Gottes Werk und Zwinglis Beitrag  

«Zwingli» ist historisch korrekt und trotzdem spannend. Er erzählt von Freiheit – und einer Liebesgeschichte.

Ein Mann kommt in die Stadt und tut, was ein Mann tun muss: Max Simonischek (M.) als Huldrych Zwingli. (Quelle: Youtube/ Ascot Media; Video: Tamedia)

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Ein Historienfilm, in dem «historisch» nicht nur heisst, dass die Darsteller den auftretenden Kostümen wie angegossen passen, ist ja von Natur aus eine Zwickmühle: Er soll Geschichte sein und muss doch Drama werden. Er macht eine Gegenwart aus einer Vergangenheit, und die Spannung trägt Verantwortung für die Wahrheit, aber die Wahrheit für die Spannung auch. 

Die Wahrheitspflicht wächst mit der Bedeutsamkeit des Themas, ethisch und ästhetisch. Die Spannungspflicht wird deshalb nicht kleiner; und das Leben des Huldrych Zwingli und die Sache der zwinglianischen Reformation, der Zürich ein ordentliches Armenwesen verdankte, die Zürcher Bibel, «treülich verteütschet», und über Jahrhunderte eine frühe grabähnliche Nachtruhe, sind doch wohl gross genug, um nicht zu schludern.

Kein Erbsenzählen

Mit allem Respekt: Es sind dem lehrreichen, wiewohl etwas lehrhaften, gar nicht langweiligen, akribisch kostümierten, nicht allzu heftig kolorierten Historienfilm «Zwingli» von Stefan Haupt keine Schludereien vorzuwerfen. Weder religionsgeschichtlich noch biografisch und atmosphärisch. Wirklichkeitskonzentrationen, Auslassungen, sprachliche Modernismen, bekömmliche Sentimentalitäten und die etwas zu gesunden Zähne des historischen Personals sind noch lang keine Geschichtslüge.

Die Zürcher Reformation, die sehr aufs Wort aus war, ist also bildersatter Film geworden. Man könnte das für einen Widerspruch halten, für Verrat am Geist einer protestantischen Kargheit, aber was hätten Herz und Kopf davon? Im Konfliktfall zwischen Geschichte und Kino ist der Filmkritiker doch auf der Seite des Kinos. Das wäre die Seite der Toleranz und der Lust auf Drama, des Rührenden und nicht unbedingt des Verbürgten.

Womöglich kommts über «Zwingli» aber gar nicht zum Konflikt. Denn Geschichte als Wissenschaft ist auch kein Erbsenzählen. Auch sie versteht Wahrheit als Prozess von Wahrnehmung und Imagination. 

Ein bisschen komplexer als in «Zwingli» wird es sich damals zwischen 1519 und 1531 gewiss verhalten haben mit dem Motivationsgemenge der Reformatoren und der zu Reformierenden. Weniger organisiert in den «Schnitten» zwischen den Reformationskapiteln. Weniger individualheroisch in der theologischen Kreativität. Weniger sanft in der Sittenstrenge und weniger eindeutig im sozialpolitischen Gerechtigkeitssinn.

Ein Modell des Erklärens und Gedenkens

Spielfilm ist das halt, und sein dramatisches Schnittmuster (Drehbuch: Simone Schmid) geht so: Ein Mann kommt in eine Stadt und tut, was ein Mann tun muss. Zwingli (Max Simonischek) ists, es ist ihm ein Reinigungswerk aufgetragen in dieser waffen- und rattenstarrenden Zeit der Pestilenz und des Höllenglaubens, der Habgier der Kirche, des Elends der Armen, der Völlerei der Reichen und der gottsträflichen Reisläuferei.

Keiner könnte das sonst, und als die Pest ihn befällt, rettet ihn die Liebe einer Frau (Sarah Sophia Meyer) und zu einer Frau, der Priester wird Ehemann, und auch das passt wundersam in die Geschichte von der Verwandlung katholischer Sünde in reformierte Freiheit. Sie führt einen Helden zum Licht und in den Tod für den neuen Glauben.

An der geschichtlichen Tatsache des Todes war im Film natürlich nicht zu rütteln, deshalb trifft am Ende die Nachricht ein, der altgläubige Feind habe nach der zweiten Kappeler-Schlacht 1531 den Zwingli zerhackt, verbrannt und in die Winde gestreut. Jedoch, wie es mit Helden ist: Danach fängt bei einem Zwingli das Leben ja erst an. 

So ist dieser Film ein Modell des Erklärens und Gedenkens und als solches, es kann sein, etwas zu modellhaft und reformationsselig. Aber tadellos, bei Nachsicht gegenüber einigen Klischees (was tut ein katholischer Bischof, während er antireformatorische Strategien erwägt? Er stopft Geflügel in sich hinein). Es sind auch die Schlacken und Widersprüche von Zwinglis Pragmatismus nicht vergessen, die unselige Mischung aus ritueller Strenge und stadtpolitischem Kalkül, die das Ersäufen von Wiedertäufern in der Limmat beförderte.

Wohltuender Widerspruch

Überhaupt ist Stefan Haupts Inszenierung am besten in den Augenblicken des Widerspruchs. In den Momenten von unmittel­barem Gegenwartsgefühl in einer lebendigen Vergangenheitsstimmung. Dort ist dann die menschliche Wärme der letzten Ungewissheit: in der Szene vom berühmten fasttäglichen «Wurstessen» (1522) beispielsweise, sie essen da im Film das verbotene Fleisch wie Hostien, und man spürt eine Gruppe entschlossener Verschwörer quasi beben aus Angst vor und vor Lust auf ein Sakrileg. Oder dort ist wahrhaftige Modernität des Mittelalters: in der klugen Darstellung des Zürcher Bürgermeisters Diethelm Röist (Stefan Kurt) etwa, eines ausgefuchsten Bündnispolitikers, den die katholische Kirche längst nicht mehr am Nasenring führen kann.

Ein paar Tage nach Zwinglis 535. Geburtstag hat «Zwingli» jetzt Premiere. Im Lauf dieses Reformationsjahrs sollen vor ­allem auch Zürcher Schüler in Gratisvorstellungen Zugang haben. Das passt, es ist ein durchaus pädagogisches Werk. Vielleicht wird ihm helfen bei der reiferen Jugend, dass Max Simonischek ein unverstaubter Reformator ist. Im Saft seiner Kraft und ein wenig bübisch beim Trotzen. Ausserdem stehen ihm Soutane und Harnisch ausgesprochen gut. 

Ab Donnerstag Vorpremieren in Lunchkinos (Zürich, Bern, Basel, Biel). Kinostart am 17. Januar.  (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 08.01.2019, 19:20 Uhr

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