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Interview mit App-Erfinder«Ich wollte Webvideo-Konferenzen lustiger machen»

Ex-Evernote-Chef Phil Libin hat eine neue App lanciert, die dröge Onlinesitzungen viel, viel besser macht. Wir haben mit ihm über Mmhmm und die Zusammenarbeit mit Apple gesprochen.

Nutzte das Video-Interview per Zoom, um seine neue App vorzuführen: Phil Libin.
Nutzte das Video-Interview per Zoom, um seine neue App vorzuführen: Phil Libin.
Foto: Rafael Zeier

Vor fünf Jahren haben wir darüber diskutiert, dass Apps eine veraltete Idee seien. Und nun haben Sie doch wieder eine App gemacht ...

Ja. Und dann erst noch eine Desktop-App. Nicht mal eine für Smartphones. Hätten Sie mir das vor einem Jahr gesagt, ich hätte mir das nie und nimmer vorstellen können.

Ihre neue App heisst Mmhmm und macht Webvideo-Konferenzen unterhaltsamer und vor allem Videopräsentationen besser. Die Idee kann ja nur im Lockdown entstanden sein.

Genau. Und das anfangs sogar als Scherz. Ich wollte Webvideo-Konferenzen einfach etwas lustiger machen. Die Leute sollten etwas mehr lachen in solchen Sitzungen. Zudem ist es damit nun viel einfacher, Präsentationen zu halten. Dieses mühsame Bildschirm-Teilen geht bei uns viel einfacher.

Sie waren da schon selbst im Homeoffice.

Ja. Wir haben im März alle Mitarbeiter nach Hause geschickt, und im Mai gings mit Mmhmm dann richtig los.

Ein Wundermittel für die Zusammenarbeit und Koordination im Homeoffice haben Sie dabei aber auch nicht gefunden?

Nein, wir haben viel experimentiert und sind aktuell mit Slack und Figma sehr zufrieden. Selbst nutze ich natürlich noch Evernote. Aber Pflicht ist das nicht.

«Wir sind mitten in einer gigantischen Umstellung hin zu mehr Video.»

Phil Libin

Wie gross muss man sich das Team hinter Mmhmm denn vorstellen?

Rund 25 Leute sind Vollzeit dran. Dann kommen aber noch weitere Leute von unserer anderen Firma All Turtles hinzu, die hin und wieder und bei bestimmten Aspekten aushelfen.

Mit Evernote haben Sie sich damals vorgenommen, eine 100-jährige Firma zu werden. Wie hochtrabend ist Ihr Ziel mit Mmhmm?

Ich hoffe natürlich weiterhin, dass das Evernote gelingen wird. Mit Mmhmm haben wir keine so grossen Pläne. Aber klar, wir sind gerade mitten in einer gigantischen gesellschaftlichen Umstellung hin zu mehr Video in allen Aspekten des Berufs- und Privatlebens. Da wollen wir mit Mmhmm mit dabei sein und einen Teil beitragen.

Machen Sie sich eigentlich keine Sorge, dass Zoom oder Google Ihre Funktionen einfach kopieren und direkt in das jeweilige Webkonferenz-Tool einbauen?

Dagegen können wir sowieso nichts machen. Das Einzige, was wir machen können, ist, einfach immer wieder neue Funktionen zu lancieren und zu schauen, dass wir ein tolles Produkt haben. Und ganz ehrlich, die grossen Firmen haben aktuell auch gar nicht die Zeit für so was. Die sind alle auch am Experimentieren und müssen schauen, wie sie durch die Krise kommen. Zudem scheitern Start-ups nur selten daran, dass sie kopiert werden. Viel häufiger scheitern sie an zu wenig Geld oder zu wenig durchdachten Ideen.

Eine andere Schutzmassnahme wäre ein eigenständiger Webvideo-Dienst. Daran haben Sie doch sicher auch mindestens ein paar Sekunden gedacht?

Auf jeden Fall. Aber das müssen wir gar nicht selber machen. Wir haben ein gutes Verhältnis zu Zoom, Google und den anderen. Und wir wollen uns auch gar nicht um Server und all die Internet-Spengler-Probleme kümmern, die so ein Dienst mit sich bringt.

Auf jeden Fall ist es eine schlaue Idee, dass sich Mmhmm als Webcam ausgibt und so in jedes Videokonferenz-Tool eingebunden werden kann.

Ja. Aber gute Partnerschaften mit den jeweiligen Firmen sind genauso wichtig.

Aber für ein grosses Publikum wird es mit dieser Huckepack-Strategie doch schwieriger?

Nun, das ist ja das Tolle an Mmhmm. Wir brauchen gar nicht viele Teilnehmer. An einer Webkonferenz reicht es, wenn der Präsentator Mmhmm nutzt. Die anderen können einfach zuschauen und brauchen nichts. Dazu kommt aber auch noch, dass Webcam-Sitzungen nicht unser einziges Einsatzgebiet sind.

Sondern?

Wir interessieren uns auch sehr für ganz allgemeine Content-Kreation. Man kann mit Mmhmm ja auch Videos aufzeichnen. Es muss also nicht live sein.

Das erinnert mich an eine andere App von Ihnen: Skitch. Da kann man auf Fotos mit Pfeilen Sachen markieren. Nun machen Sie das mit Mmhmm ja vereinfacht gesagt fürs Video.

Ja, man könnte sagen, mein Lebenszweck sei es, den Menschen beim Zeigen von Sachen zu helfen. Aber tatsächlich sind bei Mmhmm auch wieder Leute dabei, mit denen ich damals Skitch gemacht habe.

«Wir haben mit dem Mac angefangen, da wir einerseits wegen des Lockdown wieder viel öfter an einem Laptop oder Desktop sitzen.»

Der grösste Mangel von Mmhmm ist für mich aktuell, dass es nur auf dem Mac läuft. Nicht auf Smartphones oder Windows.

Ja, das ist alles in Arbeit. Wir haben mit dem Mac angefangen, da wir einerseits wegen des Lockdown wieder viel öfter an einem Laptop oder Desktop sitzen. Andererseits auch, weil wir dort sehr gute und einfache Schnittstellen haben.

Wie wollen Sie Mmhmm denn zum Beispiel auf iOS und aufs iPhone bringen? Mit allen Einschränkungen von Apple – Stichwort: externe Webcams – ist das ja nicht gerade trivial.

Nein. Wir experimentieren gerade mit zwei Ansätzen. Zum einen können wir das vielleicht per Screensharing lösen, und sonst gibt es von Firmen wie Zoom Bausätze für Zusatzdienste. Beides ist nicht einfach. Aber wir kriegen das hin.

Zum Schluss des Interviews muss ich noch nach dem neuen Apple-Prozessor fragen. Apple hat Sie und Ihre App an dessen Präsentation letzte Woche als Beispiel gezeigt. Was dürfen Sie denn schon dazu sagen? Die Geräte kommen ja erst Ende Woche in den Handel.

Oh, er läuft sehr gut. Für uns ist vor allem wichtig, wie gut Prozesse rund um künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen funktionieren. Da sieht alles sehr vielversprechend aus. Das nutzen wir, um in der App Hintergründe zu ersetzen oder Symbole einzublenden, wenn man bestimmte Handgesten macht.

Sie sind also optimistisch, dass Apples Alleingang mit den eigenen Prozessoren ein Erfolg wird?

Ja. Ich mag auch die Strategie, so viel Rechenleistung und künstliche Intelligenz wie möglich im Gerät selbst zu platzieren. Andere Firmen machen das lieber in grossen Rechenzentren irgendwo auf der Welt. Apples Ansatz hat Vorteile beim Tempo und bei der Privatsphäre. Bei beiden Aspekten wird der neue M1-Prozessor sicher sehr hilfreich.