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Neue Erkenntnisse zum grossen StreitpunktKann eine Durchseuchung funktionieren?

Die Covid-Taskforce des Bundes hat durchgerechnet, welche Folgen es für Gesellschaft und Wirtschaft hätte, wenn die Eindämmungsstrategie aufgegeben würde.

Auch bei einer Durchseuchung wären laut Taskforce flächendeckende Massnahmen wie eine Maskentragpflicht nötig, damit das Gesundheitswesen nicht überlastet würde.
Auch bei einer Durchseuchung wären laut Taskforce flächendeckende Massnahmen wie eine Maskentragpflicht nötig, damit das Gesundheitswesen nicht überlastet würde.
Foto: Urs Jaudas

Je länger die Sars-CoV-2-Pandemie dauert, desto leidenschaftlicher wird über die Durchseuchungsstrategie gestritten. Sobald eine Mehrheit der Menschen angesteckt ist, würde die Pandemie wegen der Herdenimmunität gestoppt, so die Hoffnung der Befürworter. Sie gehen davon aus, dass dadurch die Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft überschaubar blieben.

Die Covid-19-Taskforce des Bundes hat dieses Vorgehen in ihrem jüngsten Bericht analysiert. Das Autorenteam um Taskforce-Leiter Martin Ackermann kommt zum Schluss, dass eine Durchseuchung viel einschneidender und teurer wäre als die gegenwärtige Eindämmungsstrategie (Bericht auf Englisch, Zusammenfassung auf Deutsch). Aus folgenden Gründen:

Immunreaktion

Die Immunreaktion auf eine Infektion mit Sars-CoV-2 scheint oft eher schwach und von kurzer Dauer zu sein, wahrscheinlich im Bereich von Wochen oder Monaten. Für sichere Aussagen sei es zwar noch zu früh, räumt die Taskforce ein. Doch die vorhandenen Daten deuteten darauf hin, dass die Abwehrreaktion bei Sars-CoV-2 nicht viel besser sei als auf die harmloseren Coronaviren, die jedes Jahr für Erkältungen sorgen. Sollte sich das bestätigen, wäre eine Herdenimmunität wahrscheinlich nur durch eine effiziente Impfung, wegen der mangelnden Immunität nicht jedoch durch natürliche Ansteckungen möglich.

Einer der Hoffnungsträger der Durchseuchungsbefürworter sind Kreuzreaktionen mit harmlosen Corona-Erkältungsviren. Die Autoren dämpfen die Erwartungen: Es gebe keine Hinweise auf entsprechende Antikörper, die Sars-CoV-2 tatsächlich neutralisieren könnten. Kreuzreaktive Immunzellen seien nach aktuellem Stand nicht in der Lage, eine erneute Infektion zu verhindern. Immerhin dürften sie allenfalls die Schwere der Symptome reduzieren. Auf die Übertragung des neuen Coronavirus habe das aber sehr wahrscheinlich keinen Einfluss, so die Autoren.

Gesundheitliche Folgen und Todesfälle

Die Taskforce geht davon aus, dass eine Durchseuchung in der Schweiz für viele Todesfälle sorgen würde. Bisherige Studien aus der Schweiz gehen von einer Sterberate von 0,5 bis einem Prozent aus, wenn die Ansteckungen über alle Altersklassen gleichmässig verteilt sind. Dabei eingerechnet sind die Fälle, die mit Antikörpertests nachgewiesen wurden. «Mit mehreren Millionen Infizierten wären nicht nur die Jungen betroffen, Ansteckungen bei Risikopersonen könnten dann kaum verhindert werden», sagt Ackermann. «Die erwartete Zahl der Toten würde sich in den Zehntausenden bewegen, selbst wenn das Gesundheitssystem nicht kollabiert.»

Zu den Todesfällen kämen noch geschätzte 10 bis 30 Prozent der Infizierten mit mildem Verlauf, die nach mehr als einem Monat anhaltende Symptome haben. Die Forscher räumen jedoch ein, dass Art und Häufigkeit der Langzeiteffekte nicht geklärt sind.

Es gibt auch keine Hinweise darauf, dass das Virus weniger gefährlich geworden sein könnte. «Genetische Analysen zeigen, dass in der Schweiz die gleichen Virenstämme zirkulieren wie im Frühling», so Ackermann.

Dauer

Für eine Herdenimmunität geht man meist von den theoretisch berechneten 60 Prozent der Bevölkerung mit Ansteckung aus. Antikörpermessungen an Orten wie Ischgl, Bergamo oder bestimmten Quartieren in New York City mit sehr vielen Ansteckungen bestätigen die Grössenordnung (42 bis 62 Prozent).

Um eine solche Durchseuchung zu erreichen, ohne dass das Gesundheitssystem kollabiert, sollte die Zahl der täglichen Ansteckungen 10’000 nicht überschreiten. Dann käme es gemäss den Zahlen der Taskforce jeden Tag zu rund 50 bis 100 Todesfällen und 200 Hospitalisationen, 50 davon müssten auf die Intensivstation. Bei einer solchen Rate wären die rund 1000 Intensivplätze in der Schweiz mit ausschliesslich Covid-Patienten besetzt. Dieser Zustand müsste über ein Jahr dauern, damit die Hälfte der Bevölkerung infiziert wird – vorausgesetzt, dass die Immunreaktion stark und lang anhaltend wäre, wonach es derzeit nicht aussieht.

Soziale und wirtschaftliche Kosten

«Auch bei einer Durchseuchungsstrategie müsste die Zahl der Ansteckungen auf hohem Niveau konstant gehalten werden, um einen Kollaps des Gesundheitswesens zu verhindern», sagt Ackermann. Hohe Infektionszahlen sind jedoch schwieriger zu kontrollieren, weil einzelne Ansteckungsketten nicht mehr verfolgt und unterbrochen werden können. Es wird eine sogenannte Mitigationstrategie notwendig. «Dazu braucht es flächendeckende Massnahmen», so der Leiter der Taskforce. Die Einschränkungen der Reise-, Bewegungs- und Versammlungsfreiheit wären dann viel einschneidender. Erhöhte gesellschaftliche Unsicherheit, grössere Sparsamkeit, fehlende Investitionen und die vielen Krankheitsausfälle würden die Wirtschaft zusätzlich schädigen. «Es stimmt nicht, dass die sozialen und wirtschaftlichen Kosten bei einer Durchseuchung tiefer wären», sagt Ackermann.

Kritik

In der Schweiz finden sich nur wenige Fachleute, die eine Durchseuchungsstrategie öffentlich zumindest in Erwägung gezogen haben. Der St. Galler Infektiologe Pietro Vernazza war für eine Anfrage nicht erreichbar. Der emeritierte Berner Immunologe Beda Stadler wundert sich, dass die Taskforce vor allem eigene Publikationen zitiere und wichtige Arbeiten nicht erwähne. Unter anderem weil viele nicht schwer erkranken, geht er davon aus, dass Immunität in der Bevölkerung verbreiteter ist, als dies gängige Studien zeigen. Mit einer Eindämmungsstrategie, bis ein sicherer und effektiver Impfstoff verfügbar ist, setze man «alles auf eine Karte, ohne zu wissen, ob das funktionieren könnte». Dass dies auch bei einer Durchseuchung der Fall wäre, erwähnt er nicht.

Für Fragezeichen sorgen auch die noch immer unklare Situation bei der Kreuzreaktivität und die Mortalität. Taskforce-Leiter Ackermann räumt ein: «Sie dürfte eher bei 0,6 als bei einem Prozent liegen», sagt er. «Doch es gibt keine Evidenz, dass die Sterblichkeit deutlich tiefer als das liegt.»

Sein Fazit: «Wirtschaft und Gesundheit sind bei der Corona-Pandemie kein Widerspruch; was besser für die Gesundheit ist, ist auch besser für die Wirtschaft.»

Ackermann widerspricht dem Verdacht, dass die Taskforce nun versucht, ihre bisherige Position zu rechtfertigen: «Wir haben bei uns oft unterschiedliche Meinungen und kritische Diskussionen», sagt er. «Wenn eine Strategieänderung sinnvoll wäre, würden wir das auch empfehlen.»

Im Zusammenhang mit Durchseuchung wird oft Schweden als Beispiel genannt. Wir empfehlen dazu die folgende Analyse: «Das schwedische Modell ist gescheitert»