Rüschlikon

Wie emanzipiert war die «Coco Chanel» des Journalismus?

Drei Generationen von Journalistinnen haben über Mabel Zuppinger, erste Chefredaktorin der «Annabelle», diskutiert. Die mondäne Rüeschlikerin behauptete sich in einer Männerdomäne.

Drei Generationen von «Annabelle»-Chefredaktorinnen auf dem Podium: Die 94-jährige Journalistin Charlotte Peter (Mitte) hatte noch mit Mabel Zuppinger gearbeitet, Suzanne Speich (rechts) war Chefredaktorin von 1975 bis 1978, und Silvia Binggeli (links) ist die aktuelle Chefredaktorin des Frauenmagazins.

Drei Generationen von «Annabelle»-Chefredaktorinnen auf dem Podium: Die 94-jährige Journalistin Charlotte Peter (Mitte) hatte noch mit Mabel Zuppinger gearbeitet, Suzanne Speich (rechts) war Chefredaktorin von 1975 bis 1978, und Silvia Binggeli (links) ist die aktuelle Chefredaktorin des Frauenmagazins. Bild: Moritz Hager

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Ein Gesamtkunstwerk sei Mabel Zuppinger (1897–1978) alias Claudine gewesen, das Ebenbild einer emanzipierten und glamourösen Frau, welche sich in der männerdominierten Berufswelt der Kriegs- und Nachkriegsjahre durchgesetzt hatte. So schilderte der Schweizer Publizist und Podiumsdiskussionsleiter René Lüchinger den rund 30 Zuhörerinnen und Zuhörern am Donnerstagabend im Hotel Belvoir die erste Chefredaktorin der 1938 gegründeten «Annabelle».

Ähnlich tönte die Beschreibung der Publizistin Daniele Muscionico, welche Zuppinger dereinst als starke Frau porträtiert hatte: Aus den vorhandenen Unterlagen könne man entnehmen, dass Mabel Zuppinger quasi über Nacht von der Redaktionssekretärin zur Redaktorin bei der «Weltwoche» wurde und danach den Sprung als erste Chefredaktorin der «Annabelle» schaffte. Deren heutige Chefredaktorin, Silvia Binggeli, bezeichnete Zuppinger als Grundsteinerschafferin eines Erbes, auf welchem weiterhin aufgebaut wird.

Einseitiges Frauenbild

Andere, deutlich kritischere ­Töne schlug Suzanne Speich, Ex-Chefredaktorin der «Annabelle» in den 70er-Jahren, an. Von einer emanzipierten Frau könne keine Rede gewesen sein, im Gegenteil: Die Emanzipation habe in den Anfangsjahren der «Annabelle» redaktionell überhaupt nicht stattgefunden, es sei vielmehr ein Frauenbild von ausschliesslich gut situierten, verheirateten Frauen mit Villen und Swimmingpools gezeichnet worden.

Speich holte spontan aus dem Publikum noch eine weitere Teilnehmerin auf die Podiumsbühne: Die 94-jährige Journalistin Charlotte Peter hatte lange mit Zuppinger gearbeitet und war von 1978 bis 1980 ebenfalls Chef­redaktorin der «Annabelle». «Mabel Zuppinger war ein an­gebetetes Vorbild für viele», sagte sie. Sie sei immer tipptopp gestylt ­erschienen und habe einem glamourösen Idealbild entsprochen, «aber als emanzipiert würde ich sie nicht beschreiben», sagte Charlotte Peter. Die unterschiedlichen Schilderungen hinterliessen einen Hauch von Mysterium um die Person Mabel Zuppinger.

Danach wechselte die äusserst lebhafte Diskussion zu den heutigen Herausforderungen in der Medienwelt: Es müssen mit immer weniger Ressourcen spannende Geschichten produziert werden. René Lüchinger warf die Frage in die Runde, wie man ein Frauenmagazin wie die «Annabelle» im 21. Jahrhundert weiterentwickeln müsste, damit dieses noch einmal 80 Jahre Bestand haben könnte.

Zwei Fragen überstehen

Silvia Binggeli ist der Meinung, dass gut recherchierte Reportagen immer gelesen werden, auch in Zukunft, und zwar auch in einem Printprodukt, nicht nur online. Daniele Muscionico zeigte sich ebenfalls überzeugt davon, dass sowohl Bücher als auch Zeitschriften überleben werden und dass menschennahe Geschichten dafür auch in der Zukunft existenziell sind.

Was wohl Mabel Zuppinger heute auf diese Frage antworten würde? Dazu kann man nur Mutmassungen anstellen. Eines steht fest: In ihrer Zeit waren es zwei wichtige Fragen, welche über die Inhalte ihrer Publikation entschieden. Sie wollte in den Redaktionssitzungen immer wissen: «Interessiert das die Leute?» und «Gehört es in die Zeitung?». Wenn es darauf kein klares und überzeugtes Ja als Antwort gab, wurden die entsprechenden Artikel nicht publiziert.

Ortsmuseum Rüschlikon, Nidelbadstrasse 58, Rüschlikon. Die Ausstellung über Mabel Zuppinger dauert bis zum 24. November, offen jeden letzten Samstag im Monat von 11 bis 14 Uhr. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 07.09.2018, 15:46 Uhr

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