Thalwil

Zwischen wallenden Tüchern und spritzenden Orangen

Die junge Künstlerin Jasmin Kiranoglu experimentierte im Kulturraum mit verschiedenen Formen von Ver- und Enthüllung. Ihre Performance bildete den Auftakt des viertägigen Katapult-Festivals.

Orangen von der Schale befreien: Jasmin Kiranoglu beschäftigt sich in ihrer Performance mit verschiedenen Arten und Weisen der Verhüllung und Enthüllung.

Orangen von der Schale befreien: Jasmin Kiranoglu beschäftigt sich in ihrer Performance mit verschiedenen Arten und Weisen der Verhüllung und Enthüllung.

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Langsam holt Jasmin Kiranoglu eine Orange aus der Schublade. Schaut sie lange an und wiegt sie vorsichtig in ihrer Hand. Dann nimmt sie ein Messer hervor und zerteilt die Orange mit einem lauten Schrei in zwei Hälften. Das Publikum zuckt zusammen. Pause. Dann, fast schon verzweifelt, versucht sie die beiden Hälften wieder zusammenzubringen, wird immer energischer, so dass Orangensaft über die ganze Bühne spritzt. Pause. Stumm stellt sie die Orange an und stellt sie vor sich auf den Tisch. Dann holt sie die nächste Orange aus der Schublade.

Enthüllung durch Verhüllung

Mit ihrer Performance «Hüllen» lotet die Absolventin der Hochschule für Künste Bern Grenzen aus. Sie eröffnet das diesjährige Katapult Festival in Thalwil. Unter dem Motto «Grenzen überschreiten» können dort junge Kunstschulabsolventen ihre Arbeiten vor einem Publikum präsentieren und haben so die Möglichkeit, die Grenze zwischen Schule und Berufseinstieg zu überschreiten.

Hüllen, die einengen, Hüllen die schützen, Hüllen, die verstecken, die aufmerksam machen. In ihrer Performance experimentiert die 26-jährige mit den Möglichkeiten und Grenzen von Verhüllung und Enthüllung. Zu Beginn liegt sie auf dem Boden unter einem grossen Tuch. Zu atmosphärischer Musik räkelt sie sich langsam in die Höhe – das Gesicht immer verdeckt. Dann nimmt sie ein schwarzes Tuch und hält es wie einen Vorhang vor ihren Körper. Wie auf einem Laufsteg läuft sie dem Publikum entgegen, der Ventilator vor ihr bläst das Tuch gegen ihren Körper, so dass ihre Konturen sichtbar werden. Während sie sich immer wieder auf verschiedene Arten und Weisen verhüllt und wieder enthüllt, entblösst sie sich langsam aber stetig dem Publikum. Mit jedem Teil der Performance bekommt der Zuschauer ein Stück mehr von der jungen Künstlerin zu sehen.

«Hüllen schützen und entblössen uns gleichzeitig», sagt Kiranoglu später bei der Fragerunde. «Oft zieht man auf das, was man schützen möchte, nur noch mehr Aufmerksamkeit». Sie habe sich schon immer für das Verborgene interessiert, für das, was hinter dem Vorhang ist. Sie habe sich für ihre Performance von der bildenden Kunst inspirieren lassen und versucht bekannte Motive der Verhüllung auf der Bühne zu übersetzen.

Orangen als Sinnbild für den Körper

Über einen Tisch gebeugt, holt sie Orangen aus der Schublade, befreit sie von einer künstlichen Stoffschale. Danach zerschneidet, zerquetscht oder zerbeisst sie eine nach der anderen gewalttätig, nur um danach wieder verzweifelt zu versuchen, sie wieder in ihre ursprüngliche Form zu bekommen. Es ist ein Tanz zwischen Zärtlichkeit und Gewaltbereitschaft. «Man kann die Orangen gleichsetzen mit dem Körper», meint Kiranoglu. «Wir können uns optisch verhüllen, aber auch innerlich». Es zeige die Verletzlichkeit, die da ist ohne die Schale. Trotz der vergleichsweise zähen Hülle, sind die Orangen innen sehr weich und verletzlich.

Die Performance hat Parallelen zu ihrem echten Leben. In der Realität ist die junge Künstlerin ein schüchterner Mensch, auf der Bühne ist sie eine andere Person. «Die Bühne ist für mich ein geschützter Raum», sagt Kiranoglu. Die Figur, die sie jeweils spielt, sei wie eine Hülle für sie, in der sie eine andere Person sein kann.

Das Katapult-Festival läuft noch mit verschiedenen Programmpunkten bis Sonntag, wo eine Podiumsdiskussion stattfinden wird, bei der verschiedene Menschen aus der Kulturszene den jungen Künstlern von ihren Erfahrungen berichten.

www.katapultfestival.ch (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 15.03.2019, 17:01 Uhr

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