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Sieben Gründe für den AufschwungDiese Zahlen machen Hoffnung

Plötzlich sehen Ökonomen gar nicht mehr so schwarz: Wir zeigen, warum es nach dem jähen Absturz zu einem raschen Wiederaufschwung kommen könnte.

Auch der Tourismus dürfte sich wieder erholen: Fahrt mit der Cabrio-Bahn aufs Stanserhorn.
Auch der Tourismus dürfte sich wieder erholen: Fahrt mit der Cabrio-Bahn aufs Stanserhorn.
KEYSTONE/Alessandro Della Bella

Noch am 7. April sah die Internationale Arbeitsorganisation in Genf, eine Unterorganisation der UNO, den weltweiten Arbeitsmarkt in der «schlimmsten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg». Und Ökonomen überboten sich seit Beginn der Corona-Pandemie mit Negativeinschätzungen zur Weltwirtschaftslage.

Doch nun deutet einiges darauf hin, dass es stattdessen zu einer schnelleren und stärkeren Erholung kommt als erwartet – zumindest in der Schweiz. Zwar befindet sich die Schweizer Wirtschaft in einer ausgeprägten Rezession. Doch es gebe «keinen Grund für den exzessiven Pessimismus», den der Bund und die ETH-Konjunkturforscher verbreiteten, liessen die Ökonomen der Grossbank Credit Suisse diese Woche verlauten.

Optimistischer als noch vor einigen Wochen ist auch Anastassios Frangulidis, Chefökonom der Privatbank Pictet. Er sagt: «Es gibt erste Anzeichen, dass die Rezession nicht so lange dauert wie frühere Rezessionen, beispielsweise nach der Finanzkrise. Verglichen mit den grossen Befürchtungen, die noch vor kurzem dominierten, hat sich die Lage verbessert.»

Neuste Zahlen von dieser Woche scheinen den Optimisten recht zu geben:

Wieder mehr offene Stellen in der Schweiz

Nach dem weitreichenden wirtschaftlichen Stillstand, den der Bundesrat verfügt hatte, sank die Zahl der neu ausgeschriebenen Stellen um fast die Hälfte. Doch nun, mit den Lockerungsmassnahmen in den vergangenen vier Wochen, steigt sie wieder an. Zwar sind es immer noch 30 Prozent weniger Stellenanzeigen als im Vorjahr. Doch «zeichnet sich eine Erholung ab», schreiben die beiden Datenfirmen Novalytica und X28, die über die schweizweit beste Jobsuchmaschine verfügen.

Überraschend gute Arbeitsmarktdaten aus den USA

Nach dem dramatischen Einbruch der grössten Volkswirtschaft der Welt gibt es erstmals wieder einen Lichtblick. Die Arbeitslosenquote ist in den USA von 14,7 Prozent im April auf 13,3 Prozent im Mai gesunken. Der Rückgang kam überraschend. Die meisten Beobachter hatten mit einem Anstieg auf rund 20 Prozent gerechnet. Die Arbeitslosenquote ist aber noch auf dem höchsten Stand seit Jahrzehnten.

Der Konsum ist zurück

Wie sich der Privatkonsum entwickelt, ist für die Schweizer Volkswirtschaft matchentscheidend. Denn er steuert mehr als die Hälfte zum Bruttoinlandprodukt bei. Neue Daten zeigen nun: Seit der Öffnung von Läden und Restaurants sind die Schweizer wieder überraschend konsumfreudig geworden. Im Mai könnte der Konsum bereits wieder auf das Niveau von vor der Krise zurückgekehrt sein, schrieb die NZZ diese Woche, gestützt auf Forscher der Universitäten St. Gallen und Lausanne, des Datenunternehmens Novalytica und von SIX Payment Services. Diese hatten gesamtschweizerische Daten zum Gebrauch von Bankkarten ausgewertet.

Aktuelle Google-Mobilitätsdaten zeigen, dass die Besucherzahlen für Detailhandel und Freizeiteinrichtungen in den letzten zwei Wochen wieder das Niveau von vor dem Lockdown erreicht haben.

Abzuwarten bleibt indessen, ob es sich um einen simplen Nachholeffekt handelt und der Konsum bald wieder abflacht.

Industrie erholt sich

Die Abwärtsbewegung der Schweizer Industrie verlangsamt sich. Das zeigt der neuste Einkaufsmanagerindex, der als einer der verlässlichsten Frühindikatoren für die Entwicklung in der Industrie gilt. Im Mai erholte er sich von seinen Tiefstständen im April – laut den Herausgebern «ein Zeichen dafür, dass die Lockerung der Sperrung die Wirtschaft direkt ankurbelt».

Das ist auch in anderen Ländern zu beobachten. In China machte der Einkaufsmanagerindex im Mai den grössten Sprung seit mehr als neun Jahren. Die private Industrie in China wächst bereits wieder. Auch in Deutschland, USA, Grossbritannien und dem gesamten Euroraum hat die Industrie die Talsohle bereits durchschritten. Das ist ein gutes Zeichen für die Schweizer Zulieferbetriebe, die von den grossen Industriekonzernen in diesen Ländern abhängig sind.

Ein Beispiel ist Autoneum, der grösste Schweizer Autozulieferer. Ihn traf die Krise der europäischen, asiatischen und nordamerikanischen Autoindustrie besonders hart. Nun gab er diese Woche überraschend bekannt, dass er in seinen Werken die Produktion bereits wieder hochfährt. Auch in Sevelen SG, im einzigen Schweizer Werk Autoneums, wird wieder produziert, besonders für deutsche Kunden, wenn auch noch nicht unter Volllast.

Deutschland stützt

Man kann die Abhängigkeit der schweizerischen Wirtschaft von Deutschland nicht genug betonen. Vor allem für die Industrie, aber auch für den Tourismus ist es darum eine gute Nachricht, dass das Land die Krise bisher besser bewältigt hat als die anderen grossen Euroländer. Die deutsche Konjunktur dürfte sich nach den neusten Daten bereits im kommenden Jahr erholen.

Weiteren Rückenwind verleiht nun der Beschluss der Regierung, ein Konjunkturpaket historischen Ausmasses aufzulegen. Sie sprach am Mittwoch 130 Milliarden Euro, um die Wirtschaft neu zu zünden. Mit einer Senkung der Mehrwertsteuer und weiteren Entlastungen von staatlichen Abgaben soll der Konsum angeheizt werden, der Aufbau einer moderneren und grüneren Wirtschaft – etwa der Kauf von Elektroautos und die Förderung der Wasserstofftechnologie – werden mit 50 Milliarden gefördert. Die Geschäftserwartungen in der Wirtschaft zeigen wieder nach oben.

Auch wenn die Mehrheit der Schweizer Unternehmensvertreter gegenüber solchen Konjunkturpaketen skeptisch ist: Für die Schweizer Industrie sind das positive Nachrichten aus Deutschland. Denn sie dürfte indirekt von den staatlichen Geldspritzen aus Berlin profitieren.

Die Börse erholt sich

Der Schweizer Aktienindex SPI stieg diese Woche wieder über 12’500 Punkte. Er liegt damit nur noch 2 Prozent tiefer als Anfang Jahr. Praktisch weltweit ziehen die Börsenkurse markant an.

Spinnen die Anleger, oder haben sie recht? Vorsichtige verweisen darauf, dass viele Aktien überteuert sind. Die Optimisten hingegen stützen sich auf die entscheidende Rolle der Notenbanken und der Regierungen, die mit Hilfsprogrammen und Nothilfekrediten in Billionenhöhe dagegen ankämpfen, dass Unternehmen in Konkurs gehen und Bankkredite ausfallen. «So etwas habe ich noch nicht gesehen. Das war in diesem Ausmass historisch beispiellos», sagt Anastassios Frangulidis, der Chefstratege von Pictet Asset Management, zu den Massnahmen der Zentralbanken.

Die Nachfrage nach Öl nimmt wieder zu

Erstmals seit März ist der Ölpreis diese Woche wieder über 40 Dollar pro Fass der Nordsee-Sorte Brent gestiegen. Das ist der höchste Stand seit drei Monaten. Zur kräftigen Erholung haben die Lockerungsmassnahmen in zahlreichen Ländern beigetragen. Das hat die Ölnachfrage wieder angekurbelt. Es gibt aber am Ölmarkt immer noch ein Überangebot. Darum haben die grössten Ölförderer ihre Produktion gedrosselt, was ebenfalls zur Preiserhöhung beitrug.

Trotz Lichtblicken bleiben grosse Risiken und Unsicherheiten bestehen

All dieser positiven Anzeichen zum Trotz: Die Krise ist noch längst nicht ausgestanden. Grösster Unsicherheitsfaktor ist, ob sich die Ausbreitung des Coronavirus wieder beschleunigt. Dann wäre es wohl vorbei mit dem raschen Aufschwung.

Noch nicht bezifferbar ist auch das Risiko deutlich steigender Firmenkonkurse. Weil Betreibungen auf Geheiss des Bundesrats bis zum 19. April ausgesetzt waren, kam es bisher noch nicht zur befürchteten Konkurswelle.

Abzuwarten bleiben schliesslich die Folgen der zunehmenden Arbeitslosen- und Kurzarbeitendenzahlen. Die Expertengruppe des Bundes für Konjunkturprognosen erwartet, dass die Arbeitslosenquote in diesem Jahr von aktuell 3,3 Prozent auf 3,9 Prozent steigen wird. Das dürfte auf den Konsum drücken.