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Schawinski traf auf die Frau, die ihn absetzte – und wir haben Mitleid

Im Interview mit TV-Direktorin Nathalie Wappler hatte Schawinski keinerlei Biss. Was war da los?

«Es ist nie schön, wenn jemand weggeht, aber es ist immer auch eine Chance, neue Leute aufzubauen» – TV-Direktorin Nathalie Wappler im Gespräch mit Roger Schawinski (Foto-Screenshot).
«Es ist nie schön, wenn jemand weggeht, aber es ist immer auch eine Chance, neue Leute aufzubauen» – TV-Direktorin Nathalie Wappler im Gespräch mit Roger Schawinski (Foto-Screenshot).

Roger Schawinski trifft in seiner drittletzten Sendung auf SRF-Direktorin Nathalie Wappler. Also auf jene Frau, die das Erfolgsformat des bald 75-Jährigen aus dem Programm gekickt hat. Das hätte ein Showdown werden können – nicht zuletzt wegen des angriffigen Vorspiels: Das Fernsehen werde immer «biederer» und «ängstlicher», «teils wegen der Führung in diesem Haus», hatte Schawinski vor gut einem Monat in seiner Sendung gesagt. Damals war Ombudsmann Roger Blum zu Gast.

Aber zum Showdown mit Wappler kam es nicht, obwohl Schawinski – nach Einwilligung der TV-Direktorin – die reguläre Sendezeit um mehrere Minuten überzog. Ja, im Grunde genommen glich diese Schawinski-Sendung einer ewigen Vermeidung des eigentlichen Themas, das nie direkt zur Sprache kam: Schawinskis Absetzung durch Wappler. Stattdessen ging es um vieles aus dem SRF-Universum, wofür Wappler noch nicht mal richtig verantwortlich gemacht werden kann. Etwa um den abgeblasenen Umzug des Radiostudios von Bern nach Zürich, den Wapplers Vorgänger Ruedi Matter aufgegleist hatte. Oder um den Deal mit dem Werbevermarkter Admeira, der SRF weniger Geld einbringt als erhofft.

Ein Thema war auch der neue Newsroom, der nach mehreren Jahren einfach nicht betriebsbereit werden will – ohne dass man als Normalzuschauer verstehen konnte, was dieser Newsroom jetzt dem Endverbraucher Neues bringt. Und was das Problem ist, wenn da ohne weitere Erklärung von «full IP» die Rede ist. «SRF bei den Insidern» hätte auch ein Titel dieser gestrigen Schawinski-Sendung sein können.

«Dä Blocher da, mit sim blöde Stumpe»

Zumindest etwas Fahrt nahm Schawinski auf, als er Wappler zu ihrer umstrittenen Ansage befragte, SRF solle keinen «Meinungsjournalismus» machen: Schawinski versuchte der TV-Direktorin nachzuweisen, dass sie selbst mit ihrer eigenen Meinung nicht zurückgehalten habe. Dafür griff er auf ein deutsches TV-Format zurück, in dem Wappler die No-Billag-Initiative im Vorfeld der Abstimmung als eine «Schnapsidee» und eine «Bierdeckel-Initiative» bezeichnete hatte. Schawinskis Hauptvorwurf war aber, dass Wappler mit Verzicht auf Meinungsjournalismus am Ende nur die SVP schonen wolle, habe sie doch mal gesagt, sie wolle die Wähler der Rechtspartei nicht mehr als stumpenrauchendes Klischee im Fernsehen zeigen.

Damit stand nichts weniger als der Vorwurf der SVP-Hörigkeit im Raum. Um dieses Argument scharf machen zu können, musste Schawinski weit zurückgehen – bis zum ersten Schweizer «Tatort», aus dem auf Geheiss von Wappler eine SVP-Klischee-Szene herausgeschnitten wurde. Rund zehn Jahre ist das nun her. Zuletzt versuchte Schawinski auch noch zu zeigen, dass das Klischee des SVP-Stumpenrauchers eben doch existiert. Dafür blendete er zwei Fotos von Christoph Blocher mit Stumpen ein, was Wappler aus unerfindlichen Gründen extrem irritierend fand: Die TV-Direktorin sass sekundenlang vor den beiden Fotos, als habe sie den Alt-Bundesrat noch nie in ihrem Leben gesehen. Das schien selbst Schawinski etwas leidzutun. Jedenfalls versuchte er die Szene mit einem saloppen Spruch aufzulösen: «Dä Blocher da, mit sim blöde Stumpe», meinte er, um gegen Ende der Sendung zu verkünden, dass eben dieser Blocher Gast seiner nächsten Sendung ist.

«Weisch Roger, da hat sich in den letzten Jahren einiges weiterentwickelt»

Und Schawinskis Absetzung? Die kam nur indirekt zur Sprache, als es um die Sendegesichter ging. Gerade hätten viele Aushängeschilder das SRF verlassen, meinte Schawinski, ohne zu sagen, was er wohl dachte: dass der bedeutendste Abgang ja erst noch ansteht, nämlich sein eigener. «Es ist nie schön, wenn jemand weggeht», sagte Wappler, «aber es ist immer auch eine Chance, neue Leute aufzubauen.»

Das wollte Schawinski selbstverständlich nicht gelten lassen: «Sendegesichter werden eben erst über Jahrzehnte zu richtigen Sendegesichtern», meinte er. Als Beispiele führte er Johannes B. Kerner und den Fernsehdinosaurier Thomas Gottschalk an. «Ja, aber weisch, Roger, da hat sich in den letzten Jahren aber vieles weiterentwickelt», entgegnete Wappler sanftmütig. Wie recht sie damit hatte, musste Schawinski selbst eingestehen, als die TV-Direktorin Jan Böhmermann erwähnte, der für seinen Aufstieg zu einem der bekanntesten Fernsehmacher weniger als ein Jahrzehnt gebraucht hatte. Jedenfalls wurde Schawinski da sehr ruhig – und wir hatten Mitleid mit dem TV-Talker, der an diesem Abend nicht als das auftreten konnte, womit er uns doch immer wieder unterhielt: als Meinungsjournalist in eigener Sache. Stattdessen war er zahm und geradezu bieder. Wie das Fernsehen ja insgesamt sei, wenn wir Schawinskis Einschätzung glauben.

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