Strassenunterhalt

Diese Baustellen nerven die Autofahrer am Zürichsee

Im Kanton Zürich gibt es 1547 Kilometer Staatsstrassen. Martin Pola, Strasseninspektor des Tiefbauamts, erklärt, was hinter dem «Volksärgernis Baustelle» steckt.

Das sind die aktuellen kantonalen Strassenbaustellen in den Bezirken Horgen und Meilen. Klicken Sie auf die einzelnen Fähnchen für Detail-Informationen. Quelle: Baudirektion des Kantons Zürich, Grafik mb


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Viele Autofahrer glauben, es gibt immer mehr Baustellen: Stimmt diese Wahrnehmung?
Martin Pola: Nein. Mittlerweile sind im Kanton Zürich über 915 000 motorisierte Fahrzeuge immatrikuliert, 1970 waren es noch 313 000. Jährlich kommen rund 10 000 Fahrzeuge dazu. Und das bei einem praktisch immer gleich gross bleibenden Kantonsstrassennetz. Es gibt also nicht immer mehr Baustellen, wie viele meinen, sondern lediglich jedes Jahr mehr Verkehr, was die Baustellen für die Verkehrsteilnehmer spürbarer macht.

Wie gross ist der Erneuerungsbedarf der Strassen?
Im Kanton Zürich gibt es 1547Kilometer Kantonsstrassen. Die oberste Schicht eines Belags hält je nach Belastung 20 bis 30 Jahre. Das bedeutet, dass wir jedes Jahr zwischen 50 und 75 Kilometer Belag erneuern müssen.

Welche Faktoren beeinflussen die Lebensdauer des Belags?
Die Lebensdauer hängt massgeblich von der Belastung ab, das heisst vom Verkehrsaufkommen und vom Schwerverkehrsanteil. Ebenso kommt es auf den eingebauten Belag ein. Ein lärmarmer Belag hält knapp halb so lang wie ein normaler Asphaltbelag.

Seit 2005 dürfen 40-Tonnen-LKW in der Schweiz fahren: Hat sich das auf das Strassenunterhaltsprogramm ausgewirkt?
Nein. Da schwere LKW über zusätzliche Achsen verfügen, ist die Belastung auf den Strassenkörper nicht grösser geworden.

Gebaut wird diesen Sommer unter anderem an der Seestrasse in Stäfa. Bild: Michael Trost

Was passiert ohne Unterhalt?
Eine neu erbaute Strasse würde ohne regelmässigem Unterhalt nach etwa 50 Jahren zerfallen. Eine Sanierung macht eine Strasse für die Verkehrsteilnehmer und Fussgänger auch immer sicherer. Sichere Strassen kosten nicht einfach nur Geld, Zeit und Nerven, sondern sie leisten einen wichtigen Beitrag an die Mobilität und die Verkehrssicherheit.

Wann kann gearbeitet werden?
Die meisten Strassenbauarbeiten müssen in der wärmeren Jahreszeit ausgeführt werden, da Belagsarbeiten trockene Witterung und eine Mindesttemperatur von 15 Grad benötigen. So kommt es jeweils im Sommer zu einer Konzentration von Strassenbaustellen, was den Verkehrsteilnehmern natürlich auffällt. Sie wollen, dass die Baustellen möglichst schnell wieder verschwinden, und fragen sich, weshalb nicht Tag und Nacht gearbeitet wird.

Und warum wird nicht in der Nacht gearbeitet, wenn die Staugefahr geringer ist?
Das geht schlicht und einfach nicht. Denn die Anwohner wollen auch mal ihre Ruhe. Ohne zwingenden Grund dürfen die Lastwagen nicht rund um die Uhr unterwegs sein. Zudem gibt das Arbeitsgesetz die Arbeitszeiten vor. Ausserdem ist für viele Arbeiten Tageslicht notwendig.

Wie werden Baustellenaufeinander abgestimmt?
Die Planung, Projektierung und Realisierung von Strassenbauprojekten wird immer anspruchsvoller. Es geht nicht nur darum, an der Oberfläche den Belag abzukratzen und durch einen neuen zu ersetzen. Unter der Fahrbahn befinden sich die Werkleitungen, und die Abwasserleitungen kommen auch noch dazu. Da ist Koordination gefragt, und die braucht es schon deswegen, weil bei einem Strassenbauvorhaben neben dem Kanton meist auch die Gemeinden und Werkleitungseigentümer involviert sind. Und wenn wir mehrere Baustellen haben, müssen auch diese untereinander koordiniert werden. Je nach Projekt beträgt die Vorlaufzeit für eine Strassenbaustelle drei bis sieben Jahre.

Auch an der Zugerstrasse in Wädenswil brauchen die Autofahrer derzeit mehr Geduld als üblich. Bild: Sabine Rock

Verkehrsregelung der Baustelle mit Lichtsignal oder Umleitung: Was ist besser?
Das kommt ganz auf die Art der Bauarbeiten und die Verkehrsbelastung an. Ebenso hat einen Einfluss, ob auf der Strasse ÖV-Busse verkehren. Beim Einbau des Deckbelags wird, wenn immer möglich, eine Vollsperrung vorgenommen. Dadurch kann diese Arbeit schneller, für die Bauarbeiter sicherer und in einer besseren Qualität ausgeführt werden, weil in der Strassenmitte keine Naht entsteht. Generell gilt, dass unter Vollsperrung auch andere Bauarbeiten dreimal so schnell ausgeführt werden können. Aber in den meisten Fällen ist eine Vollsperrung nicht möglich, da es keine guten Umleitungsmöglichkeiten gibt. Das ist vor allem am rechten Zürichseeufer der Fall.

Wovon hängt die Dauer einer Strassenbaustelle ab?
Regen, Schnee und Eis können die Arbeiten oft tageweise lahmlegen. Manchmal dauert es länger, wenn nicht nur die oberste Schicht erneuert wird. Bis zu vier Meter unter der Oberfläche liegen auch die Werkleitungen für Strom, Gas, Wasser, Abwasser, Telefon/Internet. Und manchmal fliesst sogar ein Bach direkt unter der Strasse. Bei uns ist Strassenbau immer eine Operation am offenen Herzen. Die Strassen sind gleichzeitig das Objekt unserer Arbeit und der einzige Freiraum, der uns für die Baustellen-Infrastruktur zur Verfügung steht – und das bei unserer Verkehrsdichte.

(Zürichsee-Zeitung)

(Erstellt: 12.06.2017, 10:25 Uhr)

Hochkonjunktur für Baustellen

Im Sommer dominieren Rot und Orange auf den Strassen. Der Kanton Zürich betreibt in diesen Monaten am Zürichsee zwölf grössere Baustellen.

Zeit ist Geld. Das Sprichwort wird jetzt strapaziert, wenn sich alle paar Kilometer Fahrzeuge vor Rotlichtern und Baustellenabsperrungen stauen. Aber das Geld ist auch eine notwendige Investition, wenn die Strassen mit der Zeit abgenutzt sind.

Der Kanton Zürich beziffert den Wert seiner Verkehrsinfrastruktur aktuell mit 4,7 Milliarden Franken. Eine Kantonsstrasse wird in der Finanzbuchhaltung über 40 Jahre linear abgeschrieben. Das ist ihre buchhalterische Nutzungsdauer.

Strassen kosten 360 Millionen

Nach dieser Zeitspanne, so die Prognose, muss der Eigentümer, also der Kanton, Geld in die Finger nehmen, um die Strasse zu reparieren oder instand zu setzen; je nach Verkehrsaufkommen früher. Wenn man weiss, dass der Kanton Zürich mehr als 1500 Kilometer solcher Staatsstrassen unterhält, ist schnell erklärt, warum es einen Kanton ohne Strassenbaustellen nicht geben kann.

Eine Herkulesaufgabe

Pro Jahr investiert der Kanton Zürich rund 80 Millionen Franken in den Strassenunterhalt durch Reparaturen. Das entspricht übrigens ziemlich genau der Summe, die von der Mineralölsteuer und der Schwerverkehrsabgabe in den Zürcher Strassenfonds fliesst. Die weiteren rund 280 Millionen an Investitionen und Kosten für Neubau und Betrieb der Strassen werden mit der kantonalen Motorfahrzeugsteuer gedeckt.

Der Kanton St. Gallen ist für ein Netz von fast 700 Kilometern Kantonsstrassen verantwortlich. In jedem der fünf Unterhaltskreise werden jährlich 4 bis 5 Millionen Franken für Sanierungen aufgewendet. Der Unterhaltskreis Schmerikon ist für 100 Kilometer Kantonsstrassen im Linthgebiet zuständig. Witterungsbedingt herrscht derzeit Hochkonjunktur für Baustellen. Am linken und rechten Zürichseeufer bremsen elf Baustellen den Verkehr, im Linthgebiet zwischen Rapperswil-Jona und Walensee respektive Rickenpass sind es deren sechs. Überall handelt es sich um unverzichtbare Arbeiten.

Die Koordination der Baustellen ist für Kanton und Gemeinden eine Herkulesaufgabe. Ohne diese Koordination wäre der Ärger der Autofahrer noch um einiges grösser.

Florian Schaer/Christian Dietz-Saluz

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