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SRF-Serie «Frieden»In ihren Gesichtern erkannte sich die Schweiz

«Frieden» ist eine der teuersten SRF-Produktionen. Sie erzählt von den Jugendlichen, die aus dem KZ Buchenwald in die Schweiz kamen. Was hinter der Geschichte steckt, und was Historiker zur Verfilmung sagen.

Nach 1945 nahm die Schweiz temporär 374 Überlebende aus dem KZ Buchenwald auf (Szene aus «Frieden»).
Nach 1945 nahm die Schweiz temporär 374 Überlebende aus dem KZ Buchenwald auf (Szene aus «Frieden»).
Foto: Sava Hlavacek (SRF)

Seit Wochen erzählt das Schweizer Fernsehen vom Krieg, ein Programmhinweis auf den Schwerpunkt 1945 folgt auf den anderen. Was haben die bloss? Der Anlass ist die sechsteilige Serie «Frieden», die ab Sonntag zu sehen ist. Sie hat 8 Millionen Franken gekostet und gehört damit zu den teuersten SRG-Produktionen überhaupt.

Eine Serie mit viel Vitalität und Dramatik. Sie behandelt eine Zeit, von der man nicht unbedingt denkt, dass sie so wichtig wäre: die Monate nach Kriegsende, als die Schweiz Kinder aus dem Konzentrationslager Buchenwald aufnahm und gleichzeitig Versteck wurde für Nazis.

«Frieden» nimmt nicht wenige Kapitel aus den Forschungsberichten der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz-Zweiter Weltkrieg auf, besser bekannt als Bergier-Kommission. Es geht um die Aufnahme von Vertriebenen, um Raubgut und Vermögen, es geht um nach Kriegsende in die Schweiz verschobene Patente.

Der Bergier-Schlussbericht steht angelesen in vielen Schweizer Haushalten, mit «Frieden» kommt jetzt erstmals eine breitenwirksame Fiktionalisierung zahlreicher Erkenntnisse aus den Untersuchungen. Ein Aspekt ist etwa das technische Know-how von Nazis, nach 1945 kamen reihenweise Chemiker in die Schweiz, die einst für IG Farben gearbeitet hatten.

Der Historiker Jakob Tanner war Mitglied der Bergier-Kommission und hat sich die Pilotfolge angesehen. Er findet «Frieden» ambitioniert und welthaltig. Der Versuch des Schweizer Fernsehens, mit einer fiktionalen Dramaserie wichtige gesellschaftliche Probleme der damaligen Zeit zu vermitteln, sei beeindruckend. «Ästhetisch wird allerdings eine hyperordentliche Schweiz inszeniert, mit herausgeputzten Autobussen aus dem Museum.»

Besetzt mit unverbrauchten Gesichtern: Miron Sharshunov als Jenkele, Jan Hrynkiewicz als Herschel in «Frieden».
Besetzt mit unverbrauchten Gesichtern: Miron Sharshunov als Jenkele, Jan Hrynkiewicz als Herschel in «Frieden».
Foto: Sava Hlavacek (SRF)

Das ist auch der Vorteil einer Serie über die Nachkriegszeit: Man muss keine Ruinen bauen, das Land war ja intakt. Die Gebäude standen noch, die Industrie funktionierte. Mit den Kinderzügen des Schweizerischen Roten Kreuzes hatte sich die Schweiz schon während des Kriegs als Erholungsort inszeniert, nach Kriegsende willigte sie ein, Kinder aus dem KZ Buchenwald für sechs Monate aufzunehmen.

Diese Geschichte steht im Zentrum von «Frieden». Die junge Fabrikantentochter Klara (Annina Walt) beginnt in dem Heim zu arbeiten, in dem die rund 370 Flüchtlinge im Sommer 1945 ankommen, und stellt mit Schrecken fest: Man hat Kinder gerufen, und es kommen junge Erwachsene.

In der Tat waren im KZ Buchenwald, das nach der Befreiung im April 1945 zu einer Art Sammelbecken für Vertriebene wurde, nur wenige Kinder anzutreffen. Die Nazis hatten sie bei der Selektion in der Regel zur Vernichtung bestimmt, da sie nicht arbeitsfähig waren. Hilfe nötig hatten vielmehr Jugendliche. Sie waren dank den Amerikanern gut genährt, litten aber zum Beispiel an Flecktyphus oder an Tuberkulose, von der Traumatisierung durch die Lager ganz zu schweigen.

Das Heim Felsenegg stand auf dem Zugerberg und wurde von der Kinderhilfe des Schweizerischen Roten Kreuzes geleitet. Es gab dort tatsächlich mangelhafte Ausrüstung und spärliches Essen, es gab Kämpfe gegen die hierarchische Leitung.

«Nach Kriegsende konnte es sich die Schweiz schlicht nicht mehr leisten, nicht zu helfen», fasst die Historikerin Madeleine Lerf ihre Studie zur Hilfsaktion zusammen. Sie hat die SRF-Serie in einem Rutsch durchgeschaut, «sehr packend und differenziert», sagt sie.

Unschuldige Gesichter

So werden die Jugendlichen aus Buchenwald nicht einfach als passive Opfer gezeigt, sondern sie stellen auch selbstbewusste Forderungen. «Sie sind traumatisiert und voller Zukunftsängste, gleichzeitig aber auch lebenshungrig und möchten nachholen, was sie verpasst haben.» Bestimmte Details weichten von den Gegebenheiten ab: So stritten die Alliierten und die Schweiz sehr wohl heftig über die Aufnahme von älteren Jugendlichen, bei der Ankunft im Rotkreuzheim war aber bereits klar, dass kaum jemand unter 12 Jahre alt sein würde.

Verbürgt ist dafür, dass es zu Beziehungen zwischen Jugendlichen und Betreuerinnen gekommen ist, die Sexualität spielte eine nicht unwesentliche Rolle. Ein junger Mann schrieb über das Heim, in dem die Geschlechter getrennt waren: «Obwohl die Unterbringung auf dem Zuger Berg wirklich gut war, sollten meine Zimmergenossen und ich enttäuscht herausfinden, dass unser ganzes Gebäude ausschliesslich von Jungen bewohnt war.»

Vorbild für die Figur von Klara war die Primarlehrerin Charlotte Weber (1912–2000), die die «Hausmutter» wurde im Heim auf dem Zugerberg. In ihrem Nachlass befinden sich viele Zeichnungen von Überlebenden, die zur Erholung in die Schweiz kamen, etwa diese Erinnerung an «Gaskammer und Krematorium».
Vorbild für die Figur von Klara war die Primarlehrerin Charlotte Weber (1912–2000), die die «Hausmutter» wurde im Heim auf dem Zugerberg. In ihrem Nachlass befinden sich viele Zeichnungen von Überlebenden, die zur Erholung in die Schweiz kamen, etwa diese Erinnerung an «Gaskammer und Krematorium».
Foto: Archiv für Zeitgeschichte: NL Charlotte Weber / 85

Gerade mit der Aufnahme von Kindern sollte auch das angeschlagene Image eines humanitären Landes aufgebessert werden. «In den Gesichtern der Kinder spiegelt sich das nationale Selbstbild eines unschuldigen Landes, das auch nichts dafür kann, dass es zu diesem Krieg gekommen ist», so Jakob Tanner 2012 im «Folio» der NZZ. Vergangenheitspolitisch wirke dies bis heute nach. «Frieden» stelle die Rettung von Kindern jedoch kritisch dar und hinterfrage die geschönte Selbstdarstellung der humanitären Mission der Schweiz.

Auch wenn die Schweiz nach 1945 Hilfe anbot, führte sie damit ihre restriktive Politik der Kriegsjahre fort, denn die KZ-Überlebenden wurden nur vorübergehend und widerwillig aufgenommen. Schon 1941 hatte das Justiz- und Polizeidepartement den Ausschluss von «Judenkindern» aus den Flüchtlingskonvois angeordnet.

Als Deutschland den Juden im Ausland die Staatsbürgerschaft aberkannte, wurden sie staatenlos, was in der Schweiz besonders unerwünscht war. «Es sollten möglichst keine staatenlosen Kinder aufgenommen werden», sagte man auch mit Blick auf die Buchenwaldkinder. Die Schweiz verstand sich als Transitland und wollte sicher sein, dass sie sie nicht dauerhaft aufnehmen musste.

Die Betreuten im Heim Felsenegg zeichneten ihre Erinnerungen an die Konzentrationslager, insbesondere ans KZ Buchenwald.
Die Betreuten im Heim Felsenegg zeichneten ihre Erinnerungen an die Konzentrationslager, insbesondere ans KZ Buchenwald.
Foto: Archiv für Zeitgeschichte: S Biografien Sachthemen / 78

Wie politisch motiviert darf humanitäres Engagement sein? Diese Frage beschäftige uns noch heute, sagt Historikerin Lerf. Für Jakob Tanner schauen wir mit «Frieden» aus der heutigen Umbruchszeit auf eine andere: «Die Nachkriegszeit war die Zwischenphase nach der Katastrophe und vor dem grossen Boom des wohlstandsstiftenden Wirtschaftswachstums.» Heute realisiere man, dass die globalen Institutionen, die aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangen seien, in einer Krise steckten. Eine Rückbesinnung auf ihre Anfänge sei deshalb wichtig.

Bei den Betreuten von Felsenegg hat der Schweiz-Aufenthalt trotz allem prägende Eindrücke hinterlassen. «In diesen Menschen haben wir das gefunden was wir in den schweren Krieg verloren haben», schreibt ein junger Mann kurz vor seiner Abreise in seinem Schülerdeutsch. «Sie haben uns behandelt, wie Eltern behandeln ein Kind wie ein Bruder den zweiten und auch wie echte gute Freunde.»

Die Schweiz hat bei den Betreuten von Felsenegg prägende Eindrücke hinterlassen.
Die Schweiz hat bei den Betreuten von Felsenegg prägende Eindrücke hinterlassen.
Archiv für Zeitgeschichte: S Biografien Sachthemen / 78

«Frieden», je zwei Folgen am 8., 9. und 11. 11. ab 20.05 Uhr auf SRF 1. Ab 7.11. verfügbar auf Play Suisse. Der Themenschwerpunkt 1945 bietet weitere Sendungen zum Kriegsende, auch zu den Buchenwaldkindern.

5 Kommentare
    Hugo Müller

    Jetzt wollen die uns noch ein schlechtes gewissen einreden und wohl die Geschichte neu schreiben. Der Bundesrat und die Verantwortlichen haben damals mit besten Wissen und Gewissen gehandelt. Zudem blieb die Schweiz vom Krieg verschont. Schon vergessen?