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Analyse zu Trump und Covid-19Wird die Erkrankung Donald Trump verändern?

Er verharmloste das Virus und mokierte sich über Schutzmasken. Nun hat Covid-19 beim US-Präsidenten angeklopft.

Das Arztteam des US-Präsidenten vor einer Pressekonferenz vor dem Walter Reed National Military Medical Center in Bethesda, wo Donald Trump liegt.
Das Arztteam des US-Präsidenten vor einer Pressekonferenz vor dem Walter Reed National Military Medical Center in Bethesda, wo Donald Trump liegt.
Foto: Susan Walsh (Keystone) 

2015 verspottete der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump den New-York-Times-Reporter Serge Kovaleski und ahmte dessen Behinderung nach. 2016 imitierte er das Stolpern der an einer Lungenentzündung erkrankten Hillary Clinton. Und seit Monaten macht sich der Präsident über das Tragen von Schutzmasken lustig, so auch bei der ersten TV-Debatte mit seinem Herausforderer Joe Biden. Der Demokrat setze sich eine Maske sogar dann auf, wenn er «60 Meter entfernt» sei, höhnte Trump.

Nun hat das Virus, das der Präsident monatelang verharmloste und aus der Welt lügen wollte, bei ihm angeklopft. Und sein Weisses Haus ist zu einer veritablen Virenschleuder mutiert, wo Höflinge ganz im Sinne des Königs auf das Anlegen von Schutzmasken verzichteten und dem Ethos des Machismo auch dann noch frönten, als der Erreger sie bereits einzukreisen begann.

Natürlich wünscht man dem erkrankten Präsidenten baldige Genesung. Wahrscheinlich aber wären zehntausende Amerikanerinnen und Amerikaner noch am Leben, wenn Donald Trump ein effektiverer Präsident gewesen wäre. Er untertrieb die von Covid-19 ausgehenden Gefahr und unterstützte nicht einmal die einfachsten und wirksamsten Schutzmassnahmen gegen den Erreger. Statt einen nationalen Plan gegen die Pandemie vorzulegen, hielt der Präsident politische Veranstaltungen ab und liess sich von zusammengeballten und unmaskierten Fans bejubeln.

Besonders die Maske geriet zum Politikum, sie zu tragen war nicht Sache Trumps oder seiner republikanischen Alliierten im Kongress, wo republikanische Betonköpfe wie der Abgeordnete Jim Jordan demonstrativ und zum Entsetzen ihrer Kollegen bei Ausschussitzungen maskenlos erschienen. Die Schutzmaske wurde so zum Gegenstand des Kulturkampfs, der politische Standort mitten in einer Pandemie durch ein kleines Stück Stoff markiert.

Auch als Menschen nachweislich krank wurden nach Trumps pandemischen Extratouren, so etwa im Juni in Tulsa in Oklahoma, änderte sich daran nichts. Dass sich der ehemalige republikanische Präsidentschaftskandidat und Trump-Fan Herman Cain womöglich beim Besuch der Veranstaltung in Tulsa angesteckt hatte und später an Covid-19 starb, spielte keine Rolle: Wer Trump zuhörte und sein loses Geschwätz glaubte, war überzeugt, dass der Erreger auf dem letzten Loch pfiff.

Maskenlose Ikone des Kulturkampfs

Die täglichen Fallzahlen mochten Gegenteiliges nahelegen, der Präsident aber hielt eisern an seiner Schönfärberei fest: Um die Ecke grüsste stets die Normalität, die Wirtschaft war schon wieder super, Covid-19 kaum schlimmer als die Grippe. Derartiges Gerede wider besseres Wissen war verantwortungslos - und es kostete amerikanische Leben.

Trotzdem und trotz wieder steigender Infektionszahlen aber kollidierte die fürchterliche Realität erst an diesem Wochenende mit Donald Trumps Phantasiewelt: Noch am vergangenen Dienstag bei der Debatte mit Joe Biden sassen seine Familienmitglieder, darunter die jetzt ebenfalls erkrankte Melania Trump, ohne Masken im Auditorium in Cleveland. Als ihnen Mitarbeiter der renommierten Cleveland Clinic, die zu den Veranstaltern der Debatte zählte, Schutzmasken anboten, lehnten sie ab.

Nun also grassiert das Virus in Donald Trumps nächster Umgebung, sind drei republikanische Senatoren ebenso infiziert wie Trumps Kumpan Chris Christie, sein Wahlkampfmanager Bill Stepien, seine enge Beraterin Hope Hicks, Ex-Mitarbeiterin Kellyanne Conway und Ronna McDaniel, die Vorsitzende des Republikanischen Nationalkomitees. Wahrscheinlich werden weitere Fälle publik werden, auch ist unklar, wann genau der Präsident von seiner Ansteckung wusste. Man sollte die Tendenz zu Lüge, Täuschung, Halbwahrheit und Vertuschung in Donald Trumps Weissem Haus nie unterschätzen.

Am Samstag ging es dem Präsidenten angeblich etwas besser, vielleicht auch, weil er «nach dem neuesten Stand der Wissenschaft» behandelt werde, wie Dr. Sean Dooley, einer seiner Ärzte am Walter-Reed-Militärspital in Washington mitteilte. Wie ironisch, dass dieser Präsident, der sich gemeinhin nicht viel aus Wissenschaft macht und keine Gelegenheit verstreichen liess, seinem Top-Infektionsberater Anthony Fauci zu widersprechen, jetzt von besten Ärzten mit Hilfe einer experimentellen Therapie betreut wird.

Ob ihn seine Erkrankung verändern wird? Oder wird er nach der Gesundung erneut als maskenlose Ikone des Kulturkampfs auftreten und seine Anhänger gegen Corona-Schutzmassnahmen mobilisieren?

Nach den Geschehnissen der vergangenen 48 Stunden sollte sowohl Kamala Harris bei ihrer anstehenden Vizepräsidentschaftsdebatte mit Mike Pence als auch Joe Biden bei den verbleibenden Debatten mit Donald Trump darauf bestehen, dass alle Anwesenden – auch die Familie Trump! – im Auditorium Schutzmasken tragen. Andererseits könnten die Präsidentschaftsdebatten sämtlich abgesagt werden. Nach der beschämenden Shitshow in Cleveland wäre dies wohl kaum ein Verlust.

Podium: Donald Trump ist der umstrittenste Politiker der Gegenwart. Im November stellt er sich der Wiederwahl. Wie sind seine Chancen? Wie ist seine Bilanz? Wird ihn Joe Biden schlagen? Und vor allem: Was bedeutet es für die USA und die Welt, wenn Trump vier weitere Jahre regiert? Darüber debattieren: Elisabeth Bronfen, Anglistikprofessorin an der Universität Zürich, Christof Münger, Ressortleiter International beim Tages-Anzeiger, Markus Somm, Publizist. Sonntag, 18. Oktober 2020, Kaufleuten, Pelikanplatz, Zürich. Türöffnung 19.00 Uhr, Beginn 20.00 Uhr. Ermässigter Eintritt mit Carte blanche.

17 Kommentare
    Willy A. Stoller

    Von vorrangigem Interesse ist die Abwahl von Trump, der zehntausende von Covid-19 Toten auf dem Gewissen hat (so er denn eines hat). Sein Gesundheitszustand ist ist von sekundärem Interesse, er darf bloss nicht sterben, sonst bekommen die Republikaner einen fahrlässig in Kauf genommen Märtyrer. Ob er nach einer Genesung, die ihm zu wünschen ist, aus seiner Erkrankung Lehren wird ziehen können, wage ich zu bezweifeln.