Umwelt

Zürichseemüll verschärft Problem in den Meeren

Nur 9 Prozent des weltweit produzierten Plastiks wird rezykliert. Ein Grossteil wird verbrannt, vieles gelangt in den Kreislauf der Natur und richtet dort immensen Umweltschaden an. Meist beginnt dieser Weg an den Ufern von Seen und Flüssen – auch am Zürichsee.

Auslegeordnung für den Abfall, wie er am Ufer eines Schweizer Gewässers eingesammelt wurde.

Auslegeordnung für den Abfall, wie er am Ufer eines Schweizer Gewässers eingesammelt wurde. Bild: zvg / Stoppp

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Plastik ist biologisch nicht abbaubar. Der Kunststoff zerfällt aber durch Umwelteinflüsse wie Sonne, Wind und Salz in immer kleinere Partikel. Das macht es gefährlich, denn die winzigen Teilchen verteilen sich in Meeren, Seen, Flüssen, Wäldern und Feldern als unsichtbarer Mikro- und Nanoplastikstaub.

Dieser Plastikstaub an Land oder die Plastiksuppe in Gewässern lässt sich nicht mehr einsammeln.Vor allem die Plastiksuppe dringt in tierische und pflanzliche Organismen ein. Wassertiere wie Fische und Seevögel sind besonders stark belastet. In der Nahrungskette könnte der Plastikmüll wieder zum Menschen zurückkehren und dessen Gesundheit angreifen.

Plastik vor Glas und Papier

Der gemeinnützige Verein Stop Plastic Pollution Switzerland (Stoppp) untersucht seit letztem April die Ufer der Schweizer Seen und Flüsse. Stoppp will mit Hilfe von 120 Freiwilligen jeden Monat feststellen, welche Abfälle an den Gewässern liegen bleiben. Nun liegen bereits Erkenntnisse der ersten grossflächigen Erhebung der Belastung von Plastik und anderen Abfällen an den Ufern von Fliessgewässern und Seen in der Schweiz vor. 80'000 Müllgegenstände wurden an 112 Standorten gesammelt. Demnach ist Plastik hierzulande mit 62 Prozent Anteil das weitaus meistgefundene Material an den Gewässern.

Dieses Zwischenfazit gilt auch für die regelmässig untersuchten Stellen am Zürichsee, am Walensee und an der Sihl. Nur in Männedorf wurden mehr Glas- als Plastikabfälle gesammelt. Zweithäufigster Ufermüll war Glas, gefolgt von Papier/Karton und Metall. Und überall liegen massenweise Zigarettenstummel herum.

Lollipop oder Wattestäbchen?

Das beunruhigt die Organisatoren der Untersuchtung, weil ein einziger Filter einer gerauchten Zigarette 7,5 Liter Wasser für Lebewesen zunichte machen kann. Zigarettenfilter bestehen nämlich aus Celluloseacetat, einem Kunststoff, der viele Jahre braucht, um sich zu zersetzen.

Untersucht wurden stets dieselben Stellen am Ufer. Der Abfall wurde gesammelt, gezählt, fotografiert, kategorisiert und am Ende entsorgt. Entscheidender Schritt ist die Übermittlung der Daten mittels Marine Litter Watch App und die systematische Auswertung.

Manchmal wird die Tätigkeit der Freiwilligen zur Detektivarbeit. Zum Beispiel ein Plastikstengel: Stammt er von einem Lollipop oder von einem Wattestäbchen? «Wenn eine Kläranlage in der Nähe ist, dann kann das von dort Treibgut sein», erklärt Projektleiterin Gabriela Kull. «Dann sind es wahrscheinlich Wattestäbchen.»

1243 Müllteile am Walensee

Die Fundergebnisse stellen dem Zürichsee kein gutes Zeugnis aus. Alle untersuchten Uferstellen erhielten die Stufe rot, die schlechteste Bewertung auf der Skala Grün-Gelb-Orange-Rot. Im Schweizer Vergleich sind sie überdurchschnittlich stark verschmutzt. Stäfa (schlechter als 92 Prozent aller untersuchten Ufer), Küsnacht (schlechter als 84 Prozent) und Richterswil (schlechter als 80 Prozent) gehören zu den verunreinigtsten Plätzen im Land. In der Region Schlusslicht ist die Sammelstelle am Walensee: Nur 6 Prozent der Ufer in der Schweiz sind noch dreckiger. In Walenstadt wurden auf einem 100 Quadratmeter grossen Uferfleck 1243 Abfallteile gefunden.

Andere Seen erhielten bessere Noten. Die geprüften Orte am Sihlsee, Vierwaldstättersee, Bodensee und Thunersee wurden der Stufe Gelb zugeordnet. Ebenfalls erfreulicher als der Zürichsee schnitten zwei Uferstellen in der Region an der Sihl ab. Sowohl Adliswil als auch Horgen haben mit der Stufe Gelb unterdurchschnittlich verunreinigte Ufer.

Die Organisation Stoppp bezeichnet die Fundorte als Stichproben. «Es gibt keine lückenlosen Untersuchungen und keine vollstände Studie», sagt Projektleiterin Kull. Für Stoppp ist die Studie aber repräsentativ und «nur die Spitze des Eisbergs». Die Uferchecks laufen noch bis April. Im Juni soll der Report publiziert werden. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 26.01.2018, 17:06 Uhr

Wo wieviel Abfall gesammelt wurde (anklicken für grössere Ansicht).

Gabriele Kull ist Leiterin von Stop Plastic Pollution Switzerland (Stoppp), einem gemeinnützigen Verein, der sich für eine Welt ohne Plastikverschmutzung einsetzt. (Bild: zvg)

Nachgefragt

«Wir können sagen, wo wie viel Abfall liegt»

Geht es nur um Plastikmüll an den Ufern oder auch im ufernahen Wasser?
Gabriele Kull: Wir sammeln nur an der Wasserwechsellinie – also dort, wo das Wasser Gegenstände weg- oder anspülen kann. Wir sammeln nicht im Wasser. Der Swiss Litter Report berücksichtigt alle Abfälle, die eindeutig von Menschen gemachte Materialien sind. Natürlich interessiert uns Plastik am meisten, weil es sich nicht biologisch abbaut.

In welchen Abständen wird gesammelt?
Einmal pro Monat von April 2017 bis April 2018.

Nach welchen Kriterien werden die Sammelorte ausgewählt?
Von der wissenschaftlichen Leitung der Studie wurden Richt­linien erstellt, wie ein idealer Standort auszusehen habe. Die Freiwilligen suchten dementsprechend in der Nähe ihres Wohnortes einen tauglichen Standort, der dann wiederum von der wissenschaftlichen Leitung geprüft wurde.

Wer sind diese Freiwilligen?
Es sind Menschen, die sich als Freiwillige beim WWF gemeldet haben für Umweltschutzprojekte oder die über das Netzwerk von Stop Plastic Pollution Switzerland (Stoppp) rekrutiert wurden. Sie sind gut gebildet, 20 bis 70 Jahre alt und wurden von der wissenschaftlichen Leitung des Swiss Litter Report speziell ausgebildet, um die Daten korrekt nach vorgegebenen Kriterien sammeln zu können.

Macht es Sinn, auch im Winter zu sammeln?
Auch im Winter werden an den meisten Standorten Abfälle gefunden, besonders nach Stürmen.

Gibt es den typischen «Zürichseeufermüll»?
Ja: Zigarettenstummel, Glasscherben von Bierflaschen, Wein und Champagner, Dosen, Korken, Einwegbesteck – im Sommer Glacelöffeli und Glacesticks –, Luftballons von Partys und Events, Verpackungen von Chips und Süssigkeiten, Plastiksäcke, Verpackungsfolien von Zigarettenschachteln, Plastikstrohhalme.

Lassen sich die Fund- und Sammelorte vergleichen?
Ja, dies wird bei der Endauswertung der Studie gemacht.

Gibt es Vergleiche zu anderen europäischen Ländern?
Unsere Daten werden in die Datenbank der Europäischen Umweltagentur eingespeist und lassen vielfältige Vergleiche zu.

Was soll die Studie bewirken?
Wir werden verlässliche Aussagen darüber machen können, wo, welcher und wie viel Abfall an vielen Orten der Schweiz liegt. Absolut gesehen, zeigen unsere Sammlungen schon beträchtliche Mengen an Materialien, die nicht in oder an saubere Schweizer Gewässer gehören. Das ist für uns ein genügend starkes Argument, um endlich wirksame Massnahmen gegen Littering und den Überfluss an Plastik-Einwegprodukten zu fordern.

Soll die Studie auch politische Instanzen in die Pflicht nehmen?
Stoppp plant, im Anschluss an den Swiss Litter Report zusammen mit Partnern eine grosse Kampagne zu starten, die Littering, Abfallflut und Einwegmaterialien ins Visier nimmt. Stoppp ist politisch aktiv und hat sich auch für das Plastiksackverbot eingesetzt. Wir möchten mit dem Swiss Litter Report ein weiteres Argument haben, damit Politik, Wirtschaft, aber auch der Konsument sich endlich in Richtung Kreislaufwirtschaft bewegen, in der es den Begriff «Abfall» nicht mehr gibt, sondern alles auf Materialkreisläufen basiert.

Interview: Christian Dietz-Saluz

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