Gastbeitrag

Wie viel Zwingli ist in Zürich?

Dieser Artikel ist die leicht gekürzte Fassung einer Ansprache, die Regierungsrat Mario Fehr (SP) am Dienstagabend anlässlich eines Konzerts zum 500-Jahr-Jubiläumder Reformation in der Kirche Zürich-Enge gehalten hat.

500 Jahre Reformation: Die Lichtinstallation «Schattenwurf Zwingli» von Gerry Hofstetter.

500 Jahre Reformation: Die Lichtinstallation «Schattenwurf Zwingli» von Gerry Hofstetter. Bild: Keystone

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Vor 500 Jahren hat Martin Luther in Wittenberg seine 95 Thesen zum Ablasshandel verfasst und an Erzbischof Albrecht von Brandenburg verschickt. Historisch nicht erwiesen ist, ob er sie gleichentags auch an die Wittenberger Kirchentür genagelt hat, obwohl es symbolisch gut zum späteren Sturm der Reformation passen würde. Ohne Zweifel aber war Luther ein bedeutender Reformator; der allerdings mit Blick auf seine Haltung gegenüber den aufständischen Bauern und vor allem auch gegenüber den Jüdinnen und Juden zu hinterfragen ist.

Historisch belegt ist hingegen der symbolische Akt, mit dem die Zürcher Reformation in Fahrt gekommen ist. Mit dem «Frosch­auer Wurstessen» provozierte Zwingli den Bruch mit der katholischen Kirche, den er in seiner berühmten Predigt «Von Erkiesen und Freiheit der Speisen» folgendermassen verteidigt: «Willst du fasten, mach es! Willst du auf Fleisch verzichten, tu es! Aber mir lass gefälligst meine Freiheit als Christenmensch.» «Zeit»-Redaktor Raoul Löbbert schrieb dazu anerkennend: «Damit ist es amtlich: Mit Würsten beginnt die Reformation in der Schweiz. Als Deutscher beneide ich die Schweizer um das Wurstessen von 1522.»

Aber auch bei Zwingli gibt es dunklere Flecken. Viele Täufer haben ihr Schweigen mit ihrem Leben bezahlt. Davon zeugt ein Gedenkstein an der Limmat. Auch anderes in seiner Biografie weist darauf hin, dass Zwingli kein Heiliger, sondern ein Mensch war, der gelebt und gefehlt hat. Die biografischen Untiefen sind häufiger, als uns das früher in der Schule erzählt wurde.

Was aber sind nun die Hinterlassenschaften des grossen Zürcher Reformators? Wie viel «Zwinglianismus», der da steht für eine asketische Lebensführung, Pflichterfüllung, Disziplin und eine gewisse Freudlosigkeit, geht wirklich auf die Person Zwingli zurück? Auf alle Fälle findet in der Stadt, in der Zwingli seine historische Wirkung entfaltet hat, heute jährlich die Street Parade statt, jeden Freitagabend fällt das Partyvolk aus der ganzen Grossregion Zürich in die Vergnügungsbezirke ein, Restaurants und Kultureinrichtungen sind stets gut besucht. Die Menschen geniessen Zürich.

«Zwingli hat mit seiner Kritik an  Hierarchien die  direktdemokratische Kultur der Schweiz mitbegründet.»Mario Fehr, Sicherheits- und Sozialdirektor

Anderes aber, das historisch sicherer auf Zwingli zurückgeführt werden kann, ist heute präsenter. Huldrych Zwingli ist ja keines schönen Todes gestorben. In der 2. Schlacht bei Kappel von Innerschweizer Katholiken als Ketzer erniedrigt, gevierteilt und verbrannt, wurde seine Asche in alle Winde zerstreut. Heute feiern wir unseren Zürcher Reformator in einem friedlichen, sicheren Land, in einem Land, in dem wir mit den Nachfahren der katholischen Schlachtführer zusammenleben, ungestört von Religionskriegen. Und wiederholt wurden deren männliche Nachfahren gar Stadtpräsidenten Zürichs. Ist das nicht grossartig? Es ist grossartig.

Die Gründungdes Bundesstaates im Jahr 1848 ist nicht denkbar ohne die innere Spannung zwischen dem katholisch-konservativen und dem protestantisch-progressiven Teil der Schweiz. Ich wage die These, dass Zwingli mit seiner Hierarchie- und Traditionskritik vieles von dem mitbegründet hat, was wir heute in der direktdemokratischen Kultur unserer Gesellschaft vorfinden; vor allem auch in den Gemeinden, wo die «Mächtigen» ihren engagierten Mitbürgerinnen und Mitbürgern nahe und ihrer ständigen Kontrolle und Kritik fast täglich ausgesetzt sind.

Als Regierungsrat kann ich Ihnen versichern, dass die Bürgerinnen und Bürger auch mir gegenüber ohne viel Federlesens Kritik und Widerspruch äussern. Das Abnicken vorgegebener Meinungen ist des Zürchers, der Zürcherin Sache bis heute nicht. Und das ist gut so.

Als Sozialdirektor weise ich mit Stolz auf die sozialreformerische Wirkung Zwinglis hin. Zwischen der ungestümen Forderung der Bauernkrieger nach sofortiger göttlicher Gerechtigkeit und der Kritik Luthers, für den Glauben und Politik nicht verbunden waren, hat Zwingli einen Weg gefunden, der dem Anspruch auf ein bisschen mehr göttliche Gerechtigkeit hienieden Geltung verschaffte. Die Kirchen im Kanton Zürich haben diese Tradition konkreter Sozialpolitik und Verantwortung bewahrt. Ohne das Engagement der Kirchen für die Schwächeren in dieser Gesellschaft könnte der moderne Sozialstaat seine Aufgaben nicht mehr erfüllen. Auch ein Grund, warum ich immer für die öffentlich-rechtliche Anerkennung der Kirchen eingetreten bin.

Mein Fazit zur Reformationsfeier: Unsere Kirchen haben allen Grund zum Selbstbewusstsein. Sie sind einen langen Weg gegangen in den letzten 500 Jahren und dürfen stolz sein auf das Erreichte. Das Reformationsjubiläum ist gleichermassen eine Einladung zum gemeinsamen Feiern wie zum Nachdenken. (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 02.11.2017, 08:38 Uhr

Mario Fehr, Sicherheits- und Sozialdirektor

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