Thalwil

«Zürichseeregion war schnell reformiert»

Vor 500 Jahren wurde die Reformation eingeläutet. Pfarrer und ­Kirchenratspräsident Michel Müller erzählt über die Reformation in der Region.

Fassbare 500 Jahre Reformation: Michel Müller mit dem Jubiläums-Logo der reformierten Kirche Zürich.

Fassbare 500 Jahre Reformation: Michel Müller mit dem Jubiläums-Logo der reformierten Kirche Zürich. Bild: Patrick Gutenberg

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Michel Müller, Sie wohnen in Thalwil. Hätten Sie vor 500 Jahren die Möglichkeit gehabt, sich an ihrem Wohnort der Reformation anzuschliessen?
Michel Müller: Ja, unbedingt. Die Geistlichen waren untereinander verbunden, die Reformation breitete sich daher von Zürich rasch über die Pfarrschaft aus, so auch in Thalwil.

Die Reformation erfolgte also ausschliesslich über die Pfarrer?
Nein, es gab politische, wirtschaftliche und geistliche Interessengruppen. In erster Linie lief die Reformation aber über das Humanistennetzwerk und über alle, die lesen und schreiben konnten. Ohne den Buchdruck wäre die Reformation nicht möglich gewesen. Luthers Thesen verbreiteten sich schnell, Zwingli erfuhr ziemlich rasch davon.

War Zwingli ein Einzelkämpfer oder erhielt er Unterstützung?
Zwingli arbeitete stets eng mit den beiden anderen Stadtzürcher Leutpriestern Engelhardt und Jud zusammen. Am See hatte er einen guten Freund, Konrad Schmid aus Küsnacht. Schmid wohnte in der Johanneskomturei, dem Johanniterhaus. Bei der Disputation in Zürich, wo Zwingli versuchte, die Zürcher Obrigkeit und viele Geistliche von der Reformation zu überzeugen, erwies sich Schmid als äusserst besonnen und vermittelnd. Schmid begleitete Zwingli dann auch nach Bern, um die Berner für die Reformation zu gewinnen. Und zu guter Letzt fiel Schmid 1531 neben Zwingli auf dem Schlachtfeld in Kappel am Albis. Und dann war da noch der deutsche Ulrich von Hutten, ein Humanistenfreund Zwinglis. Er war ein scharfer Kritiker der römisch-katholischen Kirche. Das ging so weit, dass Kaiser Karl V. gegen ihn die Reichsacht erwirkte und von Hutten in die Schweiz flüchtete, um der Todesstrafe zu entgehen. Zwingli nahm ihn auf und brachte ihn auf der Insel Ufenau unter. Da erlag er 1523 seiner schweren Syphiliserkrankung.

Sie nennen Kappel am Albis und die Insel Ufenau. War das linke Zürichseeufer häufig Schauplatz religiöser kriegerischer Auseinandersetzungen?
Das linke Ufer spürte einfach die Nähe zur katholischen Innerschweiz. Die Entscheidungsschlacht am Gubel war das letzte Gefecht im Zweiten Kappeler Krieg. Der Kriegsschauplatz war nah an den zürcherischen Orten, wo es aber schon vorher zu Verwüstungen kam.

Wie lange dauerte es, bis die Region um den Zürichsee reformiert war?
Das ging schnell, da es sich um Zürcher Ratsentscheide handelte. Als die Reformation für die Stadt Zürich eingeführt wurde, galt das auch für die Landschaft. Denn diese war Herrschaftsgebiet der Stadt, Gemeinden im heutigen Sinn gab es nicht.

Was bedeutete das für die Dörfer, wie lief die lokale Reformation konkret ab?
Meistens lief das über die Pfarreien. Schloss sich ein Pfarrer der Reformation an, hatte das Einfluss auf die ganze Pfarrei. Bis über die Reformation hinaus wurden Priester oft von Klöstern gewählt, so auch in Thalwil. So durfte das Kloster Wettingen auch nach dem Zürcher Ratsentscheid den Thalwiler Pfarrer wählen, dieser musste nun einfach reformiert sein.

Das heisst, auch der Pflichtzölibat wurde unmittelbar im Anschluss an die Reformation abgeschafft?
Ja, die Abschaffung des Zölibats setzte sich sehr schnell durch. Es gab unzählige Priester, die Kinder hatten, für die sie dem Bischof Sündenbussgeld bezahlen mussten. Neu sollten sie ein geregeltes Sexualleben haben dürfen. Oft heirateten sie übrigens Nonnen aus den Frauenklöstern, die im Zuge der Reformation aufgehoben wurden.

Und die Bevölkerung, hatte sie nichts zu sagen?
Doch, gerade Bauern unterstützten die Reformation. Sie lasen zwar nicht darüber, hörten aber vor allem an Märkten immer wieder die neusten Gerüchte davon. Sie erhofften sich von der Reformation Freiheit und dass ihnen die Abgaben, der Zehnte, erlassen werde.

Was geschah mit jenen Leuten, die sich der Reformation nicht anschliessen wollten?
Die meisten Altgläubigen wurden ab Ende der 1520er Jahre aus der Zürichseeregion verbannt. Altgläubige nannten sich die, die den alten Glauben behalten, das heisst weiterhin zur katholischen Kirche gehören wollten.

Todesstrafen gab es keine?
Doch, aber nur wenige. Die bekanntesten Todesstrafen wurden übrigens nicht an Katholiken vollzogen, sondern an Reformierten. Das waren einerseits die Täufer aus Zollikon, die in der Limmat ertränkt wurden, weil sie sich von der Zürcher Obrigkeit lösen wollten. Das war eine Art Spiegelstrafe. Zürich sagte sich: Wenn die Täufer schon getauft werden wollen, dann richtig. Das war ein brutales Denken. Ein anderer berühmter Fall war der Pfarrer Kaiser in Uznach. Er hatte sich der Reformation angeschlossen und wollte im katholischen Ort den evangelischen Glauben verkünden. In der Folge wurde er von Katholiken als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Wie erging es den Frauen während der Reformation?
Die Ehe wurde aufgewertet, was den Frauen zugute kam. Gleichzeitig verschlechterte sich die Situation alleinstehender Frauen, da es keine Frauenklöster mehr gab. Auch das Frauenpriestertum wurde erst spät eingeführt. 1918 wurde in Zürich erstmals eine Frau zur Pfarrerin ordiniert, der Regierungsrat erlaubte im Anschluss daran die Anstellung jedoch nicht. Erst in den 1960er Jahren wurden die ersten offiziellen Pfarrerinnen eingesetzt.

Können Sie sich erklären, weshalb sich die katholische Innerschweiz der Reformation nicht angeschlossen hat?
Die Innerschweizer haben über Jahrhunderte hinweg einen eigenständigen Glauben entwickelt. Sie hatten durchgesetzt, ihre Priester selber zu wählen, liessen sich vom Bischof kaum etwas sagen und haben immer wieder Sachen gemacht, die Rom verboten hatte. Daher brauchten sie die Reformation nicht. Erschwerend kam hinzu, dass zwischen Schwyz und Zürich eine alte Feindschaft bestand, die sich um Handelswege und um das Söldnerwesen drehte.

Erstellt: 26.02.2017, 14:20 Uhr

Die Reformation in Zürich

Die Reformation begann mit ­Luthers Thesen, die er 1517 in Wittenberg in Umlauf brachte und in denen er in erster Linie die ­Ablassbriefe kritisierte. Ulrich Zwingli, seit 1. Januar 1519 Leutpriester am Grossmünsterstift in Zürich, begann noch im selben Jahr, in seinen Predigten die Evangelien auszulegen. Zwingli akzeptierte in der Kirche nur noch das, was ausdrücklich in der Bibel stand. An den öffent­lichen Zürcher Disputationen 1523 und 1524 kam die Mehrheit des Grossen Rats sowie der Theologen zum Schluss, dass sie die reformierte Predigt weiterhin zulassen wollten. In der Folge wurden Bilder in der Kirche, das Zölibat sowie die Messe abgeschafft und eine neue Abendmahlsfeier eingeführt. 1525 war die Zürcher Reformation ab­geschlossen. Ulrich Zwingli fiel 1531 bei Kappel im zweiten ­Kappelerkrieg gegen die katholischen Innerschweizer.

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