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Kolumne Max KüngIch war noch niemals in: Wassen UR

Jeder, der je mit dem Zug durch den alten Gotthardtunnel gefahren ist, kennt «S’Chileli vo Wasse». Tatsächlich ist diese Kirche alles andere als klein, sondern richtig gross. Das ist aber auch alles, was es aus Wassen zu berichten gibt.

Dreimal sieht man die Kirche von Wassen vom Zugfenster aus, das Phänomen richtig erklären zu können (Kehrtunnel!) ist immer noch eine Art Intelligenztest.
Dreimal sieht man die Kirche von Wassen vom Zugfenster aus, das Phänomen richtig erklären zu können (Kehrtunnel!) ist immer noch eine Art Intelligenztest.
Foto: Max Küng

Alles besitzt zwei Seiten; und so hat nicht nur jedes Schlechte auch sein Gutes (was dann und wann tröstlich ist), sondern auch ein jedes Gute sein Schlechtes (leider). Jemand gewinnt, jemand verliert. So ist die Welt: Die Dinge sind miteinander verbunden und verschlungen, zum einen Loch gehts rein, zum anderen kommt man wieder raus, das ist im Fall von Wassen nicht anders.

Der kleine Ort Wassen im oberen Reusstal wurde durch den Bau des Gotthardtunnels Ende des 19. Jahrhunderts eine Weltberühmtheit, denn um auf Gotthardlochhöhe zu kommen, durchfährt die Eisenbahn dort Kehrtunnels, was einerseits auf weniger als 10 Kilometer Strecke beinahe 200 Meter Höhengewinn mit sich bringt, andererseits aber auch noch einen anderen wunderbaren Effekt hat: Man sieht den Ort bei der Durchfahrt aus verschiedenen Blickwinkeln und Richtungen. Die Genialität der Eisenbahnlinien-Ingenieursleistung wird so auch für den laienhaftesten Laien erfahr- und sichtbar. Vor allem die auf einem Hügel thronende Kirche stach den Menschen dabei bald ins Auge – sie wurde zur Ikone.

Seit der Eröffnung der Neuen Eisenbahn-Alpentransversale (NEAT) verkürzte sich etwa die Fahrzeit von Zürich nach Mailand um viele, viele Minuten. Das ist sehr gut für all jene, die in Mailand etwa schnell, schnell neue Schuhe kaufen müssen. Doch der Zeitgewinn kennt auch eine Verliererin: Die Kirche von Wassen. Früher klebten Touristenscharen und ganze Schulklassen glotzend und staunend an den Zugfenstern, um sie zu sehen. Heute stecken die Reisenden auf Höhe Wassen längst im neuen, in den Berg gebohrten Loch – so wird die Kirche von Wassen weder rechts noch nochmals rechts und dann links liegen gelassen, sondern gar nicht mehr passiert. Nur noch die lokale Bevölkerung bekommt sie zu Gesicht, sowie die Autobahnreisenden, diese aber je nach Fahrtrichtung bloss von dieser oder jener Seite, so wie jedes andere x-beliebige Gebäude am Wegesrand. Wie lange wird es gehen, bis die Kirche von Wassen aus unserem kollektiven Bewusstsein verschwunden ist? Wird man Kinder dereinst nach ihr fragen, sie werden sagen: «What?»

Zur grossen Popularität des Sakralbaus beigetragen hat auch der Kabarettist Emil Steinberger, der in den 1970er-Jahren mit dem Sketch «S’Chileli vo Wasse» Erfolge feierte; allerdings nicht zur Freude aller. Ein ehemaliger Kirchenrat mit dem sinnigen Namen Christen etwa zürnte Emil, denn: «S’Chileli» von Wassen sei kein «Chileli», sondern eine ausgewachsene Kirche, ein stattlicher Bau, der gut und gerne 250 Personen Platz biete. Unter einem «Chileli» stelle man sich etwas Mickriges vor, was jedoch ganz und gar nicht der Fall sei. Was der gute Mann dabei nicht bedachte: Aus dem fahrenden Zug heraus ist die Kirche von Wassen in der Tat klein anzusehen.

Ironie der Geschichte: Wer die (noch) weltberühmte Kirche mit dem öffentlichen Verkehrsmittel besuchen möchte, die oder der kann nicht mit der Eisenbahn anreisen, denn der Bahnhof Wassen wird nicht mehr bedient. Ein Bus verbindet den Ort mit der Aussenwelt. Zudem: Bei meiner Visite an einem Donnerstagmorgen waren die Türen der Kirche verschlossen, was nicht nur mich, sondern auch einen gläubigen Autobahnreisenden aus der Provinz Cremona betrübte, der einen Gebetsstopp einlegen wollte. Doch die Durchfahrt des Ortes per Schiene ist weiterhin möglich – und so auch die klassische Dreifachbesichtigung der Kirche aus der Ferne. Zwischen 7:43 und 20:43 Uhr fährt stündlich ein Bummelzug von Erstfeld auf der alten Strecke nach Bellinzona oder bis Mailand gar. Und wer bloss einen Halt bis Göschenen und dann wieder retour fährt, die oder der kann die Kirche von Wassen gleich zweimal dreimal sehen! Sechsmal zweitklassig von allen Seiten für 10.40 Franken mit Halbtax, erstklassig für 18.20 Franken. Was will man mehr?

Nutztierbestand (2005): 252 Rinder, 2 Schweine, 1302 Schafe, 105 Ziegen, 161 Hühner, 0 Pferde

Rückkehrsehnsuchtsfaktor: 10 (Die Pässe rufen nach dem Winterschlaf! Der Susten etwa, 1308 Hm ab Wassen)

Kirche von Wassen als Modelleisenbahnbausatz: von Kibri, Spur N 1:160, um 23 Franken

Anzahl privater Outdoor-Swimmingpools (handgezählt bei Google Earth): 0

Max Küng ist Reporter bei «Das Magazin».

8 Kommentare
    Martin Cesna

    Es gab früher mal von der SBB das Angebot, per Mietvelo von Göschenen bis Flüelen hinunter fahren zu können. Da konnte man das ganze Tal kennenlernen.

    Unterhalb von Wassen wechselt die Strasse auf die andere Reuss-Seite, die Stelle der Pfaffensprung-Staumauer, eine sehr romantische Ecke.

    In Richtung Sustenpass öffnet sich ein kleines romantisches Hochtälchen, das sehr naturbelassen ist.

    Es ist leider schade an diesen Tälern, analog auch zum Walensee, dass überall halt der unregelmässige Autolärm zu hören ist. Die Eisenbahn stört da weniger.

    Ich hoffe, dass mit dem Basistunnel wieder die Bahnhöfe reaktiviert werden, wenn auch nur als S-Bahn-Haltestelle.