Schauen, hören, kichern

In György Ligetis «Le grand Macabre» vermasselt Nekrotzar den Weltuntergang. Und das Zürcher Opernhaus rettete die Premiere.

Fürst Gogo (David Hansen) fistelt in Violett, und Astradamors (Jens Larsen) ist doch nicht tot.

Fürst Gogo (David Hansen) fistelt in Violett, und Astradamors (Jens Larsen) ist doch nicht tot. Bild: Herwig Prammer

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Es war kein Komet, der das Zürcher Opernhaus am Samstag traf. Aber immerhin ein Grippevirus, das die Mezzosopranistin Judith Schmid alias Mescalina von der Premiere fernhielt und auch das Betriebsbüro in einen fiebrigen Zustand versetzt haben dürfte. Schliesslich ist György Ligetis «Le grand Macabre» von 1978 zwar eine der erfolgreichsten Opern der letzten Jahrzehnte; aber die Sängerinnen, welche die Rolle intus haben, sind rar. Eine fand sich dann doch: Sarah Alexandra Hudarew, die diese Partie 2017 in Luzern gab, wurde nur Stunden vor der Premiere aus Guadeloupe eingeflogen, stellte sich an die Seite der Bühne und sang – souverän.

Spielen musste allerdings eine andere, und das war der zweite Glücksfall für diese Premiere: Regisseurin Tatjana Gürbaca persönlich gab die Mescalina und bot dem Publikum damit die Chance, ihr sozusagen über die Schulter zu schauen bei der ­Auseinandersetzung mit einem Stück, das eine in jeder Hinsicht nahrhafte Knacknuss ist.

Auskomponierter Orgasmus

Als Anti-Anti-Oper hatte Ligeti «Le grand Macabre» bezeichnet: weil er damit so heftig wie deftig die spröde Avantgarde attackierte, die ihrerseits die romantische Operntradition attackiert hatte. Statt einer Ouvertüre hat er also eine saftige Autohupen-Toccata komponiert, statt eines sublimen Liebesduetts einen auskomponierten Orgasmus. Man hört wild zusammengewürfelte Stilzitate und jede Menge Kalauer (witzige und alberne). Und wenn der böse Nekrotzar den Weltuntergang mit fast schon biblischem Pathos ankündigt («und sieben Engel mit Posaunen werden posaunen»), ahnt man gleich, dass das alles nur Bluff ist.

Nun ist seit der Stockholmer ­Uraufführung einige Zeit ver­gangen; die musikalische Avantgarde hat sich verändert, die Welt ebenfalls, vielleicht sogar der Sinn für Humor und ganz sicher die Art der Operninszenierung. Was damals provoziert hat, ist längst Routine. So bleiben heutigen Regisseuren eigentlich nur zwei Möglichkeiten im Umgang mit diesem Stück: Entweder sie schieben es auf der Skala der Schrillheit noch ein paar Stufen nach oben (Herbert Fritsch tat das in Luzern). Oder sie ersetzen die Schockfarben durch dezentere Töne: Das war Tatjana Gürbacas Taktik.

Gerade bei der Mescalina zeigt sich das, die ihren Mann mit Spiessen und Küssen quält und nach seinem vermeintlichen Tod in heftiges Wehklagen ausbricht: «Oweh! Oweh! Wer soll spülen? Wer soll waschen?» Eine sadistische Knallcharge ist sie im Original, und nur das. Bei Gürbaca bekommt sie nun Facetten, einen fast schon psychologisch stimmigen Charakter. Sie gewinnt ­damit an Kontur, zweifellos. Aber sie verliert auch einiges von ihrer satirischen Kraft.

Musikalische Witze

Der zweite Einspringer, der italienische Dirigent Tito Ceccherini, setzt dagegen vor allem auf Kraft. Er hat die Produktion vom Zürcher Generalmusik­direktor Fabio Luisi übernommen – der hatte sich das Stück gewünscht, es aus gesundheitlichen Gründen jedoch abgeben müssen. Ceccherini hat Erfahrung mit dieser Musik – und Spass daran. Laut lässt er die Philharmonia spielen und dann noch lauter: Hauptsache, die ­Effekte stimmen. Allzu viele Nuancen kann man ihm bestimmt nicht vorwerfen.

Die besten Momente sind dennoch jene, in denen Ceccherini sich und die Musiker ein ­wenig zurückhält – und einen musikalischen Witz auch mal ohne Getöse serviert. Denn diese Witze sind, zumindest teilweise, immer noch gut.

Wenn die Sopranistin Eir Inderhaug als Venus oder als Chef der Geheimen Politischen Partei Gepopo zu ihren absurden Koloraturen ansetzt, dann ist das nach wie vor die schönste Persiflage auf alle Königinnen der Nacht. Der Schimpfwortwettbewerb der beiden Minister Oliver Widmer und Martin Zysset könnte auch heutige Aggros zu etwas mehr Fantasie anregen («Nageltier!» «Nacktgeschirr!»). Der Fürst Gogo (David Hansen) fistelt hinreissend, Piet vom Fass (Alexander Kaimbacher) kippt in virtuoser Besoffenheit zwischen den Registern hin und her. Und den Trinkspruch von Jens Larsens Astradamors kann man sich nur zu Herzen nehmen: «Auf wohliges Verscheiden: Prost!»

Zoten und Propeller

Das Publikum bekommt allerdings nichts zu trinken, das zweistündige Stück wird ohne Pause durchgespielt. Das ist gut, weil man so drinbleibt in dieser seltsamen Welt, die hier Breughelland heisst. Und trotzdem schade, weil man sich die Aufführung vielleicht tatsächlich am besten in leicht beduseltem ­Zustand ansehen würde. Es wäre dann egal, dass man den Trick mit dem Chor im Parkett schon zu oft gesehen hat. Und auch, dass der Kostümbildnerin Barbara Drosihn nicht zu allen ­Figuren so viel eingefallen ist wie zur Venus. Man würde sich kindisch freuen über das hübsche Propellerdings von Bühnen­bildner Henrik Ahr und kichern über die Zoten, die hier oft erstaunlich brav wirken.

Es wäre dann auch egal, dass manches zu grob ist und anderes zu subtil in dieser Aufführung, denn oft ist sie ja gerade deshalb genau richtig. Und am richtigsten gegen Schluss, wenn alle denken, sie seien tot, und ganz feierlich singen und gucken – obwohl der Komet, den Leigh Melrose als charismatisch-scharlatanischer Nekrotzar angekündigt hat, gar nicht gekommen ist.

Oder noch nicht, man weiss es nicht so genau. Sicher ist: Das Licht ging rechtzeitig aus. Und die Leute von Breughelland konnten ungetrübten Premierenapplaus entgegennehmen.

Noch bis am 9. Februar zeigt das Zürcher Opernhaus neben «Le Grand Macabre» Tatjana Gürbacas Inszenierung von Verdis «Rigoletto». Und ab dem 17. Februar gibt es ihre letztes Jahr in Winterthur gezeigte Version von Mozarts «La finta giardiniera». (zsz.ch)

Erstellt: 04.02.2019, 16:52 Uhr

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