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Podcast von Luisa NeubauerEine erfrischende Klimastunde

Die deutsche Klimaaktivistin Luisa Neubauer moderiert auf Spotify den Podcast «1,5 Grad» auf informative und auch versöhnliche Art. Er ist nicht nur für Jugendliche empfehlenswert.

«Wissenschaft ist das Fundament, um die Klimakrise zu bewältigen», leitet Neubauer ihren Podcast ein.
«Wissenschaft ist das Fundament, um die Klimakrise zu bewältigen», leitet Neubauer ihren Podcast ein.
Foto: PD

Über 60 Minuten Podcast gegen den Klimawandel, und das auf Spotify, dem Audio-Streaming-Dienst. Das ist allerhand. Ein solch komplizierter Stoff braucht intellektuelles Stehvermögen. Denkt man. Spotify ist offensichtlich anderer Meinung und hat jetzt zu den gut 40’000 deutschsprachigen Podcast-Titeln «1,5 Grad» hinzugefügt.

Es versteht sich, dass es sich da nicht um eine trockene, mit Zahlen und wissenschaftlichen Fakten überbordende Klimaschulstunde handeln kann. Im Gegenteil. Es ist die deutsche Klimaaktivistin Luisa Neubauer, die den Podcast moderiert. Die inzwischen auch in der Schweiz bekannte «Greta Deutschlands» verliert sich dabei nicht in einem Monolog politischer Agitation, die Hörerin und der Hörer wird auch nicht mit einer langen Forderungsliste an Politik und Gesellschaft konfrontiert. Es geht um wissenschaftliche Aufklärung, so zumindest in der ersten Folge, die kürzlich aufs Netz ging. «Wissenschaft ist das Fundament, um die Klimakrise zu bewältigen», leitet Neubauer ihren Podcast ein.

Hollywoodikone zum Einstieg

Dabei steht nicht sie im Mittelpunkt, sondern Experten und Menschen, die öffentlich gegen den Klimawandel einstehen. Natürlich dürfen dabei Emotionen nicht fehlen. In der ersten Folge beginnt Neubauer – in englischer Sprache - mit der 82-jährigen Hollywoodikone und Klimaaktivistin Jane Fonda. Etwas Glamour und Fondas beste Wünsche an die Klimajugend hätten nicht sein müssen, erleichtern aber den Einstieg in die nüchternere Materie.

«Greta Deutschlands»: Neubauer mit Thunberg bei einer Kundgebung im Jahr 2018.
«Greta Deutschlands»: Neubauer mit Thunberg bei einer Kundgebung im Jahr 2018.
Foto: Keystone

Hauptgast ist dann Stefan Rahmstorf, der deutsche Klimaforscher gehört zu den renommiertesten Wissenschaftlern weltweit, kann provozierend sein und redet ohne Umschweife. Ein idealer Gesprächspartner. Louise Neubauer hat ihn in Potsdam am Institut für Klimafolgenforschung besucht. Man ist per Du, das Gespräch dreht sich um Rahmstorfs Arbeitsbedingungen während der Corona-Krise, um dann zu den wissenschaftlichen Fakten des Klimawandels vorzustossen.

Emotionale Einwürfe

Die 24-jährige Hamburgerin nimmt auch im Podcast die Position der Klimaaktivistin ein; Neubauer hat die ersten «Fridays for Future»-Streiks in Deutschland initiiert, inspiriert durch die schwedische Jugendliche Greta Thunberg.

Sie ist inzwischen das Gesicht der jungen Klimabewegung in Deutschland, hat eine Kolumne im «Stern» und auch ein Buch geschrieben, «Vom Ende der Klimakrise – Eine Geschichte unserer Zukunft». Neubauer ist omnipräsent, nun auch in einem Podcast, mit dem sie ein breites Publikum erreichen will, das sich noch nicht mit dem Klimawandel beschäftigt hat. Auf Spotify zielt sie auf junge Leute – aber nicht nur.

Luisa Neubauer zusammen mit Greta Thunberg im August 2020, nach einem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Luisa Neubauer zusammen mit Greta Thunberg im August 2020, nach einem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Foto: Keystone

Mit ihrer erfrischenden Art zu erzählen und gelegentlichen emotionalen und jugendlichen, aber kompetenten Einwürfen zum Zustand der Erde gelingt es ihr, ein lockeres und spannendes Gespräch aufzubauen. Der Laie lernt, warum die derzeitige Erderwärmung von 1,2 Grad bereits in vielen Weltregionen katastrophale Auswirkungen hat; er erfährt, warum bereits eine weitere Erwärmung um nur wenige Zehntel Grad fatal für verschiedene Ökosysteme sein kann.

Rahmstorf erklärt anschaulich und verständlich, er zeichnet das Bild des Kipppunktes, bei dem eine Entwicklung nicht mehr aufzuhalten ist. Er erzählt von der Sorge der Wissenschaft, dass das etwa bei der Abschmelzung des Grönländischen Eisschildes passieren könnte.

Der Podcast erhält ab und zu eine alarmistische Note, Neubauer versprüht in ihren Kommentaren manchmal etwas Pathos, und unterschwellig ist sie auch moralisierend.

Neubauer schlägt dabei immer wieder den Bogen zum Menschen. Sie malt sich aus, ob sie in fünfzig Jahren auch so glücklich leben kann wie ihre Grossmutter heute, die sie «über alles liebt». Sie fragt nach den beiden jugendlichen Kindern von Stefan Rahmstorf, und ob er sich auch Gedanken über die Zukunft macht. Natürlich macht er das.

Aushängeschild der deutschen Fridays-for-Future-Bewegung: Luisa Neubauer bei einer Demo im September 2020.
Aushängeschild der deutschen Fridays-for-Future-Bewegung: Luisa Neubauer bei einer Demo im September 2020.
Foto: Keystone

Der Podcast erhält dadurch ab und zu eine alarmistische Note, Neubauer versprüht in ihren Kommentaren manchmal etwas Pathos, und unterschwellig ist sie auch moralisierend. Dazu passt der Hinweis von Rahmstorf, dass dem amerikanischen Senat bereits 1965 ein Bericht vorlag, der vor dem Treibhauseffekt durch die Verbrennung fossiler Treib- und Brennstoffe warnt. Inzwischen sind über 50 Jahre vergangen.

Die Klimastunde ist schnell vorbei – und versöhnlich. Rahmstorf ist trotz der Klimaentwicklung zuversichtlich: Die Ursache sei bekannt, und die Technologie sei da, um etwas zu verändern. Neubauers Klimapodcast ist lehrreich, es braucht keine Vorkenntnisse, und wenn die Klimaaktivistin weiterhin Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner einlädt, die sich auf Fakten stützen (davon ist auszugehen), ist das Ganze empfehlenswert. Der nächste Podcast wird in zwei Wochen aufgeschaltet.

9 Kommentare
    Tilman Götz

    Gleich wie Corona besitzt auch die Klimaerwärmung ein exponentielles Wachstum. Ein wenig Emotionen wie "Alarmismus" tun hier sicher gute Dienste um nicht hoffnungslos oder wie oben gesagt depressiv zu werden. Solche Emotionen ermöglichen Verzichtsleistungen wie wir sie in diesem Jahr gesehen haben. Und ohne diese wird es nicht gehen auch hier wo man noch gar nicht substantiell bereit ist in diesen gewaltigen aber notwendigen ökonomischen Wandel zu investieren.

    Corona wird gehen aber der Klimawandel bleibt.