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Neue Corona-HotspotsIn deutschen Fleischfabriken grassiert das Virus

Mehr als 680 osteuropäische Billigarbeiter haben sich angesteckt, weil sie an Fliessbändern und in Sammelunterkünften auf engstem Raum schuften und leben.

Unter Verdacht: Verschiedene Werke des deutschen Schlachtriesen Westfleisch haben sich als akute Epidemieherde herausgestellt.
Unter Verdacht: Verschiedene Werke des deutschen Schlachtriesen Westfleisch haben sich als akute Epidemieherde herausgestellt.
Foto: Keystone

Am Donnerstag lehnte das zuständige Gesundheitsamt die sofortige Schliessung noch ab, schliesslich sei die Fleischfabrik «systemrelevant». Am Freitag wurde sie dann doch stillgelegt, bis mindestens 17. Mai. Westfleisch, einer der drei grössten Fleischverarbeiter Deutschlands, hatte sich da bereits zu einem der akutesten Epidemieherde des Landes entwickelt.

Alleine im nordrhein-westfälischen Coesfeld, wo Westfleisch fast 3 Millionen Schweine im Jahr schlachtet und zerlegt, haben sich gemäss umfassenden Tests bisher 254 von 1200 Mitarbeitern infiziert. Zusätzliche Fälle gibt es im benachbarten Werk von Oer-Erkenschwick.

Den Landkreis in ein Risikogebiet verwandelt

Deutschlandweit bekannt wurde Coesfeld, weil die neuen Infektionen den ganzen Landkreis auf einen Schlag in ein Risikogebiet verwandelten. Während in Nordrhein-Westfalen gerade Restaurants und Läden wieder aufgingen, müssen diese in Coesfeld nun noch eine Woche länger geschlossen bleiben.

Westfleisch ist kein Einzelfall. Im schleswig-holsteinischen Bad Bramstedt meldete ein Schlachtbetrieb 128 Infizierte. Im baden-württembergischen Pforzheim gab es in einer Fleischfabrik schon vor zehn Tagen 300 Covid-19-Fälle – die Anlage blieb bis heute in Betrieb. Seit Anfang Mai wurden insgesamt mindestens 680 Fleischarbeiter als infiziert gemeldet.

Im nordrhein-westfälischen Coesfeld, wo Westfleisch fast 3 Millionen Schweine im Jahr schlachtet und zerlegt, haben sich 254 von 1200 Mitarbeitern infiziert.
Im nordrhein-westfälischen Coesfeld, wo Westfleisch fast 3 Millionen Schweine im Jahr schlachtet und zerlegt, haben sich 254 von 1200 Mitarbeitern infiziert.
EPA

Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein kündigten an, nun alle Schlachtbetriebe systematisch überprüfen und deren Mitarbeiter testen zu wollen. Allein in Nordrhein-Westfalen gibt es 35 Fleischfabriken und Dutzende weitere verarbeitende Betriebe mit 20’000 Mitarbeitern. Das Landwirtschaftsministerium in Berlin erklärte vorsorglich, der Verzehr von Fleisch aus kontaminierten Betrieben sei völlig unbedenklich.

Warum gerade Schlachtbetriebe?

Die Frage, warum Fleischfabriken sich als besonders günstiges Biotop für Viren erweisen, führt mitten hinein in ein notorisch unterbelichtetes Milieu. Und zu einem Geschäftsmodell, das viele Beobachter ohne Umschweife ausbeuterisch nennen. In Firmen wie Westfleisch schlachten fast nur osteuropäische Billigarbeiter, vor allem Rumänen, aber auch Bulgaren und Polen. Angestellt sind sie nicht bei der Fabrik, sondern als Leiharbeiter bei einem Subunternehmen. Im Monat verdienen sie etwa 1200 bis 1500 Euro.

Sie stehen nicht nur bei der brutalen Arbeit am Fliessband Seite an Seite, sondern leben in der Regel in Sammelunterkünften auch auf engstem Raum zusammen, nicht selten drei bis sechs Arbeiter in einem Raum. Da sie lange nicht getestet wurden und meist ohne Masken arbeiteten, konnte sich das Virus unter ihnen ungehindert ausbreiten.

Gewerkschaften und Aktivisten protestieren schon länger gegen diese ‹moderne Sklaverei›.

Gewerkschaften und Aktivisten wie der katholische Sozialpfarrer Peter Kossen protestieren schon länger gegen diese «moderne Sklaverei». Die Rumänen würden wie «Wegwerfmenschen» behandelt, die man verschleissen und beliebig austauschen könne, meint Kossen. Ihr Schutz habe auch gelitten, sagen Gewerkschafter, weil in den vergangenen zehn Jahren die Kontrollen der Arbeitsbedingungen ständig abgenommen hätten. Manche Betriebe würden nur alle 25 Jahre überprüft.

Die Fleischindustrie wiederum warnt davor, nun einen ganzen Wirtschaftszweig unter Generalverdacht zu stellen. Schuld an den Ausbrüchen seien nicht die Arbeitsbedingungen, sondern dass man die Arbeit aus Sorge um die sichere Versorgung nicht habe unterbrechen dürfen. Härtere Auflagen für die Branche würden nur dazu führen, dass viele Betriebe nicht mehr konkurrenzfähig wären, in den Bankrott oder ins Ausland gingen.

Auch in den USA

Deutsche Fleischfabriken und Grossverteiler liefern sich seit langem einen ruinösen Preiskampf, der vor allem auf dem Rücken der Tiere und der Arbeiter ausgetragen wird – aller hehren Bekenntnisse zum Trotz. Und die Konsumenten haben sich an teilweise grotesk billiges Fleisch gerne gewöhnt. Ein Kilo Schweinefleisch kostet derzeit 1,70 Euro. 35 Kilogramm isst ein Durchschnittsdeutscher im Jahr.

Auch in den USA erwiesen sich in den vergangenen Wochen Fleischfabriken als Zentren der Pandemie. 10’000 Infektionsfälle wurden laut einer Recherche von «USA Today» bereits gemeldet, 45 Covid-19-Patienten sind gestorben. In den dortigen Schlachtbetrieben arbeiten vor allem Einwanderer aus Lateinamerika. In manchen Fabriken stellte sich nach Tests mehr als die Hälfte der Arbeiterschaft als infiziert heraus. Manche Fabriken wurden nach den Ausbrüchen geschlossen, auf Geheiss von Präsident Donald Trump aber als «systemrelevant» bald wieder geöffnet.

79 Kommentare
    Gabriele Friedrich

    Die Politik macht es doch solchen Unternehmen leicht. Diese Verhältnisse in den Fleischfabriken sind locker über 20 Jahre bekannt, ob mit oder ohne Rumänen.

    Gammelfleisch und meine Mitbürger kaufen Billigfleisch wie die Irren.

    Bei mir kommt nur noch selten Fleisch auf den Tisch und wenn, dann ist das auch gutes Fleich, nicht aus den Discountern.

    Irgendwo müsste die Ekel- und auch die Schamgrenze erreicht sein, aber ich glaube, das ändert sich nie. Billig billig- Hauptsache billig.