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Gen Z in Zahlen und Erzählungen«Ich habe schon recht viel Zukunftsangst»

Die Eltern fabelten von Zukunft, die Jungen schwanken zwischen Pragmatismus und Kampfgeist. So tickt die Generation Z, geboren zwischen 1997 und 2012.

Die Generation Z packt ihr Lebensgefühl in böse Memes.
Die Generation Z packt ihr Lebensgefühl in böse Memes.
Quelle: Tumblr

Sie sind die Krisen-Kids. Die viel diskutierte «Gen Z», gern amerikanisch ausgesprochen als «Dschen Si» – die Generation, die ungefähr zwischen 1997 und 2012 geboren wurde –, hat die Wechselfälle des 21. Jahrhunderts quasi mit der Muttermilch aufgesogen.

Als da wären: 9/11, der Irakkrieg, die Finanzkrise 2008, die Eurokrise 2011, der Super-GAU von Fukushima, die Flüchtlingskrise 2015, die Terroranschläge in Deutschland und Frankreich, die Sorge um die AHV, die Big-Data-Angst, die Klima- und nun die Corona-Krise samt wirtschaftlichen Folgen. Die Gen Z gilt als die «traurigste Generation», andererseits hat sie den Aktivismus für sich entdeckt. Und auch sie quält sich mit der kognitiven Dissonanz des 21. Jahrhunderts: Man weiss, Verzicht wäre besser, hängt aber am Handy, fliegt in die Ferien, kauft Krimskrams; und hasst es.

Der typische Gen-Z-Humor ironisiert – und glorifiziert – das Lebensgefühl der Depression oder flüchtet sich in dadaesk-alberne Memes. Oder beides zugleich.

Die «Emo Kids» waren mal die Vertreter eines Teenager-Trends der Empfindsamkeit.
Die «Emo Kids» waren mal die Vertreter eines Teenager-Trends der Empfindsamkeit.
Wort- und Lautspielereien sind typisch für den Gen-Z-Humor.
Wort- und Lautspielereien sind typisch für den Gen-Z-Humor.
Noch Fragen?
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Dabei wuchs diese Generation, in unseren Breiten jedenfalls, superbehütet und supergepusht auf – rundum umsorgt von Helikoptereltern, rundum unterhalten über digitale Tools, die sie brauchen wie die Luft zum Atmen. Die Eltern haben ihnen erzählt, sie seien das grösste Geschenk auf Erden und könnten erreichen, was immer sie wollen.

Die Social Media hingegen und die Castingshows haben ihnen gezeigt, dass das Leben ein steter Wettkampf ist: ein gnadenloses Rat Race um den schönsten Körper, den tollsten Job, den heissesten Partner. Zudem haben die Zoomer, wie sie auch genannt werden, gesehen, wie die eigenen Eltern strampeln und stressen.

Das Wirtschaftswunder-Aufwärts der Grosselterngeneration ist vorbei. Die Schere der Vermögensverteilung öffnet sich, die Mittelschicht schrumpft, Verlustangst herrscht. Häufig haben die Eltern, die meist der Generation X entstammen – geboren zwischen 1965 und 1980 –, im Verhältnis deutlich weniger soziale Mobilität nach oben erreicht als noch die Grosseltern.

Von entgegengesetzten Botschaften geprägt

Zwei diametral entgegengesetzte Botschaften prägen also die Kindheiten der hiesigen Gen Z: «Alles ist grandios hier, und du bist es auch» und «besser wird es nicht, jetzt gehts bachab.» Mit der Corona-Krise haben sich die Signale noch mal Richtung Sturm verschärft. Jetzt, wo die Jungen teils selbst ins Arbeitsleben starten.

So pointiert Lukas, 19, in Ausbildung zum Fachmann Gesundheit: «Ich habe für mein Alter schon recht viel Zukunftsangst. Gerade habe ich das erste Ausbildungsjahr hinter mir und denke bereits darüber nach, was ich danach machen will und wie und in welchem Tempo. Heutzutage gibst du dich nicht so schnell zufrieden, willst wirklich immer das Beste aus deinem Leben herausholen.» Jeder Moment muss stimmen. Darum geht Lukas auch nie ohne Smartphone und Kopfhörer aus dem Haus. «Allein der Gedanke, unterwegs zu sein und nicht Musik hören zu können, macht mich unruhig.»

Sie sind zwar so frei wie keine Generation zuvor, doch die Zeiten der Sorglosigkeit sind passé. Das spiegelt sich auch in Untersuchungen wider; zwischen den schweizerischen und den internationalen Befunden sind die Differenzen in vielen Bereichen gering (US-Pew Research von 2020; deutsche Deloitte-Studie 2019; schweizerische Deloitte-Studie 2018; Shell-Studie 2019; Credit Suisse-Jugendbarometer 2018; CH- und D-Studie 2016). Wie die Gen Z politisch tickt, erzählte uns einer, der sie in- und auswendig kennt: der Zürcher Kantonsrat Nicola Siegrist, Juso-Vizepräsident, Aktivist, Jahrgang 1996.

Die Gen Z in der Schweiz und international

  • Anteil an hiesiger Bevölkerung: knapp 20 %; an der Weltbevölkerung: 20 %.
  • Anteil an Erwerbstätigen in der Schweiz 2018: 7,7 % (Generation X: 36,2 %; Millennials/Gen Y: 33 %; Boomer: 22,1 %)
    Potenzielle Pandemiefolgen bis 2025 in der Berufsbildung: Laut «Lehrstellen-Puls» der ETH wurden bisher 3 Prozent der Lehrstellen Corona-bedingt gestrichen, 1,7 Prozent sind gefährdet. 12 % der Stifte arbeiten in Lehrbetrieben, die wegen Corona wahrscheinlich weniger Ausgebildete übernehmen als geplant; für 6 % der Betriebe steht das bereits fest. Viele Nebenjobs, etwa für Studierende, gingen im März temporär oder ganz verloren.
  • In den USA und Europa ist die Gen Z ethnisch diverser als die Vorgängergenerationen.
  • Sie wird die am besten ausgebildete Generation sein.
  • Die Gen Z stellt die ersten Digital Natives. Diese hatten in der Kindheit diverse Medien zur Verfügung. Ab dem Alter von 13 Jahren dominiert das Smartphone. Man bevorzugt Instagram, Whatsapp, Youtube, Tiktok gegenüber Twitter, Facebook (Millennials). SMS ist out. US-Kinder zwischen 4 und 15 Jahren verbringen 85 Minuten täglich auf Youtube, 80 Minuten auf Tiktok (Tendenz steigend).

Gen Z: Haltungen in Zahlen

  • Anteil der Schweizer Gen Z, der sein Unternehmen innerhalb der nächsten 2 Jahre verlassen will: 61 % (Millennials: 43 %).
  • Anteil der Schweizer Gen Y wie Gen Z, der Firmen generell als rücksichtslos und egoistisch taxiert: 75 %.
  • Traumbranche Schweizer Jugendlicher 2018: Das Bildungswesen war die erste Wahl von 56 % (in den anderen befragten Ländern wählten je über 70 % den IT-Sektor).
  • Anteil der deutschen Gen Z, der an eine künftige Verbesserung der politisch-sozialen Lage glaubt: 7 % (Millennials: 10 %).
  • – sich eine Familie wünscht: 51 % (Millennials: 44 %).
  • – sich vorstellen kann, auf Social Media ganz zu verzichten: 44 % (Millennials: 54 %).
  • – mit dem Leben zufrieden ist: 26 % (Millennials: 31%).
  • Grösste Sorge war 2019 für 71 % der deutschen 12- bis 25-Jährigen die Umweltzerstörung; 2018 für 53 % der Schweizer Jugendlichen die Altersvorsorge.
So divers und so gut ausgebildet wie keine der Vorgängergenerationen – aber lang nicht so optimistisch: die Gen Z.
So divers und so gut ausgebildet wie keine der Vorgängergenerationen – aber lang nicht so optimistisch: die Gen Z.
Foto: Getty Images

Gen Z: Unbezifferte Haltungen

  • Autoritäten und Konventionen werden hinterfragt, eigene Meinungen klar geäussert.
  • Die Schweizer Gen Z zeigt eine starke Leistungs- und Erfolgsorientierung bei gleichzeitiger Zukunftsangst. Der Stresspegel ist besonders bei jungen Frauen hoch.
  • Arbeitsmarktforscher attestieren der hiesigen Gen Z hohe Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit – und einen Hang zu Neurotizismus.
  • Digitale Übersättigung bei gleichzeitiger «Handysucht»: Die Medienkompetenz macht die Gen Z ambivalent bis kritisch gegenüber der digitalen Welt.
  • Die Gen Z ist realistischer, weniger optimistisch als die Gen Y.
  • Politisches Engagement und Handeln im Kollektiv sind wichtiger als für die Gen Y; seit #MeToo ist man zu mehr Aktivismus bereit.
  • Vom Staat wird mehr Stärke und Regulierung erwartet; das Vertrauen ins freie Spiel der Märkte zum Wohle aller ist gering.
  • Sicherheit, geregelte Freizeit und Sinnstiftung sind wichtiger im Job als ein hoher Lohn.

3 Testimonials

Jérôme, 19, studiert Geschichte und Kommunikationswissenschaft, Schweizer

«Nach der Matur begann ich direkt mit dem Studium. Ich möchte in erster Linie Freude an meinem späteren Beruf haben, jedoch muss man auch ein wenig schauen, dass man davon gut leben kann. Ich finde «Fridays for Future» eine gute Idee, bin jedoch zum einen sehr faul und kann aufgrund meines eigenen Lifestyles nicht komplett dahinterstehen. Das gilt auch für die aktuellen Demos. Was Konsum angeht: Einen Palast brauche ich nicht, die Lage meiner Wohnung ist da wichtiger. Das Smartphone benutze ich schon sehr oft. Instagram, Tiktok und Snapchat habe ich zwar nicht beziehungsweise nicht mehr. Aber Whatsapp ist essenziell. Und beim Handy gilt: einfach kein Apple.»

Julia, 19, studiert Jura, serbisch-schweizerisch

«Ich will voll ins Studium investieren, um glücklich im Job zu sein, eine gewisse Karriere zu machen, den Lebensstandard zu haben, um mich verwirklichen zu können: ohne finanziellen Sorgen, mit Reisen, einem schönen Daheim, Haustieren. Partnerschaft ist mir wichtig, ich bin seit vier Jahren in einer festen Beziehung. Ein wildes Single-Leben wär nichts meins. Sondern: ein guter Beruf und Familie. Politik interessiert mich, ich versuche, mich zu engagieren für Klima, Frauenrechte, Menschenrechte, Antirassismus. Es ist eine Zeit in meinem Leben, wo ich darüber nachdenke, was ich will: Empathie, Selbstlosigkeit, Hilfsbereitschaft, eine Gesellschaft ohne Egoismus. Einen starken Sozialstaat ohne Ungleichheit und Diskriminierung. Natur- und Tierschutz.

Smartphone und Kopfhörer sind unverzichtbar; aber ich bemühe mich, davon loszukommen. Whatsapp benutze ich viel, Insta und Youtube weniger, weil ich da vieles toxisch und verblödend finde.»

Sarita, 19, Maturandin an der KME, Aktivistin «Bildung ohne Sexismus», nepalesisch-schweizerisch; verlor den Gastronomie-Nebenjob wegen Corona

«Es gibt Memes, die uns definieren wie jenes: Angst haben, im Restaurant etwas mit fetter Sauce zu bestellen, aber sich volle Kanne gegen einen Polizeikordon werfen. Das Klischee ist: Die Gen Z tut nichts, säuft Kaffee, suhlt sich im Katastrophismus. Aber wir beginnen, uns zu wehren, sind da und laut und queer. Sind weltoffen und oft Secondos. Das Beste, um die Leute zu organisieren, sind die Social Media. Zugegeben, die Generation ist gespalten: Einerseits die, die sich abschotten. Man hat schon zu viel Schreckliches gesehen, sogar Youtube-Clips von Ermordungen, und wurde gleichgültig oder depressiv. Andererseits gibt es viele, die sich engagieren. Unsere Taktik ist: präsent sein, stürmen, auch stören. Sonst tut sich nichts.

Als queere Frau und Person of Color fühle ich mich leider auf der Strasse immer noch nicht sicher, habe da aber Hoffnungen auf die Zukunft. Und lerne gerade boxen. Ich will etwas verändern, Geschichte studieren und in die Forschung.»

Universum Gen Z
Universum Gen Z
Illustration: Veronique Stohrer

Angesagtes Gen Z-Vokabular – das Quiz