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Kolumne von Milo RauIm Durcheinander der Wirklichkeit

Braucht man eine interessante Biografie, um Kunst von Belang zu schaffen – oder reicht auch eine blühende Fantasie?

In Genf inszeniert Milo Rau aktuell «La Clemenza di Tito», Mozarts letztes Werk. Im Bild: Mozart-Statue in Wien.
In Genf inszeniert Milo Rau aktuell «La Clemenza di Tito», Mozarts letztes Werk. Im Bild: Mozart-Statue in Wien.
Foto: AFP via Getty Images

Die erste Kolumne an dieser Stelle schrieb ich Anfang 2014, in zwei Wochen erscheint die letzte. Für einen Band, der eine Auswahl aus diesen in den vergangenen sieben Jahren für die SonntagsZeitung entstandenen Texte versammelt, habe ich noch mal ins Archiv geschaut. Die fast 200 Kolumnen entstanden während Proben und Drehs, auf Festivals und Recherchereisen in Europa, in den USA, in Afrika, im Nahen Osten – und in fast der Hälfte geht es natürlich um die Schweiz.

Meine erste Kolumne war eine Satire über eine Literaturdebatte, die 2014 durch die Feuilletons ging: Können Schweizer oder deutsche Arzttöchter und Anwaltssöhne Literatur von Belang schaffen? Mit anderen Worten: Braucht man eine interessante Biografie, um sie in Kunst verwandeln zu können – oder reicht auch eine blühende Fantasie? Und ist es ein Problem, wenn man, wie wir Schweizer, aus einem eher fantasiefeindlichen Land kommt?

Ich lese gerade abends das neue Buch von Dana Grigorcea, «Die nicht sterben», ein in der rumänischen Nachwende-Zeit spielender Dracula-Roman. Das Buch ist für Rezensionen noch bis Anfang März gesperrt, deshalb nur dies: Die Jugend der Autorin in einem von der Weltgeschichte durchgeschüttelten Land machen den Roman über seine literarischen Qualitäten hinaus unvergesslich. Die Handlung ist fiktional, nicht anders als in Bram Stokers Ur-Dracula. Aber warum sollte man, wenn es ein echtes Transsilvanien gibt, sich mit Stokers Grusel-Klischees abgeben – die Grigorcea im Übrigen ebenfalls virtuos durchspielt in ihrem Buch?

Warum nicht ein bisschen echtes Genf ins alte Rom Mozarts hineinholen?

Natürlich ist es Geschmackssache, ob man das Durcheinander der Wirklichkeit in der Kunst mag oder nicht. In Genf inszeniere ich aktuell «La Clemenza di Tito», Mozarts letztes Werk. Im Opernbetrieb wird nichts dem Zufall überlassen. Vom ersten Tag an kannten die Sängerinnen und Sänger den Score, der schon in der Pianofassung 330 Seiten lang ist. Jede meiner Inszenierungsideen wird augenblicklich von einer ganzen Handvoll Assistenten aufgeschrieben und umgesetzt. Improvisieren oder gar scheitern ist nicht vorgesehen, denn die Zeit ist knapp.

Um doch für etwas Chaos zu sorgen, habe ich 18 Menschen aus Genf auf die Bühne eingeladen: Menschen aus dem Kongo, aus der ehemaligen Sowjetunion, aus dem Mittleren Osten, aus Lateinamerika – und andere, die in Genf geboren worden sind, ohne in der Kunstwelt jemals besonders aufzufallen. In unserer «Clemenza» finden sich so unter anderem ein türkischer Dissident, zwei kongolesische Schamaninnen, ein Geschäftsmann aus Armenien, eine auf Erhängungen spezialisierte Zirkusartistin und der Tapezierer, der in der Genfer Oper den roten Teppich verlegt hat.

Denn warum sollte man sich mit Mozarts allegorischer Oper über Macht, Reichtum, Armut, Verrat und Vergebung zufriedengeben, wenn es all das auch da draussen gibt? Warum nicht ein bisschen echtes Genf ins alte Rom Mozarts hineinholen – und damit die Oper dort landen, wo jede Kunst meines Erachtens mindestens zu Besuch sein sollte: im Hier und Jetzt, im Durcheinander unserer Zeit.

2 Kommentare
    Ralf Schrader

    'Braucht man eine interessante Biografie, um sie in Kunst verwandeln zu können – oder reicht auch eine blühende Fantasie?'

    Kunst niemals so sein, dass man die mit der Realität verwechseln könnte. Das Künstliche muss in jedem Wort, jeder Szene, jedem Pinselstrich erkennbar sein. Kunst spiegelt, Kunst ist nicht. Kunst legt keine Bekenntnisse ab, Kunst hat keine anderen Eigenschaften, ausser Kunst zu sein.

    Also nur Fantasie und überhaupt keine Biografie. Alles was man auch erleben könnte, ist des Erwähnens nicht wert.