Aufzeichnungen eines Partygirls

Die Schweizerin Susi Wyss zog vor 60 Jahren nach Paris, wo sie mit Dutzenden berühmten Liebhabern ein pralles Leben führte. Besuch bei der Sexqueen, die heute am liebsten häkelt.

Susi Wyss im Pariser Nachtclub Palace, 1977. Foto: Pascal Diamant. Foto: Pascal Diamant

Susi Wyss im Pariser Nachtclub Palace, 1977. Foto: Pascal Diamant. Foto: Pascal Diamant

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Hier, auf dem Teppich mit Leopardenmuster, kroch David Bowie also auf allen vieren nackt herum. Auf einem Tischchen stehen Penisstatuen, die Wände sind voller Fotos und Zeichnungen. Mittendrin sitzt eine 80-jährige Frau mit schalkhaftem Blick in pinkfarbenen Leggins. Vor ihr liegt ein tibetischer Tempelhund, bei dem man nicht weiss, was vorne und hinten ist. Der passe zu ihr, sagt die Frau. Sexuell gesehen, spiele hinten und vorne auch keine Rolle. Willkommen in der Welt von Susi Wyss.

Vor 60 Jahren verliess die Schweizerin Zürich-Höngg und erlebte im Jetset Dinge, deren Schilderung einen erröten lassen. «Guess Who Is the Happiest Girl in Town» heissen ihre nun veröffentlichten Memoiren, die sie ursprünglich niederschrieb, weil sie sich keinen Psychiater leisten konnte. Den Spruch sagte Susi, wie sie heute noch alle nennen, zu ihren Freundinnen, wenn sie wieder einmal einen aussergewöhnlichen Mann bezirzt und mit ihm eine Nacht verbracht hatte. Oder mit einer Frau. Oder mit beidem. Hunderte Liebhaber und Liebhaberinnen sind es gewesen – sie führte Buch darüber. Künstler, Popstars, Gelehrte. Einer war ein amerikanischer Gangster, der ihr eine Rolex schenkte. Dem Interviewer aus Zürich kam die Aufgabe zu, sie aus der Reparatur nach Paris mitzubringen.

1958 als 20-Jährige in Johannesburg. Foto: Heiri Schmid

Man mag sich ja fragen, wieso das Liebesleben von Frau Wyss interessieren soll. Nun: Stets hört man, dass Sex mit Humor zu nehmen sei. Susis Buch strotzt vor Anekdoten, die so lustig wie explizit sind. Zum anderen sind ihre Memoiren ein faszinierendes Sittengemälde einer Zeit, als Promis noch Kostümbälle betrieben und keine Selbstinszenierung auf Instagram.

Aristokratische Hedonisten

Zuerst aber führt das Buch in die 50er-Jahre, wo sich in Zürich «die Existenzialisten bemerkbar machten und immer mehr Jazzbars aufgingen». Es kommt zu inspirierenden Begegnungen im Café Select, aber auch weniger tollen, etwa im Tram, wo eine Mutter ihrem Kind sagte, dass es mal so werde wie «diese Frau», wenn es nicht gehorche. Susi, die damals Damenschneiderin lernte, hatte selbst entworfene, enge Kleider an. Anderen gefielen ihre Outfits offenbar besser: Als sich der Teenager aus einer Arbeiterfamilie zum ersten Mal herausputzte, knallte ein Autofahrer, der ihr hinterherguckte, in einen anderen Wagen.

Vielleicht war dies Susis sexuelles Erweckungserlebnis. Jedenfalls wollte sie unbedingt ihr erstes Mal erleben und fuhr mit ihrem Freund, einem der späteren Globi-Zeichner, nach Paris, weil man als unverheiratetes Paar in Zürich kein Hotelzimmer bekam. Später heirateten sie und zogen ganz in die französische Metropole, doch in der Allgegenwart der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten war die eigene Begrenztheit besonders schwer zu ertragen. Oder nur mit ein bisschen Selbstbetrug und viel Alkohol. Doch zumindest Susi gelang der Ausbruch – und wie. Über ein italienisches Paar, das sich als aristokratische Hedonisten herausstellt, fand sie Zugang zum Highlife.

Susi Wyss (l.) mit Salvador Dalí (mit Maske) und Brigitte Bardot (r.) und Gunter Sachs. Foto: PD

Von da an lesen sich Susi Wyss’ Memoiren wie ein verschriftlichter Pornostreifen, mit dem Unterschied, dass hier nicht irgendwelche Pizzalieferanten auf einem billigen Set zugange sind, sondern höchst illustre Persönlichkeiten. Coppola, Peckinpah, Baron de Rothschild, die Fondas und, und, und. Einige waren Liebhaber, andere Freunde. Bei Salvador Dalí und seiner Frau war sie ein gern gesehener Gast. Und nicht zufällig hat Iggy Pop einen Song über Susi Wyss geschrieben: «Last week in Paree / I was hanging down with Suzee / She was somebody that's so fine / Worth my looking in to.»

Die berühmten Gespielen sind meistens nicht mit richtigem Namen genannt. Susi will schliesslich noch «ab und zu zum Abendessen eingeladen werden». Doch die Beschreibungen sind eindeutig, und im Gespräch ist sie noch unverblümter. Über David Bowie sagt sie, dass er ein sehr guter Liebhaber gewesen sei, aber auch auf Kokain gestanden habe, was das Liebesspiel bisweilen mechanisch gemacht habe. Ausserdem habe er schrecklich schmollen können. Schöner sei es gewesen, als sie in ihrer Wohnung zusammen Platten gehört und dann zu «Heroes» Sex gehabt hätten. Die Affäre mit Bowie zog sich über zwei Jahre hin. «David wollte sogar, dass ich nach Montreux ziehe, wo er damals wohnte», sagt Susi.

«Diese Schauspielerinnen vögeln gut, profitieren – und dann verklagen sie den Mann. Das ist eine Sauerei.»Susi Wyss über die die #MeToo-Bewegung

Stimmt das alles? Jedes Wort, sagt Susi. Tatsächlich zeugen die Fotos an den Wänden und im Buch von ihrem wilden Leben. Einige hat sie selber gemacht, andere zeigen sie, aufgenommen von berühmten Fotografen wie Helmut Newton oder Manon, ihrer Schweizer Freundin.

– Sag Susi, wie hast du das hingekriegt?

– Mit meinem Essen. Und mit Sex-Appeal. Ich war nicht schön, aber hübsch.

– Bist du erotomanisch?

– Ich hatte die Gabe, mich für eine Nacht zu verlieben.

– Warst du eine Vorkämpferin für die sexuelle Befreiung?

– Freier kann man nicht sein. Aber ich habe nie für etwas gekämpft. Es passierte einfach.

Ist es selbstbestimmt, wenn… doch mit Selbstbestimmung muss man Susi Wyss nicht kommen, da wird sie wütend. «Ich habe nie jemanden um Geld gebeten. Ich bin keine Ausnutzerin, aber ich sage nicht Nein.» Am schlimmsten an der Genderdebatte findet sie die #MeToo-Bewegung. «Diese Schauspielerinnen vögeln gut, profitieren – und dann verklagen sie den Mann. Das ist eine Sauerei.» Den Hinweis, dass es auch im Alltag zu Übergriffigkeiten kommen kann, wischt sie vom Tisch. Frauen müssten sich halt wehren, «notfalls mit einem Gingg zwischen die Beine».

«Dazu einen Joint!»

Ob junge Frauen sexuelle Freiheit heute mit Selbstbestimmung verwechseln, will man noch wissen. Auch da schüttelt Susi Wyss den Kopf. Das Geschlechterverhältnis sei gar nicht viel anders als früher. Aber systemische Analysen interessieren sie ohnehin nicht. Susi interessiert sich für die einzelnen Menschen. Im Paris der 60er- und 70er-Jahre hatte sie die Freiheit gefunden, mit solchen zu sein, die so waren wie sie: voller Lebenslust.

Susi Wyss (2.v.l.) In einer Tischrunde mit dem jungen Karl Lagerfeld (m.)

Susi räumt Lachs und Bottarga weg und stellt die zweite Flasche Wein auf den Tisch: «Dazu einen Joint!» Danach gehts in einem Gemisch aus Schweizerdeutsch, Englisch und Französisch weiter mit den Anekdoten, diesmal aus ihrer Zeit als Callgirl. Viel Sex hatte sie sowieso, wieso sich nicht ab und zu dafür bezahlen lassen? Da war sie 35, nach einem Jahr hörte sie auf und gründete einen eigenen Callgirl-Ring. «Nichts Professionelles», sagt sie: «Ich schickte Mädchen aus meinem Umkreis zu Männern.»

Eine davon, eine grosse, blonde Texanerin, heisst in Susis Memoiren «Aude» und beglückt den Schah von Persien. Dummerweise bandelte sie auch mit dessen Chauffeur an, was dessen Schicksal besiegelte. Aude, verrät Susi, war Jerry Hall – bevor sie in Paris von Lagerfeld als Model entdeckt wurde und später Mick Jagger heiratete.

Susi Wyss heute. Foto: Getty

Susi Wyss’ Karriere als «Madam» endete nach fünf Jahren. Sie war 40 und hatte genug von den vielen Leuten in ihrem Leben, den Fremden in ihrer Wohnung. Ausserdem habe ihr der Geschäftssinn gefehlt. Wie man erotisches Kapital in soziales umsetzt, hat sie allerdings bestens verstanden. Milliardär Paul Getty oder ein englischer Adliger finanzierten das Internat ihres Sohns, ihre Wohnung und auch die Memoiren. «Ich habe den Männern ein schönes Leben gemacht – und die Männer mir.»

Steht und fällt ein derart pralles Leben mit der Sexualität? Bedeutet ihre museale Wohnung eine Hinwendung an die Vergangenheit? Viel habe sich nicht geändert, sagt Susi, immer noch koche sie für Freunde. Bloss Sex wolle sie keinen mehr, obwohl sie durchaus junge Verehrer habe. Stattdessen häkle sie – und muss selber darüber lachen: «Die Pariser Sexqueen will vor allem häkeln!» Susi zeigt einen Stapel mit bunten Topflappen. «Ich mach dir einen», sagt sie: «Die Farben kannst du selber wählen.»

Susi Wyss: Guess Who Isthe Happiest Girl in Town. Edition Patrick Frey, Zürich 2019.840 S., ca. 54 Fr.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 10.03.2019, 18:28 Uhr

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