Verkehr

Zürichseefähre ist der Star im Verkehrshaus

Das Steuerhaus und ein Antriebspropeller der alten Fähre «Meilen» sind Mittelpunkt einer neu eröffneten Abteilung im Verkehrshaus der Schweiz in Luzern.

Die alte «Meilen» – zumindest Teile davon – hat im Verkehrshaus einen Platz gefunden.
Video: Christian Dietz-Saluz / Martin Steinegger

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Oft spielt der Zufall Schicksal. Denn eigentlich sollte von der alten Fähre «Meilen» heute kein Stück mehr vorhanden sein. Nachdem ihre Nachfolgerin, die neue «Meilen» im Herbst 2017 in Betrieb genommen wurde, begann das Abwracken des Schiffs. Es gab zwar einige Interessenten, die Verwendung für die Fähre gehabt hätten. Ein Verkauf scheiterte aber stets am fehlenden Liegeplatz am Zürichsee.

Als die Schneidbrenner schon in Aktion traten, meldete sich das Verkehrshaus der Schweiz in Luzern bei der Fährengesellschaft. Es plante gerade eine neue Abteilung, weil ein wichtiges Kapitel Verkehrsgeschichte in diesem meistbesuchten Museum des Landes noch fehlte: Fähren in der Schweiz.

Das Steuerhaus der alten «Meilen» ist Prunkstück der Ausstellung. Bilder: André Springer

Im Zentrum der Dauerausstellung sah das Verkehrshaus den Führerstand und einen der beiden Voith-Schneider-Propellerantriebe vor. Am 18. April 2018 wurden das Herz und der Kopf der Fähre vom Rumpf gehoben und auf einen Tieflader gehievt. Es folgten die letzten 48 Kilometer Reise nach Luzern – von in 39 Jahren 1,75 Millionen zurückgelegten Kilometern zwischen Horgen und Meilen.

Unter ihrer Bedeutung

Jetzt sind die technisch interessantesten Teile Prunkstücke der neuesten Abteilung «Fähren in der Schweiz» im Verkehrshaus. Sie erhielten einen prominenten Platz am Eingang zur Halle. Steuerhaus, Voith-Schneider-Antrieb, original Sitzbänke, das grosse Wappen und der goldene Schriftzug von der Schiffsflanke, Videos und Modelle führen in das Thema ein. Am Donnerstag eröffnete das Verkehrshaus im Beisein von Delegationen der Fährengesellschaft, des Ortsmuseums Meilen und dem Meilemer Gemeindepräsidenten die neue Dauerausstellung.

Direktor Martin Bütikofer bezeichnete am Festakt die Schifffahrt als «Herzensangelegenheit des Verkehrshauses». Der Fährverkehr habe in der Schweiz zwar keinen grossen Stellenwert, doch in einem Land, das von so vielen Seen und Flüssen durchzogen ist, sei das Überqueren der Gewässer elementar. «Die Zürichsee-Fähre ist eine Hochleistungsverbindung und passt hervorragend ins Verkehrshaus», sagte Bütikofer und dankte der Partnerschaft mit der Fährengesellschaft. «Wir haben uns vom ersten Moment an verstanden, es braucht nicht viele Worte und es funktioniert.» Ein Museum sei kein Ort für tote Materie, wenn Geschichten dazu erzählt werden. Das passiere hier. Sonst würden nicht jedes Jahr über eine halbe Million Besucher, darunter 3000 Schulklassen ins Verkehrshaus der Schweiz kommen.

Fähren-Geschäftsführer Martin Zemp erzählte, dass er die Entstehung der neuen «Meilen» erleben durfte und jetzt sehe er auch die Endstation der Vorgängerin. «Für mich ist es eine Riesenfreude, dass der Führerstand und ein Antrieb hier stehen und für unsere Gesellschaft ist es eine grosse Ehre.» Zemp ist überzeugt, dass diese Ausstellung viele Leute anziehen werde. Die Fähre bezeichnete er als ein verbindendes Element für Menschen, wo Wasser sie trennt. Mit jährlich 64'000 Passagen zwischen den Ufern erfülle die Zürichsee-Fähre diesen Zweck.

Um ein Steuerhaus bauen

Christoph Hiller (FDP) sprach sowohl als Verwaltungsrat der Fährengesellschaft als auch als Meilemer Gemeindepräsident. Die lokalpatriotische Seite prägte seine Dankesrede. «Es erfüllt mich mit grossem Stolz, dass unser Name so prominent ausgestellt ist.» Die Zürichseefähre sei mehr als nur ein Verkehrsmittel. Sie biete zehn Minuten Ferienstimmung und wer von auswärts heimkehre und die Fähre sieht, «bei dem kommt Heimatgefühl auf».

An der Eröffnung rollten Verkehrshaus-Direktor Martin Bütikofer, Fähren-Geschäftsführer Martin Zemp und Kurator Jean-Luc Rickenbacher die Entstehungsgeschichte der Schau auf.

Die Kuratoren Jean-Luc Rickenbacher und Daniel Geissbühler beschrieben den Werdegang von «Fähren in der Schweiz». Ausgangslage sei die Frage gewesen, wie man die Ausstellung rund um ein Steuerhaus einer Fähre zum Erlebnis machen könne. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sollten dabei vereint werden. Mit den historischen Exponaten sowie einem Simulator, der die Funktionsweise des komplexen Propellerantriebs Voith- Schneider zeigt und an einem Modell, an dem das Beladen einer Autofähre geübt werden kann, ist das gelungen.

Wird alle überleben

Und für die alte Fähre «Meilen» ist das Verkehrshaus der Schweiz ein Happyend. Denn hier wird sie dank ihrem Kopf und Herz – Steuerhaus und Antriebsaggregat – dereinst alle anderen Fähren vom Zürichsee überleben.

Erstellt: 27.06.2019, 17:24 Uhr

Zürichsee-Fähren

Vom Pannen-Schwan zur schwimmenden Brücke

Bis der Zürichsee den dichtesten Fährenfahrplan der Schweiz erhielt, dauerte es mehrere Jahrzehnte. Abgesehen von einem Trajektboot, das bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Eisenbahnwaggons von der Chemischen Fabrik Uetikon zur linksufrigen Bahnlinie über den Zürichsee schipperte, begann hier das Fährenzeitalter erst 1932. Am 27. August in Meilen gründeten damals 54 Aktionäre die Zürichsee-Fähre Horgen-Meilen AG. Das Aktienkapital betrug 260'000 Franken.

Die erste Ernüchterung folgte schon im Folgejahr. Bei der Probefahrt des neu gebauten Fährschiffes «Schwan» am 8. Juli 1933 war das Schiff unsteuerbar. Es drehte sich im Kreis statt ans andere Ufer zu fahren. Erst nach technischen Verbesserungen konnte der Betrieb am 4. November im Halbstundentakt aufgenommen werden. Der nächste Rückschlag kam mit dem zweiten Weltkrieg und der Mangelwirtschaft. 1940 musste das Kapital auf die Hälfte herabgesetzt werden und von 1942 bis 1946 der Betrieb ganz eingestellt werden. 1944 besassen die Aktien nur noch ein Zehntel ihres Wertes.

1946 legte die Fähre wieder los – im Stundentakt. Die zunehmende Motorisierung des Individualverkehrs liess die «Schwan» kaum mehr zur Ruhe kommen, sie pendelte permanent zwischen den Ufern. 1968 fällte der Verwaltungsrat den Entscheid, das Kapital auf 300'000 Franken zu erhöhen und eine moderne Fähre anzuschaffen. 1969 löste die «Schwan II» das unterdessen 36 Jahre alte Schiff ab. Diese Fähre verkehrt noch heute, sie ist – nicht zuletzt wegen ihrer typischen Trapez-Silhouette – auch die «Urfähre» aller folgenden Schiffe der Flotte. Diese folgten mit der «Meilen» (1979), «Horgen» (1991), «Zürisee» (1999), «Burg» (2001) und der neuen «Meilen» (2017).

Der Ausbau zur Flotte ging einher mit einer zweiten gesellschaftlichen Entwicklung. Neben der steigenden Motorisierung wuchs die Zahl der Pendler, die immer grössere Wege zum Arbeitsort zurücklegen. 1982 wurde deshalb der Viertelstundentakt eingeführt, mit der«Horgen» war es schon der 10-Minuten-Takt. Mit der «Zürisee» konnte bereits alle 7 ½ Minuten gefahren werden, die fünfte Fähre schliesslich liess zu Spitzenzeiten den Verkehr über den See alle 6 Minuten zu, weshalb der Übername «Schwimmende Brücke» für die Zürichsee-Fähre Horgen-Meilen AG verdient ist. Im Jahr 2000 rollte erstmals das millionste Auto eines Jahres an Deck. 2018 wechselten fast 1,3 Millionen Fahrzeuge und über 2 Millionen Personen die Seiten mit der Zürichseefähre. (di)

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