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Kolumne Max KüngIch war noch niemals
im Schönbühl Center, Luzern

Unser Autor reist in das erste Shoppingcenter der Schweiz. Und stellt fest: Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie mal war.

Na ja, den Wakkerpreis des Schweizer Heimatschutzes wird dieser Ort wohl nie erhalten.
Na ja, den Wakkerpreis des Schweizer Heimatschutzes wird dieser Ort wohl nie erhalten.
Foto: Max Küng 

In der noch lauwarmen Vergangenheit, vor drei Tagen genauer gesagt, da stolperte ich über eine Werbung für ein neues Elektroautomobil. Die Marke Audi bewirbt ihr Modell e-tron mit dem Slogan «Future is an attitude»: Zukunft ist eine Haltung.

Ein schöner Satz, doch stellte sich mir gleich die Frage: Wäre Enthaltung nicht die beste aller Haltungen in Zusammenhang mit so etwas wie unserer Zukunft? Dies jedoch wäre wohl nicht im Sinne einer Autofirma, da wenig verkaufsfördernd. Denn die Zukunft wird vor allem eines sein: teuer! Den Audi e-tron gibt es ab 79’610 Franken, mit ein paar in der Zukunft unverzichtbaren Extras wie etwa 22-Zoll-Felgen, abgedunkelten Scheiben und Eukalyptusholzdekor durchbricht man schnell die Hunderttausendfrankengrenze – Future needs deep pockets, weil: Future is nicht gratis!

Sowieso: An die Zukunft zu denken ist in diesen Zeiten nicht ganz einfach. Einerseits muss sie besser werden, als das enttäuschende Angebot der Gegenwart es ist. Klare Sache! Andererseits kann man es sich irgendwie leider doch nur schwer vorstellen. Wer ein bisschen über den Begriff Zukunft nachdenken möchte, die oder der kann nach Luzern fahren, genauer ins Tribschen-Langensand-Quartier. Dort begann vor fast auf den Tag genau 53 Jahren ein Stück in die damalige Gegenwart geholte Zukunft, als das überhaupt erste Shoppingcenter des Landes eröffnet wurde. Das ist so lange her, dass der Fernsehbericht über diesen Anlass noch in Schwarz-Weiss gesendet wurde und die Autos auf dem über beheizbare Rampen erreichbaren Parkdeck noch schön waren (z. B. Citroën DS).

Das Shoppingcenter nach US-amerikanischem Vorbild war eine Sensation, das neuartige Einkaufserlebnis elektrisierte die Menschen. Es sei ein «Haus der unbeschränkten Möglichkeiten», meinte das «Vaterland». Von einem «Zauberland» berichtete das «Tagblatt». Ein «Paradies» urteilten die «Luzerner Neuesten Nachrichten» – und schrieben von einem Quartier, «das die Zukunft bereits gemeistert hat».

Entwickelt wurde das erste Shoppingcenter des Landes mit seinen dreizehn Klimaanlangen von Grundbesitzer Felix von Schumacher-Nager, einer illustren Persönlichkeit – Patrizierabkömmling, Publizist und erster Chefredaktor der Boulevardzeitung «Blick». Er liess die Gebäude nicht von einem x-beliebigen Architekten bauen. Für das zum Ensemble gehörende Hochhaus holte man etwa den finnischen Superstar Alvar Aalto. Das Einkaufszentrum wurde von Alfred Roth entworfen, dem einstigen Assistenten von Le Corbusier und Wortführer der Moderne. Das war der Spirit. Damals.

Wer heute das Schönbühl Center betritt, spürt nicht mehr viel vom Geist der Moderne. Das Center wurde in der Vergangenheit gründlich umgebaut. Der Besucherfluss wurde optimiert, der Eingang dynamisiert, der Innenraum verkaufsfördernd getrimmt. Es wurde dem Zeitgeist angepasst – oder was man dafür hielt. Wer die Ohren spitzt, kann Alfred Roth in seinem Grab in Wangen an der Aare toben hören. Das eine oder andere Fluchwort ist auch zu vernehmen.

6700 Quadratmeter umfasst das Schönbühl-Shoppingerlebnis. Man findet, was man im Quartier zum Leben braucht: ein Supermarktquartett (bestehend aus Coop, Migros, Aldi, Denner), zudem Coiffeur, Schlüsselservice, Florist, Apotheke und einen Laden für Strickbedarf. Ein ganz normales Shoppingcenter mit 330 Gratisparkplätzen (Glattzentrum in Wallisellen: 4500 Parkplätze). Man spricht nicht mehr von Visionen, sondern eher vom «Dorf in der Stadt». Ein Besuch des Centers ist eine Reise zurück in die Zukunft, von der nicht mehr viel mehr übrig ist als ein Stück nach Vergangenheit riechender Gegenwart. Alltag. Normalität. Und auch das Hochhaus von Alvar Aalto scheint dem Center den Rücken zuzuwenden und lieber schweigend auf die Berge zu blicken und den nahen See, als wäre der gar nicht der Vierwaldstättersee, sondern der finnische Meerbusen. Future is an attitude; Wirklichkeit aber auch.

Rückkehrsehnsuchtsfaktor: 3,2 (der Zopf der Bäckerei Koch ist wirklich fein)
Miete für 3,5-Zimmer-Wohnung im Aalto-Hochhaus im 14. Stock (93,9 m
2): Fr. 3250.– . Im 1. Stock: Fr. 2190.–
Song zum Thema:
«Rockin’ Shopping Center» von Jonathan Richman & The Modern Lovers, 1976
Noch ein Song zum Thema:
«The Future’s So Bright, I Gotta Wear Shades» von Timbuk 3, 1986

Max Küng ist Reporter bei «Das Magazin».

4 Kommentare
    Priska

    Stimmt schon, da muss man nicht gewesen sein, aber ich war da immer in den Ferien. Mein Grosi hat im 7. Stock des Hochhauses in einer 'noblen' 3-Zimmerwohnung gelebt mit Henri Guisan-Gemälde an der Wand, Porzellan-Sonntagsgeschirr im Buffet und einer tickenden Pendeluhr darüber. Ihre Wohnung war eine ganze Welt für sich voller Geschichten und Abenteuer. Stellen Sie sich nur schon vor, wie aufregend das war, sich auf die Zehenspitzen zu stellen, um vom Balkon runterzuschauen auf das Schönbühl! Lift fahren war auch toll im Hochhaus und Lottozahlen ausfüllen am Kiosk unten, neben dem Haupteingang. Mein Grosi hatte sogar mal einen Fünfer. Ich kann also Ferien im Schönbühl nur empfehlen. Danke, Max Küng, dass Sie mich so unverhofft daran erinnert haben :-).