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Seeüberquerung Küsnacht-KilchbergIm offenen Wasser ist die Corona-Krise vergessen

Üblicherweise steht die Seeüberquerung Küsnacht–Kilchberg im Schatten der anderen Traversierungen. Doch dieses Jahr ist sie die einzige gewesen, die stattfand. Die 230 Teilnehmer waren sich ihres Privilegs bewusst.

Immer in Richtung Schokoladenfabrik – die 230 Teilnehmer der Seeüberquerung von Küsnacht nach Kilchberg.
Immer in Richtung Schokoladenfabrik – die 230 Teilnehmer der Seeüberquerung von Küsnacht nach Kilchberg.
Foto: Sabine Rock

Es ist 8.43 Uhr an diesem Sonntag, die Sonne scheint auf einen scheinbar ruhigen Zürichsee. Vor der Kusenbadi in Küsnacht sind einige Boote vertäut – sie schaukeln sachte in der Dünung. Am Ufer stehen 230 Menschen – unter ihnen auch der Autor dieser Zeilen –, in Badesachen oder in Neoprenanzügen, die auf das Startsignal warten. Viele sind schon ein paar Meter ins Wasser gewatet, der See ist 25 Grad warm.

«Noch 2 Minuten», sagt Franz Badertscher durch sein Megafon. Er ist Präsident des Kilchberger Tauchclubs Glaukos. Dieser Verein hat als einziger in diesem Jahr eine Seeüberquerung am Zürichsee organisiert. Die anderen haben wegen der Vorschriften des Bundesamts für Gesundheit zu Sicherheitsvorkehrungen und Teilnehmerzahl auf eine Durchführung verzichtet.

Man wärmt sich kurz auf, schwingt die Arme, netzt sich an, schwatzt mit dem Nachbarn. Der Startbereich ist breit genug, dass man Abstand halten kann. Dann gibt Badertscher das Startzeichen, und nach und nach bahnen sich die Schwimmerinnen und Schwimmer zwischen den vertäuten Booten einen Weg auf den offenen See hinaus – die vordersten in schnellem Kraul, dahinter gemütlicher die Genussschwimmer im Brustschwumm. Die Sorgen wegen des Coronavirus bleiben an Land zurück.

Etliche Sicherkeitsvorkehrungen

Knapp zwei Stunden früher: Für den Grossteil der Teilnehmer beginnt die Seeüberquerung in der Badi Klichberg. Hier bekommen sie eine nummerierte Badekappe, ziehen sich um und warten auf das Boot, das sie zum Start in Küsnacht bringt. Rund siebzig Personen machen sich in Küsnacht bereit für die Überquerung.

So ist es jedes Jahr, doch heuer läuft die Organisation etwas anders ab. Alle Teilnehmer mussten sich vorgängig online anmelden – der Tauchclub Glaukos war sich sicher, im kleinen Rahmen wie immer eine Seeüberquerung durchführen zu können – trotz des Coronavirus. Deshalb standen 250 Startplätze zu Verfügung. «Eine Veranstaltung mit 1000 Schwimmern wie jeweils in Wädenswil könnten wir gar nicht durchführen», sagt Clubpräsident Badertscher. Dafür hätte man zu wenige Helfer und nicht genügend Boote.

An Bord nur mit Maske, so sieht es das Schutzkonzept des Schwimmanlasses vor.
An Bord nur mit Maske, so sieht es das Schutzkonzept des Schwimmanlasses vor.
Foto: Sabine Rock
Um zu kontrollieren, dass auch alle Schwimmer wieder in Kilchberg aus dem Wasser steigen, erhält jeder eine nummerierte Badekappe.
Um zu kontrollieren, dass auch alle Schwimmer wieder in Kilchberg aus dem Wasser steigen, erhält jeder eine nummerierte Badekappe.
Sandwich, Apfel, Schoggistängel, alle bekommen einen kleinen Imbiss. Auch hier greift das Schutzkonzept.
Sandwich, Apfel, Schoggistängel, alle bekommen einen kleinen Imbiss. Auch hier greift das Schutzkonzept.
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Beim Betreten der Badi fragen zwei Frauen die Teilnehmer, ob sie eine Gesichtsmaske dabei hätten. Denn ohne Maske gibt es keinen Platz auf einem der Boote für den Transfer. Die Schwimmerinnen und Schwimmer haben alle eine Maske bei sich. Es scheint bereits selbstverständlich zu sein. Seit einem halben Jahr lebt man mit dem Coronavirus, das so viele Anlässe verhindert hat. Wer hier teilnimmt, kennt das Schutzkonzept und äussert sich erfreut, dass überhaupt eine Seeüberquerung stattfndet.

Beispielsweise Angela Bernetta aus Klichberg. Sie sagt: «Es ist eine Sportveranstaltung, an der man teilnehmen kann, ohne Gefahr zu laufen, sich mit Covid-19 anzustecken.» Es ist zwar ihre erste Seeüberquerung, aber sie schwimmt im Sommer jeden Morgen 1,5 Kilometer entlang des Kilchberger Ufers. Die Strecke zwischen Küsnacht und Kilchberg beträgt 1,8 Kilometer.

«Theoretisch», sagt Franz Badertscher, «denn häufig kommen einzelne Teilnehmer etwas vom Kurs ab, schwimmen einen Bogen und haben danach über 2 Kilometer auf ihrer Sportuhr stehen.» Vergangenes Jahr kam ein Teilnehmer vom Kurs ab und verliess das Wasser ausserhalb des Zielbereichs. Er gab seine Badekappe nicht zurück, und so alarmierten die Veranstalter die Seepolizei. Diese fand den Vermissten schliesslich. Doch der Tauchclub-Präsident hat einen Trick dafür, Umwege zu verhindern. Er rät: «Schwimmen Sie immer auf die Schokoladenfabrik zu.» Die goldenen Buchstaben auf dem langgezogenen Gebäude glänzen im Morgenlicht.

Philipp Bächler und Katrin Wanek aus Luzern sind froh um solche Tipps. Sie haben kürzlich einen Open-Water-Schwimmkurs abgeschlossen und sich dann für die Seeüberquerung angemeldet. Für Bächler ist es das erste Mal, und er begrüsst die Sicherheitsvorkehrungen: «Das ist sinnvoll.» Wanek hat vor ein paar Jahren die Stadtzürcher Seeüberquerung absolviert. «Aber da schwamm ich Brust», sagt sie. Sie hat sich vorgenommen, im Kraulstil und ohne Halt von Küsnacht nach Kilchberg zurückzuschwimmen.

Angela Bernetta aus Kilchberg.
Angela Bernetta aus Kilchberg.
Foto: Sabine Rock
Philipp Bächler aus Luzern.
Philipp Bächler aus Luzern.
Franz Badertscher vom Tauchclub Glaukos.
Franz Badertscher vom Tauchclub Glaukos.
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Die Stimmung ist von freundlicher Heiterkeit, auch in der langen Schlange, die sich bildet, um auf die Boote zu kommen. Ganz selbstverständlich legen jetzt schon viele ihre Masken an, weil man auf dem Steg etwas näher beieinander steht.

«Bin ich noch auf Kurs?»

Zurück ins Wasser: Je weiter man sich vom Ufer entfernt, desto trüber und dunkler scheint der See beim Blick nach unten. Beim Luftholen schaut man nach vorne und sucht das Ufer ab nach der Schokoladenfabrik und kontrolliert: Bin ich noch auf Kurs?

Man spürt, dass man in der Seemitte angekommen ist: Hier ziehen die Wellen durch. Als Schwimmer schaukelt man über Wellenkämme und durch Wellentäler und muss beim Luftholen darauf achten, kein Wasser zu schlucken. Es ist an diesem Tag zwar kein Schleudergang, aber Schonwaschgang lässt sich das auch nicht nennen.

Dann ist das Ufer bald in Reichweite, und es geht darum, den Ausstieg zu treffen. Nur die steinerne Treppe ist dafür vorgesehen. Die Organisatoren haben dahinter einen Weg mit Absperrband markiert. So sollen sich Sportler und Badibesucher nicht vermischen, und die Sportler können erst ihre Badekappe abgeben und sich dann ihr Lunchpaket abholen.

Die Schokoladenfabrik hat man im Blick, aber wo ist diese Treppe? Es stellt sich heraus, dass der Berichterstatter auch einen kleinen Umweg auf sich nehmen muss: Es geht einmal um das Floss, bevor er die Treppe von der Seite her erreicht. Ken McMahon und Susan Hoss sind schon seit rund 10 Minuten da: McMahon hat als schnellster Mann 26:02 Minuten gebraucht, Hoss als schnellste Frau 31:41.

Nach und nach kommen die Schwimmer an. Badertscher steht an der Treppe und ruft für jeden ein «Bravo» in sein Megafon. Grinsend steigen Philipp Bächler und Katrin Wanek aus dem Wasser. Sie haben es ohne eine Pause von Ufer zu Ufer geschafft.