Für Polens Regierung ist sie eine «Verräterin»

Olga Tokarczuk wird mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Sie provozierte mit der Aussage, dass Polen von den Deutschen lernen könne.

Die polnische Autorin Olga Tokarczuk in einer Aufnahme von 2018. Foto: NurPhoto via Getty Images

Die polnische Autorin Olga Tokarczuk in einer Aufnahme von 2018. Foto: NurPhoto via Getty Images

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Das ist fast peinlich für die polnische Regierung: Zähneknirschend muss sie sich stolz darüber zeigen, dass eine Landsmännin die wichtigste literarische Auszeichnung der Welt erhalten hat: den verschobenen Nobelpreis für Literatur des Jahres 2018. Hatte nicht Jaroslaw Kaczinsky, Parteivorsitzender der regierenden PIS, sie eine Verräterin genannt? Denn Olga Tokarczuk stört bei dem grossangelegten Bestreben, die polnische Geschichte als eine reine Opfer- und Heldengeschichte umzuschreiben.

Sie gehört zu den kritischen Intellektuellen des Landes, für die die Geschichte Polens selbstverständlich eine multikulturelle ist. Sie benennt die verdrängten Schattenseiten, die dunklen Flecken, nicht nur in ihren Büchern, sondern auch in öffentlichen Auftritten. Als sie den Nike-Preis erhielt, den bedeutendsten in Polen, sprach sie in ihrer Dankesrede von der Unterdrückung von Minderheiten und Verbrechen – unter anderem an den Juden des Landes. Und – äusserste Provokation! – dass man von den Deutschen lernen könne, wie man mit einer problematischen Vergangenheit umgehe. Das machte sie zur «Verräterin»; eine Zeit lang wagte sie sich nur mit Bodyguards an die Öffentlichkeit.

Ein Jude steht auch im Zentrum ihres umfangreichen Romans: «Die Jakobsbücher», 2014 im Original erschienen und eben im Zürcher Kampa-Verlag auf Deutsch, erzählt auf über 1200 Seiten die Geschichte von Jakob Frank, einer der vielen selbst ernannten Erlöserfiguren, die im 18. Jahrhundert in Polen auftauchten. Er sah sich als Reinkarnation des alttestamentarischen Jakob, aber auch des Pseudo-Messias Sabbatai Zwi, und scharte eine grosse Anhängerschaft um sich (Goethe, dem die Figur durchaus bekannt war, nannte ihn einen «Schwindler»).

«Wir trauen der Realität nicht so wie ihr»

Frank, der das Judentum in die Moderne führen und es vom strengen Regelwerk von Torah und Talmud lösen wollte, geriet zwischen die Räder der jüdischen Orthodoxie und der katholischen Kirche, wich zwischendurch ins Osmanische Reich aus, konvertierte zum Islam, später dann zum Katholizismus, bat beim Kaiser in Wien um ein eigenes «Frankenreich» und erhielt, gegen Ende seines Lebens, wenigstens ein Schloss im deutschen Offenbach, wo er als «Baron von Offenbach» mit 400 Anhängern lebte.

Zwischen Erlöser und Scharlatan: Es sind solche ambivalenten Gestalten, solche unruhigen Epochen, die Olga Tokarczuk reizen. Immer wieder bewegt sie sich in einem Zwischenreich zwischen Realismus und Fantastik. «Wir trauen der Realität nicht so wie ihr», hat sie einem britischen Interviewer einmal gesagt und meint damit auch die Bodenlosigkeit eines Landes, das von den Nachbarmächten mehrfach von der Landkarte getilgt wurde. Sie beschäftigt sich mit esoterischen und okkulten Traditionen, mit Alchemie und der Kabbala.

In ihrem Werk reist sie gern durch die Epochen, aber auch durch Genres, wechselt die Erzählperspektiven und wirft manchmal die Einzelteile ins All, damit sie sich dort gleichsam zu Sternbildern formen im Auge des Betrachters bzw. der Leser. «Konstellationen» nennt sie selbst diese Formen.

Die Entwurzelung des modernen Menschen

Ganz buchstäblich gereist wird in etlichen Romanen aber auch. Schon der erste Roman – er ist formal an ein Tarotspiel angelehnt – heisst «Die Reise der Buchmenschen» (1993), spielt im Frankreich Ludwigs XIV. und begleitet drei Menschen auf der Suche nach einem Buch, das alle Fragen nach dem Sinn des Lebens und der Ordnung der Welt beantworten soll.

«Unrast» ist der bezeichnende Titel eines weiteren Romans, der sich der Entwurzelung des modernen Menschen widmet. 2018 hat sie den Internationalen Booker-Preis dafür erhalten. Einen «nomadischen Roman» hat ihn die Kritik genannt, ein Potpourri von Geschichten von Reisenden, von einem Fährmann im hohen Norden, der plötzlich Kurs aufs offene Meer nimmt, bis zu Chopins Schwester, die das Herz des Komponisten auf seiner letzten Reise nach Warschau begleitet.

«Unrast» ist im Frühjahr im Zürcher Kampa-Verlag erschienen. Nach einer längeren Odyssee durch deutsche Häuser – Berlin-Verlag, DVA, Matthes & Seitz, Schöffling – hat das Werk der Nobelpreisträgerin jetzt bei Daniel Kampa eine feste Bleibe gefunden. Der noch junge Verlag will auch das bisher übersetzte (und vielfach vergriffene) Werk Tokarczuks schnell zugänglich machen.

Die neue Heimat beim Kampa-Verlag in Zürich

Noch im Oktober sollen die Romane «Ur und andere Zeiten» (eine fantastisch-metaphysisch überhöhte Geschichte Polens im 20. Jahrhundert), «Gesang der Fledermäuse» (ein verspielter Krimi, in dem sich die Icherzählerin schliesslich als Serienmörderin herausstellt) und «Taghaus, Nachthaus» erscheinen. Im Frühjahr und Herbst 2020 sollen weitere Titel folgen.

Olga Tokarczuk ist mit 57 Jahren für Nobelverhältnisse eine eher junge Preisträgerin. Sie stammt aus der Kleinstadt Sulechów und lebt heute in Krajanów, einem Dorf in Niederschlesien. Nach einem Psychologiestudium arbeitete sie einige Jahre mit Drogenabhängigen und widmete sich dann ganz der Literatur, als Verlagsgründerin («Ruta») und Autorin.

Am 8. November wird Olga Tokarczuk die Eröffnungsrede zum Internationalen Literaturfestival in Basel halten – sofern nicht der Nobelpreis ihre Agenda vollkommen durcheinanderbringt. Dann kann das Schweizer Publikum sie nicht nur lesen, sondern auch sehen und hören.

Erstellt: 10.10.2019, 15:51 Uhr

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