Schweizer Konzerne ziehen sich aus klimaschädlicher Industrie zurück

Versicherer wie Swiss Re und Zurich machen keine Geschäfte mehr mit der Kohlebranche – andere Firmen zögern noch.

Je zwei Versicherer in den USA und Australien haben nun Richtlinien bezüglich ihres Engagements im Kohlebereich: In Australien wird Kohle auf Haufen verteilt. Foto: Mick Tsikas (Reuters)

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Der Kohleindustrie fällt hat es zunehmend schwer, ihre Förder- und Transportkapazitäten zu versichern. Vor allem europäische Versicherungen blasen zum Rückzug aus der Kohle, die als grösste einzelne Verursacherin des menschengemachten Klimawandels gilt. Nun beginnt sich diese Praxis auf andere Regionen auszuweiten, wie dem jüngsten Report des globalen Kampagnen-Netzwerks Unfriend Coal zu entnehmen ist. Im Frühjahr 2019 haben je zwei Versicherer in den USA und in Australien Richtlinien eingeführt mit dem Ziel, ihre Engagements im Kohlebereich einzuschränken.

«Wir sehen bei den Versicherungen eine Dynamik weg von der Kohle, wie ich das als langjähriger Kampagnenleiter noch nie erlebt habe», sagt Peter Bosshard, Autor des Unfriend-Coal-Reports. Risikodeckungen für Kohlekonzerne und ihre Infrastruktur zu begrenzen oder ganz zu verweigern, werde zu einem weltweit zu beobachtenden Trend.

«Das macht es umso schwieriger für jene Versicherer, die dieses Geschäft weiterhin betreiben», sagt Bosshard. «Sie kommen unter wachsenden Rechtfertigungsdruck, in der Öffentlichkeit wie auch speziell bei den eigenen Mitarbeitenden.»

Weit von der Bestnote entfernt

Ihren Rückzug aus dem Geschäft mit der Kohleindustrie am weitesten vorangetrieben haben die beiden Schweizer Konzerne Swiss Re und Zurich. Sie belegen in der neuen Rangliste der «saubersten» Versicherungen von Unfriend Coal die Plätze eins und zwei. Die in der Schweiz ebenfalls stark vertretenen Axa und Allianz folgen auf dem dritten respektive siebten Platz.

Die Spitzenplatzierung verdanken Swiss Re und Zurich dem Umstand, dass sie nicht nur keine neuen, sondern auch keine bestehenden Anlagen zum Abbau von Kohle versichern. Ferner stellen beide Unternehmen keine Policen mehr aus für neue Projekte zur Gewinnung von Öl aus Teersand, was als besonders umwelt- und klimaschädlich gilt; die Zurich will in diesem Bereich auch keine bestehenden Infrastrukturen mehr versichern. Nicht minder wichtig: Beide Schweizer Versicherer weigern sich, Risikodeckungen für Kohlekonzerne insgesamt zu übernehmen, Gleiches gilt zumindest für gewisse Teersandkonzerne.

Die von Rang drei bis zehn aufgelisteten Versicherungen haben sich zwar ebenfalls zu einer Kohleausstiegspolitik verpflichtet, setzen diese aber weniger rigoros und umfassend um als Swiss Re und Zurich. Das zeigt sich vor allem in der Unterscheidung zwischen neuen und bestehenden Anlagen zur Kohleförderung: Bei neuen Projekten winken die Versicherer fast unisono ab, für bestehende gilt aber der bisherige Versicherungsschutz.

Doch selbst Swiss Re als Branchenprimus erreicht bezüglich Versicherung von Kohlekaktivitäten nur vier von maximal zehn möglichen Punkten. Bosshard begründet dies zum einen mit den «hohen Ansprüchen» und zum andern mit «mangelnder Transparenz»: Bei der Beantwortung des Katalogs mit insgesamt 80 Fragen sei «vieles im Ungefähren geblieben».

Lloyd’s-Markt schert aus

Laut dem Report verzichten bis heute 17 grosse Versicherer und Rückversicherer darauf, neue Kohleprojekte zu versichern. Im Vorjahr waren es noch 7. Ihr Marktanteil in der Rückversicherung summiert sich auf gut 46 Prozent, in der – viel stärker zersplitterten – Erstversicherung kommen die Aussteiger auf knapp 10 Prozent. Parallel dazu haben mindestens 35 Versicherungen mit Vermögensbeständen von je über 10 Milliarden Dollar ihre Anleihen- und Aktienanlagen in der Kohleindustrie zurückgefahren.

In Europa ist der Londoner Lloyd’s-Markt noch der einzige bedeutende Akteur, der Versicherungspolicen für Kohleminen und -ausbeuter anbietet. In den USA hingegen betreibt eine Reihe grosser Konzerne dieses Geschäft weiterhin uneingeschränkt, darunter AIG und Warren Buffetts Berkshire Hathaway. Gleiches gilt laut Unfriend Coal für die allermeisten Versicherer in Asien.

Japanische Branchenvertreter machten geltend, so heisst es im Report, dass eine Abkehr von der Kohle schwierig sei, solange die Regierung in Tokio den Ausbau dieses Sektors fördere. Dem hält Bosshard die Beispiele von Axis Capital und Chubb in den USA oder QBE in Australien entgegen: Sie haben sich zum Rückzug entschlossen, obwohl die dortigen Regierungen weiterhin auf Kohle als zentralen Energieträger setzen. Schon früher waren die Allianz und die Hannover Re umgeschwenkt: Sie versichern so gut wie keine neuen Kohleprojekte mehr, während in Deutschland noch jahrelang Braunkohle gefördert wird.

Auch bei Öl und Gas aussteigen

Bosshard erwartet von den Versicherungen aber noch weitergehende Massnahmen. «Sie können aus ihren umfangreichen Daten über Klimawandel und Schadenverlauf absehen, was auf die Branche und auf uns zukommt», sagt der Kampagnenleiter. «Damit müssen sie sich viel stärker und vernehmbarer einbringen, etwa in den Wirtschaftsverbänden oder als Aktionäre von Unternehmen.»

«Die Zurichs und Swiss Res müssen sich als nächstes auch gegenüber dem Ausbau der Öl- und Gasförderung verweigern.» Peter Bosshard, Unfriend-Coal-Report

Auch könnten es die Versicherer, so Bosshard, nicht mit dem Ausstieg aus der Kohle bewenden lassen. Mit geschätzten 0,3 Prozent am globalen Sach- und Haftpflichtgeschäft sei das kohlebezogene Prämienvolumen ohnehin vernachlässigbar. In der Öl- und Gasindustrie steht für die Versicherungen weitaus mehr auf dem Spiel.

«Es führt kein Weg daran vorbei», sagt Bosshard, «die Zurichs und Swiss Res müssen sich als nächstes auch gegenüber dem Ausbau der Öl- und Gasförderung verweigern.» Von einem sofortigen, umfassenden Stopp der Versicherungsaktivitäten in diesem Sektor hält der Vertreter von Unfriend Coal aber vorderhand nichts, weil es noch keine umfassende Alternative zu diesen fossilen Energieträgern gebe.

Erstellt: 03.12.2019, 06:28 Uhr

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