«Ich hätte nie gedacht, dass man mich an einem Satz aufhängen will»

Roger Schawinski nimmt Stellung zu den Vorwürfen rund um seine Sendung mit der Prostituierten Salomé Balthus.

Steht im Kreuzfeuer der Kritik: SRF-Talkmaster Roger Schawinski. Einer der Vorwürfe: Unsensibler Interviewstil.

Steht im Kreuzfeuer der Kritik: SRF-Talkmaster Roger Schawinski. Einer der Vorwürfe: Unsensibler Interviewstil. Bild: SRF

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Seit der Talksendung mit der Philosophin und Prostituierten Salomé Balthus gehen die Wogen hoch. Im Vorfeld machte ein Falschzitat die Runde, welches Balthus Schawinski zuschrieb. Nach der Ausstrahlung der Sendung wird Interviewer Roger Schawinski nun in verschiedenen Medien für seinen Interviewstil und seine Haltung Frauen gegenüber kritisiert. Im Interview nimmt er Stellung zu den Vorwürfen. Das Interview wurde schriftlich geführt. Die Antworten werden in ungekürzter Form publiziert.

Herr Schawinski, Sie haben eine Frau zur Primetime unaufgefordert und direkt gefragt, ob sie als Kind sexuell missbraucht worden sei. Wieso finden Sie die Frage angemessen?
Salomé Balthus hat als studierte Philosophin, Autorin und Prostituierte, die mit extremen Blogs, in denen sie quasi ausschliesslich über ihre sexuellen Abenteuer berichtet («Fickt die Reichen»), ein Alleinstellungsmerkmal im deutschsprachigen Gebiet. Mit ihr wollte ich einige wichtige Aspekte von Prostitution behandeln und hatte dazu mehrere Einspieler von Prostitutionskritikerinnen in der Sendung. Alice Schwarzer erwähnte in ihrem Statement, dass Prostituierte überdurchschnittlich oft in ihrer Jugend sexuell missbraucht worden sind, und dass dies durch viele Studien belegt sei. Darauf ging ich mit meiner Frage ein, die ich nur einer Person mit dem sehr speziellen Profil von Salomé Balthus je gestellt hätte.

Im Interview mit Persönlich.com sagen Sie, Sie hätten im Nachhinein einen Psychiater gefragt, ob die Frage legitim sei. Haben Sie auch im Vorfeld Fachpersonen konsultiert?
Nein, aber ich habe mich auf Fachliteratur gestützt. Dort habe ich unter anderem erfahren, dass dasselbe Phänomen auch auf Sexualstraftäter zutrifft – überdurchschnittlich viele von ihnen sind ebenfalls als Kinder sexuell missbraucht worden.

Wären Sie vorbereitet gewesen, wenn Frau Balthus tatsächlich gesagt hätte, dass sie als Kind sexuell missbraucht worden sei?
Ich erwartete vier mögliche Antworten: «Ich gebe darauf keine Antwort» – und das hätte ich absolut akzeptiert. Oder «das war bei mir nicht der Fall». Oder «ja, das habe ich wie viele andere meiner Berufskolleginnen leider auch erlebt». Oder dann irgendetwas Schwammiges. Sie entschied sich für die letzte Variante, was ich sofort akzeptierte. Dazu muss man noch erwähnen, dass dieser Dialog am Anfang der Sendung stattfand. Frau Balthus kam extrem nervös ins Studio. Später hat sie sich entspannt. Am Schluss der Sendung gab sie sich enttäuscht, dass alles so schnell vorbei war, wie sie vor laufender Kamera sagte.

Frau Balthus zitierte Sie im Nachhinein falsch, nämlich dass Sie sie gefragt hätten, ob sie vom Vater sexuell missbraucht worden sei. Danach verlor sie ihre Kolumne bei der «Welt». Finden Sie dieses Nachspiel angemessen?
Ich war über dieses Vorgehen überrascht. Eigentlich habe ich nur an eine Berichtigung des gefakten Zitats gedacht, das aber Ausgangspunkt ihres gesamten Angriffs auf mich darstellte. Der Entscheid wurde von der Leitung der «Welt» getroffen, weil in Deutschland im direkten Nachgang der Relotius-Affäre in Sachen Fake-Zitate eine absolute Nulltoleranz herrscht, was ich nachvollziehen kann. Interessant ist bei ihrer Attacke auf mich, dass sie sich nach der Aufzeichnung bei uns gemeldet hat und mich anfragen liess, ob ich ihr zu weiteren TV-Auftritten verhelfen könne. Der Schock über mein Vorgehen sass offensichtlich nicht ganz so tief, wie sie es nach der Sendung in ihrem Blog in dramatischer Weise schilderte.

Stein des Anstosses war diese Frage von Roger Schawinski an Salomé Balthus in seiner Sendung auf SRF. Quelle: SRF

Zu Persönlich.ch sagten Sie, es gehe nicht, dass Frauen Gleichberechtigung fordern und dann auf weniger kritische Fragen bei sogenannt «weichen Themen» pochen würden. Im Kern geht es aber um Ihren Interviewstil, egal ob im Studio ein Mann oder eine Frau sitzt. Wie gehen Sie mit dieser Kritik um?
Ich führe kritische Interviews. Das tun Sie übrigens zurzeit auch mit mir. Jahrelang wurde ich kritisiert, dass ich mit Frauen viel sanfter umgehe als mit Männern, was teilweise berechtigt war. Deshalb schockiert mich jetzt der implizite Vorwurf der Frauenfeindschaft, denn so fühle ich mich keineswegs. Wohl alle Leute, die mich kennen oder mit mir seit Jahrzehnten gearbeitet haben, würden dies wohl bestätigen.

Sind angriffige Fragen Ihrer Meinung nach bei allen Themen angemessen?
Überhaupt nicht. Das mache ich auch nicht. Vielleicht sollten Sie sich meine jüngsten Sendungen anschauen, etwa diejenige mit Erich Gysling oder mit Laura Zimmermann von der Operation Libero. Aber bei politischen Themen nehme ich quasi automatisch eine antithetische Haltung ein, weil nur ein solcher Ansatz zu Aussagen und Erkenntnissen führen, die nicht an der Oberfläche hängen bleiben, weil ja jeder Interviewte möglichst nur seine Schokoladenseite präsentieren möchte.

«Ich hätte nie gedacht, dass man mich nach einer sehr langen Medienkarriere vor allem an einem einzigen Satz aufhängen will, den ich nie gesagt habe.»

Sie fühlen sich von den Medien als Frauenfeind hingestellt. Haben Sie das Gefühl, dass Sie als Sündenbock, als «alter weisser Mann», hinhalten müssen?
Ja, das ist offenbar das neue Mantra von extremen Feministinnen bei uns. Wobei schon der Begriff verräterisch ist, da es bei uns im Gegensatz zu den USA nur um die Genderfrage und nicht auch um eine Rassenfrage gehen kann. Es ist also ein US-Direktimport. Der Ansatz selbst ist brandgefährlich. Entscheidend soll neu nur die Identität einer Person sein. Wichtig sei nicht mehr, was jemand sagt oder tut, sondern wer er ist. Und diese «alten weissen Männer», die bisher alle Privilegien hatten, haben in dieser Diktion keine Rechte mehr. Sie müssen eliminiert werden, wie etwa die «Watson»-Journalistin Simone Meier explizit gefordert hat. Dazu sind alle Mittel recht, auch die generelle Verunglimpfung mittels fragwürdigster Aussagen. Ja, ich mache mir Sorgen. Wenn wir uns weiter auf diesen Weg begeben, schwächen wir uns als Gesellschaft an einer entscheidenden Stelle.

Welche Konsequenzen ziehen Sie für sich aus dieser Angelegenheit?
Ich hätte nie gedacht, dass man mich nach einer sehr langen Medienkarriere vor allem an einem einzigen Satz aufhängen will, den ich nie gesagt habe. Das ist infam und überstieg mein Vorstellungsvermögen. Auch habe ich die Aggressivität gewisser Feministinnen unterschätzt, die sogar Alice Schwarzer, die Ikone der Emanzipationsbewegung, die meine Sendung positiv bewertet hat, aufs Übelste beschimpft haben. Und ich war überrascht, weshalb diese Sache eine solche Dimension annahm, weil sie von Anfang an enorme Klickzahlen generierte. Gewisse Journalisten konnten nicht genug davon kriegen und schreckten selbst von journalistisch fragwürdigen Methoden nicht zurück wie etwa die «SonntagsZeitung». So hat man die für mich positive Beurteilung durch die in dieser Frage besonders qualifizierte Alice Schwarzer unterdrückt, obwohl der Artikel der Redaktion vorlag, weil dies das Narrativ vom einhelligen Shitstorm zerstört hätte. Offenbar nutzten einige Journis diese Geschichte für Retourkutschen, um diesen unmöglichen Schawinski, der immer noch nicht Ruhe gibt, abzuschiessen. Ja, und dann noch dies: Ich werde Paradiesvögel wie Salomé Balthus nicht mehr einladen und mich auf das bewährte Talkshow-Angebot verlassen. Eigentlich schade, finde ich.
(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 15.04.2019, 18:59 Uhr

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