Geschwister

Zwei Vollblutpolitiker, die sich necken und schätzen

Regierungsrat Ernst Stocker und die Hüttner Gemeindepräsidentin Verena Dressler sind in einem politischen Elternhaus aufgewachsen. Dass beide eine politische Laufbahn einschlagen würden, ist aber nicht selbstverständlich.

Ernst Stocker und Verena Dressler sind mit drei weiteren Geschwistern auf einem Bauernhof im Wädenswiler Berg aufgewachsen. Im Elternhaus wurde viel über Politik gesprochen.

Ernst Stocker und Verena Dressler sind mit drei weiteren Geschwistern auf einem Bauernhof im Wädenswiler Berg aufgewachsen. Im Elternhaus wurde viel über Politik gesprochen. Bild: Sabine Rock

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Wir hatten eine schöne Kindheit, sagt Ernst Stocker. Der Regierungsrat sitzt im Wintergarten seines Hauses im Wädenswiler Berg. Er zeigt aus dem Fenster auf die Nachbarshöfe und zählt die Kinder auf, die mit ihm die Schule besuchten. In jeder Familie gab es drei, vier, fünf oder noch mehr Geschwister.

Ernst Stocker ist mit zwei jüngeren Schwestern und zwei jüngeren Brüdern in dem über 200-jährigem Bauernhaus aufgewachsen. «Wir haben viele Streiche gespielt», sagt er, winkt ab und macht eine Kopfbewegung als wollte er sagen, das würde heutzutage nicht mehr toleriert. Allerdings durften sich auch die Stocker-Kinder nicht viel erlauben. Denn der Vater war Mitglied der Schulpflege, Stadtrat und Laienrichter. Da hiess es für die fünf Kinder, sich zu benehmen.

«Auch unsere Mutter war sehr engagiert», betont Verena Dressler, die sechs Jahre jüngere Schwester «nicht nur der Vater.» Die Mutter war Präsidentin der Landfrauen von Wädenswil und des Bezirks und engagierte sich in einer Kulturvereinigung. «Unsere Eltern haben uns vorgelebt, dass man sich für das öffentliche Wohl einsetzt», sagt sie.

In der Familie Stocker wurde viel über die Politik und das Geschehen im Dorf und der Welt diskutiert. «Wir waren nicht immer gleicher Meinung», sagt Verena Dressler, «inzwischen haben wir uns aber angenähert», entgegnet Ernst Stocker.

Verschiedene Temperamente

Die beiden Geschwister necken sich oft und lachen gerne. Eine Geschichte führt zur nächsten, der Gesprächsstoff geht nie aus. Verena Dressler ist lebhaft, spontan, emotional. Wenn sie spricht, gestikuliert sie viel. Ernst Stocker wirkt ruhig und besonnen. Er überlegt sich, welche Anekdoten er preis gibt, bringt Themen, die ihm wichtig sind, zur Sprache, und platziert im richtigen Moment einen Scherz.

«Ernst hat immer viel gearbeitet, schon als Kind auf dem Hof», sagt Verena Dressler. «Du warst ein Chrampfer, ich der Sommervogel.» So habe sie an den schulfreien Mittwoch nachmittagen nichts lieber gemacht als auf dem Sofa zu liegen und ein Buch zu lesen. Das habe den Bruder aber geärgert, wenn er aus dem Stall zurückkehrte. Der grosse Bruder übernahm Verantwortung, «und ich liebte das Gefühl der Freiheit», sagt Verena Dressler.

Wir hatten es immer gut», sagt Ernst Stocker und betont, wie wichtig ihm die Wurzeln sind. Es gab auf dem Bauernhof zwar viel Arbeit, aber auch die Geborgenheit in der Grossfamilie. Auch heute noch sind die fünf Geschwister, die alle in der Nähe wohnen, füreinander da. Als ihre Eltern kürzlich in eine Alterswohnung zogen, packte die Familie an. Ein Zügelunternehmen zu engagieren, wäre nicht in Frage gekommen.

Füreinander da sein, hiess es auch, als Verena Dressler mit 20 Jahren bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt wurde. Als sie aus dem Spital entlassen wurde, zog sie vorübergehend zu Ernst Stocker, weil er in einem Haus ohne Treppen lebte. «Ich durfte beim frisch verheirateten Bruder leben», lacht sie. Der Unfall habe sie geprägt. Sie sei einfach froh und dankbar, dass sie sich damals so gut erholt habe.

In den Fussstapfen des Vaters

Dass Ernst Stocker den Hof vom Vater übernimmt, sei immer klar gewesen, sagt Verena Dressler, «und auch, dass er in die Politik einsteigt.» Ernst Stocker trat der SVP bei und begann seine Laufbahn als Präsident des Quartiervereins Langrüti und als Präsident des Landwirtschaftlichen Vereins Wädenswil. Danach erklomm er eine Stufe nach der anderen: als Stadtrat und als Stadtpräsident. Gleichzeitig politisierte er auf kantonaler Ebene, zuerst ab 1987 als 32-Jähriger im Kantonsrat und 2003/04 als dessen Präsident, ehe ihm 2010 der Sprung in den Regierungsrat gelang, wo er zuerst der Volkswirtschaftsdirektion vorstand, heute der Finanzdirektion. Im nächsten Jahr tritt er bei der Erneuerungswahl wieder an.

Ernst Stocker gab indirekt auch den Anstoss, dass Verena Dressler in die Politik einstieg. «Und dafür bin ich ihm sehr dankbar», sagt sie. Er schlug dem früheren Hüttner Gemeindepräsidenten Hans Götschi vor, er solle seine Schwester für ein Amt anfragen, als die Berggemeinde auf der Suche nach Kandidaten war.

Verena Dressler wurde Gemeinderätin, später Gemeindepräsidentin. Dies bleibt sie noch bis voraussichtlich Ende Jahr, wenn Hütten und Schönenberg in Wädenswil eingemeindet werden. Zudem ist Verena Dressler Präsidentin der Oberstufenschule Wädenswil, Schönenberg, Hütten. In Hütten gibt es keine Ortsparteien. Verena Dressler, die sich als Bürgerliche mit sozialem Gewissen bezeichnet, ist deshalb nie einer Partei beigetreten.

Ausnahme bestätigt die Regel

Sie sei immer wieder aufgefordert worden, bei ihrem Bruder, dem Regierungsrat, zu intervenieren, wenn in Hütten ein Problem auftauchte, sagt Verena Dressler. «Doch das mache ich nicht.» Nur einmal kam es zur direkten Konfrontation, als der Kanton entschied, dass Hütten kein Geld aus dem Sondertopf Isola erhalten soll. Um ein Zeichen zu setzen, schenkten die Hüttner darauf dem Kanton symbolisch ihre Bergbäche und -Wege, für deren teuren Unterhalt der Kanton sie nicht entschädigen wollte. «Wir haben eine Geschenk-Urkunde erstellt», erzählt Verena Dressler. «Ich wusste, Ernst ist so gut erzogen, dass er ein Geschenk nicht ablehnen würde.» Entschieden haben die Frage schliesslich die Gerichte. Hütten erhielt doch Beiträge aus dem Isola-Topf.

Die Geschichte mit den Bergbächen sind ist ein Streich, der einer guten Beziehung nichts anhaben kann. Denn grundsätzlich sind beide stolz auf das, was der andere erreicht hat, und vertrauen sich. «Du machst es gut», lobt Verena Dressler ihren Bruder. Sie höre rundum viel Positives über ihn. Sie schätze besonders, dass er so lösungsorientiert politisiert.

Ernst Stocker hat alle Achtung vor Verena Dressler, dass sie die kleine, finanzschwache Gemeinde Hütten durch die schwierige Zeit navigiert hat. «Dass die Schulen aber ständig klagen, sie erhielten zu wenig Geld, verstehe ich nicht», neckt er seine Schwester, die Schulpräsidentin. «Du bist ja auch froh, wenn deine Enkel gute Schulen besuchen können», gibt sie umgehend zurück. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 03.08.2018, 14:33 Uhr

Sommerserie

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Die «Zürichsee-Zeitung» por­trätiert in einer Sommerserie Geschwisterpaare aus der Region. Dabei geht es um das Elternhaus, unterschiedliche Lebenswege und Weltanschauungen. Und auch um Fragen, die sich unter Geschwistern zwangsläufig stellen: Wie steht es um Rivalität, Eifersucht und Konfliktlösungen? Alle Beiträge sind auch im Dossier unter www.zsz.ch zu finden. (red)

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