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Pop-BriefingIst man mit 44 zu alt für Technopartys?

Was ist vom neuen Yello-Song zu halten? Warum ist Benjamin Biolay so traurig? Wie alt dürfen Technopartygänger sein? Und wer erinnert sich an die Gruppe Mazzy Star?

Der erfolgreichste Brasilien-Export seit dem «Girl from Ipanema»: Céu setzt auf ihrem neuen Album auf französische Elektronik.
Der erfolgreichste Brasilien-Export seit dem «Girl from Ipanema»: Céu setzt auf ihrem neuen Album auf französische Elektronik.
Foto: PD

Das muss man hören

Doppelt gebeutelt von den Launen der Welt ist derzeit Brasilien. Dass sich wissenschaftsskeptischer Rechtspopulismus und eine Pandemie nicht gut vertragen, muss das Land derzeit schmerzlichst erfahren. Für die Kulturszene kommt der Missstand hinzu, dass der Präsident Jair Bolsonaro nicht nur wisschenschaftsskeptisch, sondern auch höchst kulturfeindlich ist und jegliche Unterstützung (selbst die nicht staatliche) leidenschaftlich sabotiert. Die Lage der Kulturschaffenden ist mit katastrophal noch optimistisch umschrieben.

Nun hat eine Frau ihr neues Album veröffentlicht, die als erfolgreichster brasilianischer Musikexport seit Astrud Gilbertos «Girl from Ipanema» gilt. Céu heisst sie, wird von einem nach São Paulo ausgewanderten Lausanner gemanagt und setzt auf ihrem neuen Album «Apká» auf die Progammierarbeit des Franzosen General Elektriks. Die reggaeeske Schlurfigkeit von einst ist einem traumpoppigen, brasilianischen Hippie-Soul gewichen. Politisch mag sich Céu in ihren verklausulierten Texten indes nicht exponieren – ein Weg, den in der aufgeladenen Stimmung derzeit viele brasilianische Künstler wählen.

Der Chansonnier Benjamin Biolay hat sein neues Album «Grand Prix» thematisch ganzheitlich der Formel 1 gewidmet. Aus dem oft romantisch verklärten Motorsport hat er Dramen, Helden und Tragik für 13 Songs destilliert. Die Rennstrecke dient ihm dabei als Metapher für ein ruheloses Leben in abgesteckten Bahnen, in welchem nur die Schnellsten den grossen Preis gewinnen. Sein Song «Vendredi 12» ist eine Hommage an den tödlich verunglückten Piloten Jules Bianchi.

Magugu ist vermutlich das Coolste, was das erweiterte Dancehall-Milieu derzeit zu bieten hat. Der in England lebende Nigerianer mit der Tieftonstimme hat diese Woche einen neuen Track veröffentlicht.

Wie es klingt, wenn sich Japaner der Cumbia annehmen, ist auf dem neuesten Werk der Gruppe Minyo Cumbiero nachzuhören. Sagen wir es so: Es klingt ein bisschen anders, als es sich die Cumbia-Erfinder dereinst wohl vorgestellt haben.

Es zeichnet sich ja gerade ab, dass der ganze Disco- und Partyzauber, den uns unsere lockere Regierung derzeit erlaubt, schon bald wieder ein jähes Ende nehmen könnte. Für die Zeit danach hat die Britin Jessie Ware das ideale Album aufgenommen. Es heisst «What’s Your Pleasure?» und beantwortet in zwölf Songs, was die Vergnügen der Jessie Ware sind: ausgelassene Festivitäten, die von schwüler, nostalgischer Discomusik untermalt werden. Im ausgewählten Track «Ooh la la» sind raffiniert versteckte Spurenelemente von David Bowies «China Girl» herauszuhören.

Darüber wird gesprochen

Gespannt hat die Schweiz auf das erste Drive-in-Festival geblickt, welches letztes Wochenende von Bligg veranstaltet wurde. Wir haben es besucht – und waren von der ganzen Idee nicht so angetan. Den kulturpessimistischen Selbsttest finden Sie hier.

Und: Wie findet man als relativ unbeliebter Konzert-Multi Wege, die Popularitätswerte noch weiter ins Bodenlose sinken zu lassen? Live Nation hat es vorgemacht. In einem Schreiben an US-Veranstalter hat der Konzern angekündigt, die Zahlungen an Künstler um 20 Prozent reduzieren zu wollen und die Künstlerverträge dahingehend anzupassen. Man befinde sich schliesslich in einer «noch nie da gewesenen» Lage und müsse sich der Nachfrage im Markt anpassen. Der Konzern, der kraft derselben Künstler zu Milliardengewinnen gekommen ist, versprach sich Einsparungen von mehreren zehn Millionen Dollar.

Mittlerweile habe man die Idee wieder verworfen, tönt es nur wenige Tage später kleinlaut von Live Nation. Es habe sich um ein altes Memo gehandelt, das da in Umlauf gelangt sei, doch «solche Überlegungen» gehörten schon immer zum Rock-’n’-Roll-Geschäft dazu. Und hier muss man Live Nation recht geben. Gewinne auf dem Buckel der Musiker zu machen, gehörte unter den Musikmultis tatsächlich schon immer zum unrühmlichen Usus.

Das Schweizer Fenster

Zwischen Schönheit und Pestilenz schunkelten die Lieder der Bieler Gruppe Puts Marie schon immer. Ihr neuester Song treibt diese Attitüde zur Perfektion. Ein Meisterstück!

Das altehrwürdige Zürcher Duo Yello hat einen neuen Song veröffentlicht, der klingt, als habe Boris Blank noch einmal in seiner alten 80s Sound Library gekramt und einen Hit gebastelt, der eigentlich der logische Nachfolger von «The Race» und «Oh Yeah» hätte sein müssen. Klingt irgendwie nach rezyklierter Zukunftsnostalgie. Aber es macht Spass.

Was blüht?

Sehr schlechte Neuigkeiten für etwas betagtere Besucher von Technopartys: Das Münchner Amtsgericht hat indirekt bestätigt, dass man mit 44 zu alt sei, um «derartige Disco-Veranstaltungen» zu besuchen.

Folgendes hatte sich zugetragen: Einem 44-Jährigen wurde vom Türsteher eines Clubs der Eintritt verwehrt. Auf Nachfrage des Verschmähten, warum er nicht in den Club dürfe, antwortete dieser knapp: «Zu alt.» Nachdem er beim Club vergeblich eine Entschädigung von 1000 Euro wegen «Altersdiskriminierung» verlangt hatte, landete der Fall vor Gericht. Dieses kam zum bemerkenswerten Schluss, dass bei Technopartys «nicht nur die Musik im Vordergrund» stehe, sondern «das gemeinsame Feiern». «Daher ist eine Auswahl der Gäste, um einen gelungenen Abend zu gestalten, vernünftig», sagt das Gericht. Und es gebe ja schliesslich genug andere Veranstaltungen in der Stadt, bei denen die Besucher nicht so jung sein müssten.

Der gebeutelte Technofreund will das Urteil nun an die nächste Instanz weiterziehen. Womöglich sollte er dafür seine Argumentationsstrategie noch einmal überdenken. Er machte geltend, gekränkt zu sein, weil er nicht wie 44 aussehe und ausserdem eine deutlich jüngere Freundin habe. Vielleicht hätte der Türsteher den Gast einfach als «zu doof» und nicht als «zu alt» einstufen sollen.

Das Fundstück

Vor genau 30 Jahren erschien das Debütalbum von Mazzy Star, einem Duo aus Los Angeles, dem es gefiel, schwerblütige Lieder über ungünstige Liebschaften und schwindende Zuversicht zu verfassen. Hinter dem Mikrofon stand eine ausgesprochen scheue Frau, die ihren abgedunkelten Folk mit einer derartigen Nachlässigkeit intonierte, dass man immer das Gefühl hatte, sie schminke sich während des Vortrags gleichzeitig die Lippen. Hope Sandoval ist ihr Name, und die Schockverliebtheit zu ihr hält bis heute an.

Die Wochen-Tonspur

Welche Neuerscheinungen sind uns diese Woche ins Ohr gestochen? Es gibt eine neue Traumballade von Cat Power, indischen Jazz von Tenderlonious, Grime-Held Wiley kommt mit einem Überraschungsalbum um die Ecke, es gibt südkoreanischen Reggae von NST and the Soul Sauce, ugandische Tribal-Finsternis von Nihiloxica, und Michael Kiwanuka schaut als Gastsänger beim Sault vorbei.

Jeden Dienstag schreiben unsere Musikredaktoren in dieser neuen Kolumne über Popmusik. Und geben mit einer Spotify-Playlist preis, welche Songs sie hören.

Und hier geht es zur kürzlich aktualisierten «Chill Soul»-Playlist mit weit über 50 Stunden beseelter Musik aus der ganzen Welt.

1 Kommentar
    Rainer Krug

    Ich finde die Idee , der playlist nett - aber nicht jeder hat spotify,, könntet ihr bitte auch andere Formate anbieten? Danke.