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Nachruf auf BürgerrechtsikoneJohn Lewis – das Gewissen des US-Kongresses

John Lewis war einer der Mitstreiter von Martin Luther King. Der US-amerikanische Bürgerrechtler und langjährige Kongressabgeordnete wird dem Land fehlen – gerade jetzt.

Der damalige US-Präsident Barack Obama und John Lewis bei der Nachstellung des Stimmrechtsmarsches von Selma nach Montgomery  im März 2015.
Der damalige US-Präsident Barack Obama und John Lewis bei der Nachstellung des Stimmrechtsmarsches von Selma nach Montgomery im März 2015.
Foto: Jacquelyn Martin (Keystone) 

Sein letzter Kampf begann mit einer Routineuntersuchung beim Arzt. Ende Dezember 2019 machte John Lewis öffentlich, dass er Bauchspeicheldrüsenkrebs hat. Fortgeschrittenes Stadium. «Ich habe mich noch nie einem solchen Kampf gestellt, wie dem, den ich jetzt führe», sagte er damals in einer Erklärung. An diesem Freitagabend (Ortszeit) ist der US-amerikanische Bürgerrechtler und langjährige demokratische Kongressabgeordnete gestorben. Er wurde 80 Jahre alt.

«Heute trauert Amerika über den Verlust eines der grössten Helden der amerikanischen Geschichte», sagte die Vorsitzende des Repräsentantenhauses, die Demokratin Nancy Pelosi. Im Kongress sei John Lewis auf beiden politischen Seiten und auf beiden Kammern des Kongresses verehrt und geliebt worden. «Möge sein Andenken eine Inspiration sein, die uns alle dazu bewegt, im Angesicht der Ungerechtigkeit guten Ärger und notwendigen Ärger zu machen.»

Sitzstreiks, «Freedom Rides», Gefängnis

Das Kämpfen spielte schon immer eine zentrale Rolle in Lewis Leben. Mehr als 40 Mal wurde er nach eigener Zählung bei Demonstrationen gegen rassistische und soziale Ungerechtigkeit verhaftet. Als Anhänger und Kollege von Martin Luther King nahm er an Sitzstreiks teil, schloss sich den «Freedom Riders» an, die in Bussen gegen die Rassentrennung demonstrierten, und war – im Alter von 23 Jahren – einer der Hauptredner beim historischen Marsch auf Washington 1963.

Bei den «Freedom Rides» 1961 fuhren schwarze und weisse Bürgerrechtler gemeinsam mit Bussen durch den Süden, um die Rassentrennung in öffentlichen Verkehrsmitteln zu beenden, nachdem der Oberste Gerichtshof der USA sie verboten hatte.

In Montgomery, Alabama, wurde Lewis von einer Holzkiste am Kopf getroffen. «Es war sehr gewalttätig», sagte er später in einem Interview mit «CNN» anlässlich des 40. Jahrestags. «Ich dachte, ich würde sterben. Ich wurde am Greyhound-Busbahnhof in Montgomery bewusstlos liegen gelassen.»

Protest gegen laxe Waffenkontrolle

Lewis war von 1963 bis 1966 Vorsitzender des «Student Nonviolent Coordinating Committee». Seine prominente Rolle beim Stimmrechtsmarsch von Selma nach Montgomery wurde 2014 in dem Film «Selma» porträtiert.

Am 7. März 1965, einem Tag, der als «Bloody Sunday» bekannt werden sollte, führten Lewis und sein Mitaktivist Hosea Williams mehr als 600 Demonstranten über die Edmund-Pettus-Brücke in Selma. Die berittene Polizei griff die Demonstranten an und schlug sie mit Stöcken. Lewis erlitt einen Schädelbruch.

Sicherheitskräfte griffen die Demonstranten in Selma an: John Lewis, am Boden kniend, erlitt einen Schädelbruch.
Sicherheitskräfte griffen die Demonstranten in Selma an: John Lewis, am Boden kniend, erlitt einen Schädelbruch.
Foto: Keystone

2015, 50 Jahre danach, schlossen sich John Lewis, Barack Obama und zahlreiche Mitglieder des Kongresses einer Nachstellung des Marsches an.

Ein Jahr später führte er Dutzende Demokraten in einem beispiellosen Sitzstreik im Plenarsaal des Repräsentantenhauses an, um nach den Morden an 49 Menschen in einem Nachtclub für Homesexuelle in Orlando, Florida, gegen die Untätigkeit seiner Kollegen in Sachen Waffenkontrolle zu protestieren.

«Wir waren zu lange zu still», sagte Lewis während des Protestes. «Es kommt eine Zeit, in der man etwas sagen muss, in der man ein wenig Lärm machen muss, in der man seine Füsse bewegen muss.»

«Gewissen, Ikone, liebender Vater und Bruder»

In seiner Autobiografie «Walking With the Wind: A Memoir of the Movement» zeichnete Lewis 1998 sein bewegtes Leben nach. Das Buch wurde ein nationaler Bestseller. 2012 veröffentlichte er zusammen mit Brenda Jones die Memoiren «Across That Bridge». Neben vielen anderen Auszeichnungen für sein Engagement wurde ihm 2011 die «Presidential Medal of Freedom» verliehen, die höchste zivile Ehre des Landes.

Auch John Lewis' Familie äusserte sich in einer Erklärung zu seinem Tod: «Er wurde als Gewissen des US-Kongresses und als eine Ikone der amerikanischen Geschichte geehrt und respektiert, aber wir kannten ihn als einen liebenden Vater und Bruder.» Bis zuletzt blieb Lewis seinen Überzeugungen und Prinzipien treu. Er galt als scharfer Kritiker von Donald Trump. Zuvor schon hatte er sich gegen Präsident George W. Bush gestellt, den er nicht als «echt gewählten Präsidenten» bezeichnete.

Über die Proteste nach dem Tod von George Floyd sagte Lewis: «Es war sehr, sehr bewegend, Hunderttausende von Menschen aus ganz Amerika und der ganzen Welt auf die Strasse gehen zu sehen.»

John Lewis wird fehlen. Gerade in diesen unruhigen Zeiten.

3 Kommentare
    Verena Goanna

    Drittunterster Abschnitt: ich möchte wetten, dass er B. als „nicht echt gewählten Präsident[en]“ bezeichnet hat. Das ist ein Unterschied. Und zwar ein ziemlich grosser.

    Danke.