«Bei Priestern können sexuelle Fantasien obsessiv werden»

Für Psychoanalytiker Jürg Acklin ist der Zölibat der Hauptgrund für den Missbrauch durch Kleriker. Der Bischofsgipfel in Rom indes klammert das aus.

Treffen der Kardinäle in Rom. Foto: Tiziana Fabi (AFP)

Treffen der Kardinäle in Rom. Foto: Tiziana Fabi (AFP)

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Rund um den vatikanischen Bischofsgipfel kommende Woche treffen Bischöfe Opfer und verabschieden ­Schuldbekenntnisse. Bringt das etwas?
Vielleicht meinen es die Bischöfe ja ernst. Nur bringen Scham und Schuld, die sie bekennen, keine Remedur. Das Grundproblem bleibt ungelöst. Solange Priester ihre Sexualität nicht akzeptieren, ändert sich nichts. Die Reue entlastet für einen Moment, dann fängt es wieder von vorne an.

Das Grundproblem – die ­kirchliche Sexualmoral samt Zölibat – wird nicht zum Thema gemacht. Wie will sie so dem Phänomen des epidemischen Missbrauchs beikommen?
Das geht sicher nicht. Mir war es immer ein Rätsel, wie man heute Priester werden kann. Wenn das früher jemand wollte, tat er das vielleicht aus ökonomischen Gründen, weil er sonst keine Chance auf Bildung gehabt hätte. Aber heute? Als junger Mann hat man ja nichts anderes im Kopf als Sex. Und da entscheidet sich jemand, in die Kirche reinzugehen, wo er diesen Versuchungen vermeintlich nicht mehr ausgesetzt ist. Da kann man sich schon fragen: Was geht in ihm vor, was sucht er dort? Nach aussen zumindest hat er keinen Sex mehr. Er wird dafür sogar ausgezeichnet.

Ausgezeichnet?
Ja, als zölibatärer Priester ist er etwas Besonderes. Er tut so, als könnte er etwas, was wir anderen Männer nicht können, nämlich auf Sex verzichten. Das ist eine Illusion. Und ich staune, dass die Kirche sie so lange aufrechterhalten kann. Natürlich wird auch der Priester von seinem Trieb gepiesackt, und weil er ihn nicht leben kann, umso mehr. Aus der Abwehr heraus können sexuelle Fantasien obsessiv werden.

Jürg Acklin: Der 73-Jährige ist Schriftsteller und Psychoanalytiker mit eigener Praxis in Zürich.

Dann kann die Kirche den Zölibat nur um den Preis der Doppelmoral aufrechterhalten?
Zur Doppelmoral neigen wir alle, sonst könnten wir nicht leben. Die Frage ist bloss, wie gross der Gap zwischen Ideal und Wirklichkeit ist. Nur in einem fürchterlich rigiden Calvinismus entsprechen sich diese eins zu eins. Die katholische Kirche hat da eine entlastende Geschmeidigkeit. Wenn aber der Gap zu gross und offensichtlich ist, dass das Ideal nicht stimmt, dann wird es problematisch. Das ist die Hauptlüge der Kirche, dass man ohne Sexualität leben kann und dass man deswegen ein besserer Mensch ist. Die Kirche und ihre Gläubigen wissen, dass das nicht stimmt, und trotzdem hält sie daran fest – das ist Macht.

Der Basler Bischof Felix Gmür, der am Gipfel teilnimmt,empfiehlt seinen Priestern und sich selber sportliche oder künstlerische Aktivitäten, um Triebwünsche zu sublimieren.
Das ist völliger Unsinn – die Sublimation ist eine falsche Theorie. Das ist, wie wenn man einen Fluss staut – der aber hört nicht auf zu fliessen und mäandert in andere Richtungen. Gerade aus dem Verbot heraus sucht sich der Trieb Wege und Irrwege. Den eigentlichen Geschlechtstrieb kann man nicht sublimieren – vielleicht mit Kunst, wenn man 90 ist.

Bischof Gmür behauptet auch, der Zölibat habe nichts mit dem Missbrauch zu tun.
Auch da bin ich anderer Meinung. Natürlich hat das eine mit dem anderen zu tun, weil der Zölibat voraussetzt, dass eine normale Sexualität nicht gelebt werden darf, und Sexualität als solche tabuisiert.

Die Kirche muss diesen Korpsgeist und die Männerbündelei aufbrechen.Jürg Acklin, Psychoanalytiker

Ist der Zölibat ein Schutzmantel für sexuell unreife Kleriker?
Ich spreche lieber von einer nicht wirklich entwickelten erwachsenen Sexualität. Sexualität ist nie ganz kontrollierbar und für uns alle schwierig. In der Pubertät etwa möchte man Bordellbesucher sein, dann wieder Asket. Der Zölibat ist nicht nur Schutzmantel, sondern Auszeichnung. Als Priester überwindet man vermeintlich etwas, mit dem man nicht zurande gekommen ist.

Kommt es deshalb in der römisch-katholischen Kirche zu so markant häufigen ­Übergriffen auf Kinder?
Übergriffe auf Kinder gibt es auch in anderen Organisationen, in Sportclubs oder Institutionen der Reformpädagogik. Speziell in der katholischen Kirche ist der Machtapparat, der eine Situation schafft vergleichbar mit einem Teich ohne Zufluss und Abfluss: Es kommt nichts Neues dazu, und es geht nichts weg. Es gibt nur etwas Brackwasser, in dem sich die verschiedensten Vegetationen entwickeln können.

Die Kirche ist ein geschützter Raum für Missbrauch?
Ich will nicht pauschalisieren und die Empörungsindustrie bedienen. Ganz sicher war sie ein geschützter Raum und ist es zum Teil heute noch. Und zwar im Sinne eines schwiemeligen Korpsgeistes, wo der eine den andern schützt. Die Untaten dürfen nicht sichtbar werden, ja, es darf sie gar nicht geben, weil Sexualität in der katholischen Hierarchie nicht vorgesehen ist.

Das Vertuschen funktioniert dank der Männerbündelei?
Auf jeden Fall. Die Kirche muss diesen Korpsgeist und die Männerbündelei aufbrechen. Sonst besteht der Verdacht, dass sie es mit Kindern duldet, aber nicht mit Frauen. Die Männerbündelei beruht ja auf der Angst vor der realen Frau. Die Frau ist entweder Muttergottes, Magd oder Hure – jedenfalls erlaubt man ihr nicht, Subjekt zu sein. Meine Hoffnung ist es, dass sich immer mehr Frauen in der Kirche aktiv und hartnäckig einbringen. Die Emanzipation ist in der Kirche nicht angekommen. Und doch kann sie nicht mehr hinter diese Art von Frauenbewegung zurück. Ausser sie will als kleine Clique überwintern.

Da ist die Ohnmacht des Priesters seiner eigenen Sexualität gegenüber. Und da ist die Ohnmacht des Kindes, das dessen Allmacht ausgeliefert ist. Jürg Acklin, Psychoanalytiker

Sind die Priester, die Kinder missbrauchen, überhaupt pädophil? Oder sind es sexuell unreife Menschen, die in Ersatzhandlungen fliehen?
Es gibt sicher auch pädophile Kleriker, weil sie dort geschützt sind. Bei vielen aber dürfte es eine Ersatzhandlung sein – wie im Gefängnis, wo auch Männer miteinander Sex haben, die nicht homosexuell sind. Ich habe gerade von einem Auerhahn gelesen, der ohne Artgenossin, dafür mit einer Riesenschildkröte aufgewachsen ist: Er hat tatsächlich vor ihr gebalzt.

Rechtskatholiken machen die Homo-Netzwerke in der Kirche für den Kindsmissbrauch verantwortlich. Zu Recht?
Das Verrückte ist ja, dass viele rechtskatholische Priester homosexuell sind und ihre Homosexualität ablehnen. Als Psychoanalytiker weiss man, dass sich das Verdrängte immer wieder meldet, und zwar auf eine ­projektive Art. Ich hatte mal einen Patienten, der sich in einem Komitee aktiv gegen das Fernsehen einsetzte, weil es seiner Meinung nach die Jugend verführt. Er selber aber onanierte zu den Ansagerinnen am ­Bildschirm. Also wollte er sich vor sich selber schützen. Das ist auch bei militant homophoben Rechtskatholiken der Fall, sonst hätten sie eine gewisse Milde den Homosexuellen gegenüber.

Für Papst Franziskus ist Missbrauch kein Sex-, sondern ein Machtproblem, das er mit «Klerikalismus» umschreibt. Führt nicht der sexuelle ­Notstand zu Übergriffen?
Es ist eine klassische Mischung von beidem. Da ist die Ohnmacht des Priesters seiner eigenen Sexualität gegenüber. Und da ist die Ohnmacht des Kindes, das dessen Allmacht ausgeliefert ist. Dank des Machtgefälles kann der Priester seine Sexualität auf höchst problematische Art ausleben, vielleicht auch verbrämen, dass es das Kind auch will. Das Kind aber will es definitiv nicht. Sex macht ihm Angst, ist ihm fremd. Entscheidend ist: Als gehemmter Mensch hat der Priester Mühe, auf das andere Geschlecht zuzugehen, das ist schambeladen. Beim Kind aber muss er sich nicht schämen, weil es diese Referenz nicht hat. Ich denke an mich selber: Ich spreche nicht gut Englisch, es macht mir aber nichts aus, vor Kindern Englisch zu reden.

Leugnet die Kirche Veränderungen, verliert sie die Menschen und ist nicht mehr marktfähig.Jürg Acklin, Psychoanalytiker

Der neue Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer ist einer der ganz wenigen, der sagt, (Macht-)Missbrauch stecke in der DNA der Kirche, in den «Strukturen des Bösen».
Alle Systeme, ob Schul- oder Sportsysteme, haben diese DNA des Machtmissbrauchs in sich drin. Dass das in der katholischen Kirche exzessiv der Fall ist, will ich nicht leugnen. Aber als älterer Herr möchte ich die Hoffnung haben dürfen, dass engagierte Frauen und Laientheologen der Kirche Frischwasser zuführen. Ein bisschen riecht es ja schon nach Veränderung.

Inwiefern?
Meine Hoffnung ist, dass sich die Sexualmoral irgendwann ändert – vielleicht nicht mit diesem Gipfel, aber à la longue. Leugnet die Kirche Veränderungen, verliert sie die Menschen und ist nicht mehr marktfähig. Noch will sie die Sexualmoral aufrechterhalten, die schon etwas wankt. Nur schon dass Papst und Bischöfe jetzt Missbrauch öffentlich verhandeln müssen, bringt Luft und Licht in die Kirche.

Erstellt: 07.02.2019, 14:56 Uhr

Bischofsgipfel gegen den Missbrauch

Diese Woche hat Papst Franziskus erstmals die Misshandlung von Nonnen durch Priester und Bischöfe eingeräumt. Er schlug damit ein neues Kapitel in der Missbrauchsthematik auf – auch weil auf ihn Druck gemacht wurde: Vom 21. bis 24. Februar lädt das Kirchen­oberhaupt die Spitzen der welt­weiten nationalen Bischofskonferenzen zu einem Missbrauchs­gipfel in den Vatikan ein. Es will sie zum gemeinsamen Vorgehen gegen Missbrauch ermuntern, einheit­liche Sanktionen gegen Täter, aber auch Regeln gegenüber Opfern in Erinnerung rufen und Mass­nahmen treffen, um Vergehen und ihre Vertuschung
zu verhindern. (mm.)

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