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Kolumne «Tribüne»In die Ferne schweifen

Michael Wiederstein, Publizist und Executive Editor bei getAbstract, hat das Lesen neu entdeckt.

Die Woche aus Sicht von bekannten Persönlichkeiten.
Die Woche aus Sicht von bekannten Persönlichkeiten.
Illustration: Olivier Samter

Beinahe auf den Tag genau ein Jahr ist es nun her, dass mich mein Arbeitgeber nach Hause schickte. «Bis auf weiteres», sagte der Chef sichtlich besorgt per Videobotschaft, und niemand konnte ahnen, dass das «Weitere» über viele Monate eher das «Engere» werden sollte. Ich erweiterte mein WLAN ins ehemalige Gästezimmer, das seither der Ort ist, an dem ich meine Arbeitstage verbringe. Wenn ich den Kopf recke, kann ich von hier die andere Seeseite sehen.

Vielleicht begann ich deshalb Dutzende von Büchern zu kaufen, die mich noch an ganz andere Ufer bringen sollten. Weg aus dem verordneten Mikrokosmos, raus aus der Nebeltristesse, wenn schon nicht physisch, so doch wenigstens im Kopf! Zuerst war es ein Wanderführer zu verwunschenen Badegumpen im Tessin. Dann las ich eine Kulturgeschichte Siziliens, später Dorothy Carringtons «Granite Island» über die raue Schönheit Korsikas, um schliesslich Christian Krachts «Imperium» wieder aus dem Regal zu ziehen, die Aussteigergeschichte eines deutschen Weltverbesserers, der – erschreckend aktuell – mit Wissenschaft und gesundem Menschenverstand bricht, seiner eigenen radikalen Heiler-Ideologie folgt und am Schluss in der Südsee zum Mörder und Kannibalen wird. Soeben habe ich gar Robert Louis Stevensons «Schatzinsel» wiederentdeckt.

Wenn Freunde und Bekannte mich fragen «Wie kannst du das nur? Den ganzen Tag in Thalwil hocken, in deinem Arbeitszimmer – ich würde verrückt!», könnte ich antworten, dass ich nach Feierabend, wenn die Kinder im Bett sind, ja plötzlich ganz woanders bin. Dass leere Büros, maskierte Kollegen und Netflix schlechtere Begleiter durch die Pandemiedüsternis sind als der junge Jim Hawkins, der die grosse weite Welt entdeckt und dabei doch nur feststellt, dass auch dort Kleingeist und Gier zuweilen den Takt angeben. Das Lesen hat mich «resilienter» gemacht, um einmal dieses zeitgeistige Zauberwort, das die Stabilisierung der eigenen psychischen Verfassung meint, zu benutzen. Ob ich das andere Ufer des Zürichsees tatsächlich vom Schreibtisch aus sehen kann? Eigentlich spielt das jetzt gar keine Rolle mehr.

Michael Wiederstein ist Publizist und Executive Editor bei getAbstract.
Michael Wiederstein ist Publizist und Executive Editor bei getAbstract.
Foto: PD