Wenn Schwule Schwule hassen

Frédéric Martel hat die bislang grösste Studie zu Homosexualität im Vatikan veröffentlicht. Der Soziologe entlarvt ein heuchlerisches System.

Soziologe Frédéric Martel hat während seiner Zeit im Vatikan ein homoerotisches Ambiente festgestellt: Junge Priester bei der Weihe.

Soziologe Frédéric Martel hat während seiner Zeit im Vatikan ein homoerotisches Ambiente festgestellt: Junge Priester bei der Weihe. Bild: Keystone

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Sodom, die mythische Stadt der Sünde im Alten Testament, liefert Frédéric Martel den Titel seines Buches. Mit «Sodoma» meint er den Vatikan und zugleich ein System von Homosexuellen, die nach aussen Homosexualität bekämpfen, nach innen aber das Doppelleben institutionalisiert haben. Ihre Lover geben sie als Assistenten aus, als ihre Sekretäre, Chauffeure oder andere Untergebene. In Sodoma bilden die Homosexuellen die grosse Mehrheit, die grosse Truppe – und zwar je höher in der Hierarchie, umso deutlicher.

Laut Martel sind 80 Prozent der Geistlichen und der Kardinäle an der Kurie schwul, eine Dichte, die selbst das Gay-Viertel Castro von San Francisco nicht erreicht. Darum könne man die Kirche ohne die Homosexuellen gar nicht verstehen: Rigide Positionen verrieten ein Doppelleben, die Homophoben seien selber schwul. Sodoma nährt sich aus dieser Schizophrenie, die Papst Franziskus als «Heuchelei der geschminkten Seelen» geisselt.

Martels Untersuchung ist einzigartig. Der Pariser Soziologe hat vier Jahre lang recherchiert, unterstützt von 80 Forschern. Er hat mit 1500 Personen im Vatikan und in 30 Ländern gesprochen, darunter mit 41 Kardinälen, 52 Bischöfen, 45 Nuntien, 200 Priestern und Seminaristen. Er ist in deren Welt eingetaucht, wohnte unter ihnen, teils im Vatikan, teils in der römischen Casa del Clero. Seine 650-seitige Studie rechnet er zum Genre «Narrative Nonfiction».

Grosszügige Freier

Der Soziologe unterscheidet verschiedene Profile von homosexuellen Klerikern, darunter jene, die regelmässig Stricher aufsuchen. Für die 60 am Bahnhof Roma Termini interviewten Prostituierten sind Priester die besten Freier – die intensivsten, grosszügigsten und verschwiegensten. Diese wiederum ziehen Migranten den Italienern vor.

Laut Martel ist die Dichte von Homosexuellen bei den beruflich reisenden päpstlichen Diplomaten am grössten.

Am anderen Ende der Typologie ortet Martel «homophile Asketen» wie Benedikt XVI. Deren Leitfigur ist der 1973 verstorbene Jacques Maritain, der katholische Denker und Vatikan-Botschafter, der die schwulen Dichter seiner Zeit um sich scharte und mit seiner Gattin in einer Josephsehe lebte. Benedikt hat zwar 2013 die Bischofsweihe für seinen Sekretär Georg Gänswein wie eine Hochzeits- und Krönungsmesse inszeniert. Doch blieb die Homophilie lebenslang Ratzingers «innerer Feind». Seine «verinnerlichte Homophobie» habe Benedikt den Homosexuellen insgesamt auferlegt und von ihnen Keuschheit verlangt.

Laut Martel ist die Dichte von Homosexuellen bei den beruflich reisenden päpstlichen Diplomaten am grössten. Gerade deshalb dienten die Nuntien in den verschiedenen Staaten und bei der UNO Ratzinger als willige Vollstrecker im politischen Kampf gegen homosexuelle Akte, Präservative und Homo-Ehe. Benedikts Pontifikat war für Martel desaströs. Ratzinger hat Befreiungstheologen, die in Afrika Kondome verteilten, abgestraft, viele pädophile Priester aber hat er entschuldigt. Allen voran Marcial Maciel, einen der schlimmsten Kinderschänder des 20. Jahrhunderts.

Die doppelbödigsten Figuren von Sodoma findet Martel in Lateinamerika, etwa im Junta-Argentinien der 70er: Damals diente der päpstliche Gesandte Pio Laghi, ein erpressbarer Homosexueller, als Komplize der Militärs und Informant der CIA. Und im Amüsierviertel von Medellín ist Martel auf das geheime Appartement des früheren Erzbischofs Alfonso López Trujillo gestossen, wohin dieser Seminaristen, junge Männer und Stricher für Sex und Schläge abschleppte.

Mit Faschisten paktiert

Der Hässlichste des Buches ist der frühere Staatssekretär von Johannes Paul II., Kardinal Angelo Sodano, der heute in seinem Luxus-Penthouse im Vatikan lebt. Sodanos schwarze Legende begann 1978, als er für zehn Jahre Nuntius in Chile wurde. Der antikommunistische und rechtsextreme päpstliche Gesandte war mit Diktator Pinochet befreundet und hat dessen Verbrechen an linken Priestern gedeckt. Laut Martel scharten Pinochet und seine Frau einen Hof von katholischen Homosexuellen um sich. Darunter den Priester Fernando Karadima, der in den 80er-Jahren die Pfarrei El Bosque, «einen Ort für Faschisten», leitete.

Im Zentrum der Macht: Kardinal Angelo Sodano grüsst Papst Benedikt an der Ostermesse im Jahr 2010. Foto: Keystone

Der «misogyne und effeminierte» Sodano gehörte mit anderen Bischöfen zum Kreis des charismatischen Priesters. Seit 1984 des Kindesmissbrauchs verdächtigt, konnte Karadima sich fünfzig Jahre lang an Dutzenden Knaben vergehen. Auch als späterer Staatssekretär schützte Sodano Karadima. Über andere Kinderschänder wie Marcial Maciel oder den Wiener Kardinal Hans Hermann Groër hielt Sodano ebenso seine schützende Hand.

Franziskus ist für Martel, bei aller Ambiguität, voll reformerischem Willen. Er sei sich bewusst, in Sodoma «parmi les folles», unter Schwestern, zu leben. Dass der frühere Nuntius von Washington Carlo Maria Vigano in seinem Brandbrief Franziskus Vertuschung vorwarf und Bischöfe wie Kardinäle outete, ist für Martel ein neueres Phänomen: der Krieg der alten verkappten Garde von Homosexuellen gegen die etwas liberalere Homo-Fraktion.

Auch die römischen Priesterseminare sind in Bewegung. Wegen ihres homoerotischen Ambientes sind sie laut Martel der Ort, wo junge Schwule sich ihrer Homosexualität oft erst bewusst werden. Smartphones und Datingplattformen wandeln ihr Leben zum Doppelleben. Nur werden die Seminaristen weniger. Das Priesteramt, lange Fluchtort für junge Homosexuelle, hat an Anziehung verloren. Die Homo-Emanzipation ist für Martel Hauptursache für die massiv sinkenden Priesterberufungen.

Das Buch wurde gestern in acht Sprachen publiziert. Auf Deutsch soll es im September erscheinen.

Erstellt: 19.02.2019, 18:02 Uhr

Frédéric Martel

Der Soziologe, Autor und Journalist arbeitet für France Culture und als Lehrbeauftragter an der ZHDK in Zürich. (Bild: Julien-Falsimagne)

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