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Exodus an Schule SamstagernJeder dritte Lehrer hat gekündigt

11 von 33 Lehrerinnen und Lehrern der Schule Samstagern verlassen die Schule per Ende Schuljahr. Die Eltern sind aufgeschreckt. Die Schulpflege beschwichtigt.

In der Schule Samstagern kommt es aufs neue Schuljahr hin zu zahlreichen Lehrerwechseln. Betroffen ist vor allem die Mittelstufe.
In der Schule Samstagern kommt es aufs neue Schuljahr hin zu zahlreichen Lehrerwechseln. Betroffen ist vor allem die Mittelstufe.
Foto: Michael Trost

Es ist eine eigentliche Kündigungswelle, die an der Schule Samstagern im Gang ist: Ein Drittel der Lehrerschaft hat gekündigt und verlässt die Schule per Ende Schuljahr. Unter den 11 Lehrerinnen und Lehrern, die gekündigt haben, sind zahlreiche schon seit zehn oder sogar zwanzig Jahren und mehr an der Schule tätig. Es sind Klassenlehrerinnen und -lehrer mit grossen Pensen, die die Schule in den letzten Jahrzehnten wesentlich geprägt haben. Einige von ihnen verlassen ihre Klasse mitten im Klassenzug, also beispielsweise eine erste oder eine vierte Klasse. Betroffen vom Exodus ist insbesondere die Mittelstufe.

Dass dem so ist, haben die Eltern der Schüler zu ahnen begonnen, als ihnen an der Stellenbörse des Volksschulamts viele offene Stellen an der Schule Samstagern aufgefallen sind – im Unterricht war offenbar nichts von der Entwicklung zu merken. Offiziell erfahren haben sie von den anstehenden personellen Wechseln erst kurz vor den Frühlingsferien, in einem Brief des Schulleiters. 207 besorgte Eltern haben darauf dem Schulpräsidenten, Markus Oertle (SP), einen Brief geschrieben. In diesem Brief, der der Redaktion vorliegt, bringen die Eltern ihre Bestürzung zum Ausdruck: «Wir sind ausserordentlich besorgt und fragen uns, wie es zu dieser aussergewöhnlichen Situation kommen konnte.» Von den allseits geschätzten Lehrerinnen und Lehrern selbst seien weder die Schüler noch die Eltern informiert worden – den Lehrpersonen sei «ein Maulkorb» verpasst worden.

Schlechtere Evaluation

Tatsächlich verweisen auch von dieser Zeitung angefragte Lehrpersonen auf eine Stillschweigevereinbarung. Einzig die Schulleitung und die Schulpflege seien befugt, Auskunft zu geben. Der Schulleiter verweist seinerseits direkt an die Schulpflege.

Einen Hinweis auf die Hintergründe der Vorgänge an der Schule Samstagern liefert die externe Evaluation der Schule durch die Bildungsdirektion aus dem Jahr 2019. Die Beurteilung durch die Fachstelle für Schulbeurteilung des Kantons Zürich zeigt, dass einige Lehrpersonen mit der Schulführung teils sehr unzufrieden sind. Fehlende Anerkennung der Arbeit durch die Schule wird ebenfalls bemängelt. Dabei fällt die Beurteilung in diesen Punkten 2019 deutlich schlechter aus als vier Jahre zuvor – und zwischen den beiden Evaluationen, nämlich Anfang 2017, hat es einen Wechsel in der Schulleitung gegeben.

Führungsverständnis als Krux

Simon Evard (FDP) ist Vizepräsident der Schulpflege Richterswil. Weil Schulpräsident Markus Oertle zurzeit krankgeschrieben ist, präsidiert Evard momentan die Schulpflege. Er sagt auf Anfrage offen, es gebe einige Wechsel an der Schule Samstagern. Er relativiert aber: Sechs davon seien auf verschiedene Gründe wie Wegzüge und weitere persönliche Veränderungen zurückzuführen. «Die anderen fünf erfolgen aufgrund von unterschiedlichem Führungsverständnis», sagt Evard. Er fügt an: «Es ist schade, dass die fünf gehen. Denn es sind ausnahmslos sehr gute Lehrpersonen, wir bedauern sehr, dass wir keine einvernehmliche Lösung gefunden haben.»

Angesprochen auf die Schulevaluation, sagt Evard, die Probleme hätten sich dort niedergeschlagen. Er stellt sich jedoch hinter den Schulleiter. Er sagt: «Der Schulleiter war nicht nur neu, sondern musste auch den neuen Berufsauftrag für Lehrpersonen einführen.» Der Berufsauftrag legt das Arbeitspensum der Lehrer im Rahmen einer Jahresarbeitszeit fest und schreibt vor, wie viele Stunden sie für welche Art von Arbeit aufwenden sollen. «Mit diesem Berufsauftrag tun sich langjährige Lehrpersonen häufig schwer», sagt Evard. «Er hat auch in Samstagern zu Diskussionen geführt.» Fälschlicherweise werde der Schulleiter mit dem Berufsauftrag in Verbindung gebracht. «Dabei macht er nur, was das Volksschulamt vorschreibt.»

Die meisten Stellen sind besetzt

Es sei zu einer eigentlichen Spaltung im Team gekommen: zwischen den Älteren, die teilweise Mühe mit dem Berufsauftrag und den vor einigen Jahren eingeführten geleiteten Schulen haben, und den Jüngeren, für die dies selbstverständlich sei. Anfang 2019 sei der Konflikt so richtig aufgeflammt. «Die Schulpflege hat umgehend das Gespräch gesucht und versucht, mit externen Fachpersonen eine Teamentwicklung anzuregen», sagt Evard, «leider haben die Bemühungen nicht gefruchtet.»

Evard zeigt auch Verständnis für die Besorgnis der Eltern. Mit ihnen sei die Schulpflege zusammengesessen. «Wir konnten die Besorgnis und Unsicherheit etwas eindämmen.» Zumal die Schulpflege den Eltern habe aufzeigen können, wie es weitergehe: «So sehr uns die Abgänge leidtun, wir müssen nun nach vorn schauen. Und da haben wir gute Neuigkeiten, sind doch zehn der elf frei werdenden Stellen bereits besetzt, bei der elften sieht es gut aus.»

Die besorgten Eltern, die nicht namentlich erwähnt werden möchten, bestätigen auf Anfrage, ein durch einen externen Moderator geleitetes Gespräch habe stattgefunden und sei konstruktiv gewesen. Aus ihrer Sicht ist nicht primär der Berufsauftrag das Problem, sondern der Führungsstil des Schulleiters unter Mitwirkung des Schulpräsidenten und den für Samstagern verantwortlichen Schulpflegenden. Die Schulpflege habe aber «sichtbare Anstrengungen» in Aussicht gestellt und leiste momentan einen grossen Einsatz für ihre Schule, um das verlorene Vertrauen der Eltern zurückzugewinnen. Die Eltern hoffen nun, «dass sich die Kultur an der Schule Samstagern wieder offen entfalten» könne – «sonst werden wir von der Schulpflege drastischere Massnahmen fordern».