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Der American Dream darf nicht sterben

Zum Abschluss der unfassbar erfolgreichen Comicreihe «The Walking Dead» von Robert Kirkman erscheint ein Sammelband.

Kampf gegen die Zombies: Szene aus dem letzten «The Walking Dead»-Band. Foto: Cross Cult
Kampf gegen die Zombies: Szene aus dem letzten «The Walking Dead»-Band. Foto: Cross Cult

Sie lief und lief und lief, diese Zombie-Serie, und lange wünschte man sich auch, das möge ewig so bleiben. Als im Herbst 2003 das erste Heft von «The Walking Dead» erschien, rechneten wohl weder der amerikanische Image-Verlag noch der Szenarist Robert Kirkman mit einem überwältigenden Erfolg. Aber genau dieser trat ein, in globalem und crossmedialem Umfang: Inzwischen gibt es gleich drei TV-Adaptationen – neben dem verfilmten Ursprungscomic die Spin-offs «Fear the Walking Dead» und «World Beyond» –, dazu Computerspiele, mehrere Bücher, Brettspiele und natürlich Sammelfiguren. Umso grösser war die Überraschung, als Kirkman im vergangenen Jahr kurzfristig verkündete, die Reihe abschliessen zu wollen. Das war mit dem 193. Heft tatsächlich der Fall. Und es war eine kluge Entscheidung.

Am Anfang von «The Walking Dead» erwacht der Polizist Rick Grimes, nachdem er, von einer Schiesserei schwer verletzt, mehrere Wochen im Koma gelegen ist, im Krankenhausbett einer Kleinstadt. Als er sein Zimmer verlässt, taumeln ihm lauter Zombies entgegen. Im zerstörten Atlanta findet Grimes schliesslich seine Familie wieder. In einer Welt, in der die lebendigen Menschen den Untoten gegenüber eine kleine, gefährdete Minderheit darstellen, steht er vor der schwierigen Aufgabe, einen Platz zu finden, an dem ein dauerhaftes Überleben möglich ist.

Zusammen mit einer sorgfältigen, psychologisierenden Schilderung der Hauptfiguren waren es die verblüffenden Wendungen des Geschehens, mit denen es Kirkman, sekundiert von dem Zeichner Charlie Adlard, gelang, das Interesse an «The Walking Dead» über anderthalb Jahrzehnte wachzuhalten. Wie in «Game of Thrones» war disruptives Erzählen das Gebot: Unvermittelt konnte jederzeit Grauenvolles, Blutiges passieren; kaum ein lieb gewonnener Sympathieträger war dagegen gefeit, plötzlich eines brutalen Todes zu sterben. Auf die Dauer stellte sich paradoxerweise gerade dadurch jedoch ein gewisser Gewöhnungseffekt ein: Hatte man einmal durchschaut, dass die Karten ständig neu gemischt werden konnten, musste die Fieberkurve der Anteilnahme zwangsläufig fallen.

Als Held in der postapokalyptischen Hölle

Je weiter die Serie voranschritt, Monat für Monat, wurde auch deutlich, wie sehr Kirkman bewährte, teilweise sehr alte Muster aufgriff. Rick Grimes ist eine radikalisierte Version des von Stan Lee mit Peter Parker alias Spider-Man erfundenen «hero with a problem». Grimes reisst sich immer wieder zusammen, um seinen Pflichten als Held in einer postapokalyptischen Hölle zu genügen; durch seine schrecklichen Erlebnisse hat er aber mit massiven Seelenqualen zu kämpfen, die ihn bis an den Rand des Wahnsinns führen. Zugleich schimmert Religiöses durch: Wenn Grimes die Gemeinschaft, der er vorsteht, durch alle Fährnisse leitet und mit zündenden Reden immer wieder aufbaut, erinnert er an Moses; die körperlichen Versehrungen, die er zu erdulden hat, machen ihn zu einem jesusmässigen Schmerzensmann.

In dem Sammelband, der die letzten sieben Ausgaben von «The Walking Dead» vereint, herrscht heftiger Streit unter den Bewohnern von Grimes’ Siedlung. Verschärft wird die Lage dadurch, dass sich eine riesige Horde von Zombies nähert. Der grosse schockierende Moment, auf den alles zuläuft, ist so schockierend dann gar nicht: Kirkman zieht nur den letzten Joker, der ihm noch geblieben ist. Nach einem Zeitsprung klingt die Serie fast friedlich aus, in einer Westernszenerie. Die Sterne funkeln, hohes Gras biegt sich im Wind, eine Dampfeisenbahnstrecke wird gebaut; die Menschen leben in kleinen Städten und reiten, das Gewehr über der Schulter, durch die Gegend. Der American Dream darf nicht sterben; zum Schluss von «The Walking Dead» wird er, mit stark nostalgischer Grundierung, erneut beschworen.

Robert Kirkman (Text) / Charlie Adlard (Zeichnungen): The Walking Dead, Bd. 32: Ruhe in Frieden. Aus dem Amerikanischen von Frank Neubauer. Cross-Cult-Verlag, Ludwigsburg 2019. 224 Seiten, ca. 28 Fr.

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