gesehen bei Pistoletto oder noch weit bekannter in Lewis Carrolls «Alice im Wunderland», wo das Mädchen durch einen Spiegel hindurch in eine Welt der Träume gelangt.

Denn dem Spiegel eigen ist eine Ambivalenz, die ihn zwar durchaus als zur Wahrheitsfindung geeignet erscheinen lässt, dabei aber immer bewusst macht, dass man es mit einem vergänglichen und erst noch seitenverkehrten Bild zu tun hat. Schon bei Ovid musste Narziss darum erleben, dass er sich zwar in das eigene Spiegelbild verlieben konnte, das er auf der Wasseroberfläche einer Quelle entdeckte, dass er sich aber angesichts der Unerfüllbarkeit seines Begehrens sofort in eine Blume, eine Narzisse, verwandelte.

Brutalität im Badezimmer

Besonders hübsch und besonders aktuell ist das Abschlussbild, das Lutz für seine Ausstellung gefunden hat. Es heisst «Schweizer Narziss» und stammt vom Basel Künstler Paul Camenisch, der es 1944 als Kommentar zu Schweizer Neutralität gemalt hat. Das Gemälde, das einen nackten jungen Mann im Badezimmer zeigt, wie er sich ungestört und auch ein bisschen selbstverliebt im Spiegel betrachtet, entstand nach der Schlacht um Stalingrad. Während der Schweizer Narziss sich ganz auf sein Aussehen konzentriert, bringen die Kacheln an der Wand, auf denen Camenisch mit rotem und grünem Stift Erschiessungsszenen festhielt, auf geradezu surrealistische Weise die ganze Brutalität des Kriegs ins Badezimmer.

17. Mai bis 22. September 2019.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 15.05.2019, 20:38 Uhr

«SPIEGEL – Der Mensch im Widerschein» – Zoe Pastelle (Video: Museum Rietberg)

«SPIEGEL – Der Mensch im Widerschein» – Charles Aellen (Video: Museum Rietberg)

«SPIEGEL – Der Mensch im Widerschein» – Aurore Lissitsky (Video: Museum Rietberg)

«SPIEGEL – Der Mensch im Widerschein» – Ivan Mikulic (Video: Museum Rietberg)

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