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TribüneJugend ohne Gott

Eine Kolumne von Berthold W. Haerter, Pfarrer in Oberrieden.

Die Woche aus Sicht von bekannten Persönlichkeiten.
Die Woche aus Sicht von bekannten Persönlichkeiten.
Illustration: Olivier Samter

Ein Lehrer hat sich nach einer schwierigen Lebensphase dazu entschieden, dass es Gott für ihn nicht mehr gibt. Als er Aufsätze seiner Schüler korrigiert, ist er über deren rassistische Aussagen entsetzt. Er weiss, die Schüler geben nur wieder, was sie aus den Medien erfahren. Er wagt einem Schüler bei der Aufsatzrückgabe zu widersprechen. Der Vater des Jungen will den Lehrer daraufhin entlassen. Da das nicht geht, fangen die Schüler an, ihn genauer zu beobachten.

Man fährt in ein vormilitärisches Ausbildungslager. Hier kommt es zu einem Todesfall. Es ist Mord. Der Lehrer weiss ein wichtiges Detail, schweigt aber, um seine Anstellung nicht zu gefährden. Während des Prozesses erkennt der Lehrer als Einziger den wahren Mörder. Er kämpft mit sich und der Wahrheit. In einem Kiosk redet der Inhaber über den Prozess. «In diesem Fall scheinen alle Beteiligten schuld zu sein, auch der Lehrer, die Eltern. ... Nicht nur die Jugend, auch die Eltern kümmern sich nicht mehr um Gott. Sie tun, als wär er gar nicht da.» – «Wenn man nur wüsste, wo Gott wohnt», meint der Lehrer. «Er wohnt überall, wo er nicht vergessen wurde», antwortet der Verkäufer. Durch seine Stimme hindurch hört der Lehrer Gott sprechen. Am Prozess sagt er die Wahrheit und erkennt: Gott ist die Wahrheit, die befreit.

Ödön von Horvath hat diese Erzählung 1937 geschrieben. Fast jeder erkennt wohl Parallelen zu seiner Zeit, das ging mir damals als Jugendlicher in der DDR so und jetzt wieder. Ich werde nicht behaupten, dass die Jugend ohne Gott sei, zumal wir Sonntag eine spannende Konfirmation feiern werden. Aber man spürt einen starken Gegenwind in Sachen Glauben und Gott. Es entwickelt sich ein zunehmendes Desinteresse. Das Nichtwissen von religiösen Inhalten macht, dass unsere Welt schon kalt ist und kälter wird. Unsere Ethik und unsere Werte leiden.

Als Christ frage ich mich: Was würde Jesus dazu sagen? Ich höre zwei Antworten: «Geht hin und macht alle Völker zu Jüngern. .... Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.» – «Wenn man euch nicht aufnimmt, dann geht fort und schüttelt den Staub von euren Füssen.» Das sind Mut machende Worte und sie vermitteln Gelassenheit.

Berthold W. Haerter, Pfarrer, Oberrieden.
Berthold W. Haerter, Pfarrer, Oberrieden.
Foto: PD