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Plötzlich andere HaareIst Donald Trump über Nacht ergraut?

Die Frage nach der Haarfarbe des US-Präsidenten kursiert in den sozialen Netzwerken. Die Forschung zeigt: Adrenalin kann das Haar tatsächlich weiss werden lassen – wenn auch nicht ganz so schnell.

Hat er nur den Coiffeurtermin verpasst? Oder will er den Staatsmann spielen? Donald Trumps neue Haarpracht sorgt für viel Aufmerksamkeit.
Hat er nur den Coiffeurtermin verpasst? Oder will er den Staatsmann spielen? Donald Trumps neue Haarpracht sorgt für viel Aufmerksamkeit.
Foto: EPA

Als Donald Trump am vergangenen Freitag im Rosengarten des Weissen Hauses vor die Medien trat, um seine Erfolge bei der Entwicklung von Impfstoffen gegen das Coronavirus zu feiern, interessierte das eigentlich niemanden. Vielmehr wollte die ganze Welt wissen, ob er denn nun seine Niederlage eingestehen würde (er tat es ansatzweise). Und dann war ja noch die Sache mit seiner Haarpracht. Kein Blondorange zierte sein Haupt, sondern ein fahles Grau. Auch sein Gesicht war ungewöhnlich blass.

Was war nur passiert mit Donald Trump, fragten sich Social-Media-Nutzer und die Boulevardpresse. Hat er schlicht den Färbetermin beim Coiffeur vergessen? Oder war das alles Kalkül? Wollte er mit dem neuen Look schon den «Elder Statesman» markieren? Oder hat ihn einfach der Frust über die verlorene Wahl derart gestresst, dass sein Haar über Nacht ergraute?

Leidet Trump am «Marie-Antoinette-Syndrom»?

Letzteres wäre zumindest eine schöne Legende. Und nicht die erste dieser Art. So soll auch das Haupthaar der französischen Königin Marie-Antoinette in der Nacht vor ihrer Hinrichtung im Oktober 1793 plötzlich weiss geworden sein. 250 Jahre zuvor passierte Gleiches angeblich dem britischen Staatsmann und Autor Thomas Morus, der ebenfalls am Abend vor seiner Enthauptung im Jahr 1535 schlohweiss wurde. Heute weiss man, dass diese Legenden eher dramatisierenden Texten von Historikern zu verdanken sind als akkuraten Fallberichten von Ärzten. Trotzdem spricht die Medizin bei einem schnellen Ergrauen des Haupthaars immer noch vom «Marie-Antoinette-Syndrom».

Zwar spielen beim Ergrauen auch andere Faktoren wie die Gene, das Altern oder ein Mangel an Nährstoffen eine wichtige Rolle, aber Stress gehört eben auch dazu. Es ist allerdings äusserst unwahrscheinlich, über Nacht aus Stress die Haarfarbe komplett zu verlieren, doch es gibt unzählige Anekdoten, die nahelegen, dass Stress tatsächlich ein frühzeitiges Ergrauen auslösen kann. So verlor zum Beispiel der ehemalige republikanische Senator und US-Präsidentschaftskandidat John McCain schon in jungen Jahren im Vietnam-Krieg die Farbe seines Haars, nachdem er im Gefecht schwer verletzt worden und entsprechend gestresst war.

Nun konnten Wissenschaftler zum ersten Mal nachweisen, dass Stress tatsächlich zu einem Verlust der Haarfarbe führen kann. Zumindest bei Mäusen. Wurden die Nager gestresst, aktivierte das in ihrem Gehirn jene Nervenbahnen, die zu einer Kampf- oder Fluchtreaktion führen. Eine solche Reaktion zeigen alle Lebewesen, wenn sie bedroht werden, um so ihr Überleben zu sichern. Wie das Team um die Stammzellforscher Bing Zhang und Ya-Chieh Hsu von der Harvard University bei Boston zeigen konnte, schädigen die Prozesse der Kampf- oder Fluchtreaktion jene Stammzellen in der Haut, aus denen normalerweise jene Zellen entstehen, die Pigmente bilden und das Haar färben.

Mäuse, die schmerzhaften Stresssituationen ausgesetzt werden, verlieren ihre Haarpigmente (unten). Zum Vergleich: Eine nicht gestresste Maus (oben).
Mäuse, die schmerzhaften Stresssituationen ausgesetzt werden, verlieren ihre Haarpigmente (unten). Zum Vergleich: Eine nicht gestresste Maus (oben).
Foto: William A. Gonçalves

Rund 100’000 Haare spriessen auf dem menschlichen Haupt, Blonde haben etwas mehr, Rothaarige etwas weniger. Jedes Haar wächst in einem eigenen Haarbalg oder Haarfollikel, einer Einstülpung der Oberhaut. Zum Haarfollikel gehören auch Pigmentzellen, sogenannte Melanozyten, die beständig aus Stammzellen neu gebildet werden. Mit dem Alter dünnt sich der Stammzellenvorrat langsam aus, es entstehen immer weniger Melanozyten. Das bedeutet: Zuerst werden einzelne Haare weiss, dann immer mehr, das Haupt ergraut – genau genommen ist graues Haar eine Mischung aus weissen und pigmentierten Haaren. Und zu guter Letzt ist die Haarpracht schlohweiss.

Für ihre Versuche setzten die Harvard-Forscher die Nager drei verschiedenen Stresssituationen aus: Schmerzen, Einschliessen in einem Tunnel oder wiederholtem unvorhersehbarem Stress. Alle drei Bedingungen führten dazu, dass das Reservoir an Stammzellen ausgezehrt wurde und dass die Mäuse in der Folge in ihrem schwarzen Fell weisse Flecken bildeten. «Die schädlichen Effekte von Stress waren weit grösser, als wir je gedacht hatten», wird Hsu in einer Pressemitteilung der Harvard University zitiert. Nach wenigen Tagen seien alle Melanozyten-Stammzellen verschwunden. «Wenn sie weg sind, kann auch kein Pigment mehr produziert werden, der Schaden ist irreversibel.»

Ohne Adrenalin bleicht das Haar nicht aus

Nun wollten die Forscher herausfinden, was genau den Stammzellen den Garaus macht. Den beiden gängigsten Theorien zufolge könnten Stresshormone wie Cortisol oder aber eine Autoimmunreaktion dafür verantwortlich sein. Um dies zu testen, untersuchte das Boston-Team Mäuse, die entweder kein Cortisol produzieren konnten oder die ein vorgeschädigtes Immunsystem hatten. Das Ergebnis: Auch diese Mäuse ergrauten unter Stress. Die Forscher folgerten daraus, dass weder Cortisol noch ein überschiessendes Immunsystem am Schwund der Pigment-Stammzellen schuld ist.

Da schimmerte Trumps Haar noch orangeblond: Der US-Präsident an einer Pressekonferenz am 30. Oktober 2020.
Da schimmerte Trumps Haar noch orangeblond: Der US-Präsident an einer Pressekonferenz am 30. Oktober 2020.
Foto: Keystone

Vielmehr scheint Adrenalin den Pigmentzellen den Todesstoss zu versetzen. Denn auf den Stammzellen fanden die Forscher Andockstellen (Rezeptoren) für Adrenalin. Als sie diese Rezeptoren blockierten, ergrauten die Mäuse unter Stress nicht mehr. Das heisst: Ohne die Wirkung von Adrenalin bleicht das Haar nicht aus. Adrenalin wird (auch) im sogenannten sympathischen Nervensystem gebildet – das ist jener Teil des vegetativen Nervensystems, der unter anderem für die überlebensnotwendige Kampf- oder Fluchtreaktion zuständig ist.

Bei unseren Verwandten, den Gorillas, haben Silberrücken das Sagen

Das Ausbleichen der Haarfarbe ist aber nur eine Auswirkung von Stress im Körper. Die Harvard-Forscher wollen daher künftig auf der jetzt geschaffenen Grundlage auch verstehen, wie Stress andere Gewebe und Organe beeinträchtigt. Vor allem aber sind die gewonnenen Erkenntnisse auch ein erster Schritt in Richtung einer möglichen Behandlung, die das stressbedingte Ergrauen bremsen oder stoppen könnte.

Nur: Vielleicht brauchen gar nicht alle Betroffenen ein solches Mittel. Denn weisse Haare oder ein grauer Pelz signalisieren durchaus positive Eigenschaften wie Stärke, Erfahrung, Vertrauen. So haben bei unseren nahen Verwandten, den Gorillas, die Silberrücken das Sagen, also die älteren Männchen mit einem ergrauten Fell. Ihre Message könnte lauten: «Seht her, ich habe viele Stresssituationen überlebt, ich bin äusserst widerstandsfähig.»

Vielleicht war es also doch nur Kalkül, dass Donald Trump mit ergrautem Haupt vor die Medien trat.

Dieser Text erschien erstmals am 26. Januar 2020 in der «SonntagsZeitung». Er wurde aktuell leicht adaptiert.

39 Kommentare
    Gloor

    Schön, dass auch mal über das Erscheinungsbild eines Mannes hergezogen wird. Noch besser wäre, die Medien würden solche Oberflächlichkeiten gar nicht mehr bringen, vor allem bei PolitikerInnen, wo es um Inhalte ginge, nicht um Frisuren.