Richterswil

Wo katholische Mädchen durch die Hölle mussten

Eine Expertenkommission hat die Geschichte des katholischen Mädchenheims in Richterswil aufgearbeitet.

Im Gemüsegarten des Heims in Richterswil verbrachten die Mädchen ihre Freizeit – unfreiwillig. Das Foto ist 1944, also während des Zweiten Weltkriegs, entstanden.

Im Gemüsegarten des Heims in Richterswil verbrachten die Mädchen ihre Freizeit – unfreiwillig. Das Foto ist 1944, also während des Zweiten Weltkriegs, entstanden. Bild: pd

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Wohl mit einem Handschlag besiegelten im Richterswil des Jahres 1881 zwei Männer in ihren Sechzigern das Schicksal hunderter junger Frauen. Caspar Appenzeller, ein Stadtzürcher Industrieller und Seidenkaufmann, finanzierte die «Industrielle Anstalt für katholische Mädchen in Richtersweil» am Dorfrand.

Die Trägerschaft der Anstalt bildete die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft. Mit dem Richterswiler Rudolf Zinggeler, Besitzer diverser Seidenzwirnereien, vereinbarte Appenzeller, dass die internierten Mädchen gegen wohl niedrige Bezahlung in dessen Fabrik arbeiten können. Dies ist Band 8 «Alltag unter Zwang» der «Unabhängigen Expertenkommission Administrative Versorgungen» (UEK) zu entnehmen, den diese kürzlich veröffentlichte.

Die Gründung des Richterswiler «Meitliheims», wie es im Volksmund genannt wird, stand in der Tradition von Armenerziehungs- und Rettungsanstalten, die im 19. Jahrhundert überwiegend auf private Initiative zurückzuführen waren. Die eingewiesenen Mädchen entsprachen den gesellschaftlichen Normen der Zeit nicht und sollten im Heim zu «nützlichen» Mitgliedern der Gesellschaft geformt werden. «Hat sich jeder Anordnung der Eltern widersetzt. Trieb sich bis spät in die Nacht auf Strassen und Gassen herum» lauteten Einweisungsgründe.

Dies geht aus der 2015 erschienenen Chronik der Gemeinde Richterswil hervor, in der das Meitliheim auch kritisch thematisiert wird. Der Eintritt der Mädchen und jungen Frauen – die meisten hatten die obligatorische Schulzeit hinter sich – erfolgte oft gegen deren Willen und ohne gesetzliche Verfahren. Die Entscheidungen dazu trafen meist Männer. «In den kommunalen Behörden sassen Laien, oft Mitglieder des Gemeinderats, mit grosser Entscheidungsmacht», sagt Loretta Seglias, Wädenswiler Historikerin und Mitglied der UEK.

Weder stehen noch liegen

Von 1881 bis 1926 leitete die Familie Arquint das Mädchenheim. Unter der rigiden Führung des Heimvaters Kaspar Arquint und später dessen Sohn Paul fanden wiederholt Missgriffe gegenüber den Mädchen statt, heisst es im UEK-Bericht: das Ausreissen von Haarbüscheln oder stundenlanges Einsperren in einem Mauerloch, wo die Bestraften weder stehen noch liegen konnten. Der Bettarrest, bei dem die Jugendlichen entkleidet «bis zur inneren Umkehr» in ihrem Bett ausharren mussten, gehörte gemäss Expertenkommission zu den besonders manipulativen Strafen. Die Gesundheitsbehörde des Kantons schritt hie und da zwar ein, die Folgen für die Täter blieben aber stets gering.

1926 kündigte der Fabrikant Zinggeler den Vertrag mit dem Heim und das Heimelternpaar demissionierte. Es brauchte eine neue Leitung, welche die Schwestern des Basler Katharina-Werks antraten. Der Fokus lag nun nicht mehr auf Industriearbeit, sondern auf der internen Berufslehre als Damenschneiderin, Weissnäherin oder Glätterin – Berufe, die damals Frauen vorbehalten waren.

In der freien Zeit galt es für die Mädchen zudem, diverse Arbeiten in und um das Haus zu verrichten. Die Schwestern schlossen die Mädchen weitgehend vom öffentlichen Leben aus. Die Jugendlichen vom nahegelegenen Waisenhaus betrachteten die Leiterinnen des Mädchenheims als besonders negativen Einfluss auf ihre «Schützlinge». In den 1960er-Jahren erfolgte eine Namensänderung des Heims in «Stiftung Grünau» und der Umzug ins Dorfzentrum. In den letzten zehn Jahren des Erziehungsheims, 1977 bis 1987, verbreiterte die neue, weltliche Leitung das Angebot an Berufslehren, aus dem die Mädchen wählen konnten.

Breit verzweigtes Netz

Informationen zur Situation in diversen Gemeinden rund um den Zürichsee sind dem im letzten Jahr erschienenen Sammelband «Menschen korrigieren» zu entnehmen. Der Kanton Zürich gab diesen in Auftrag, um die Thematik fürsorgerischer Zwangsmassnahmen auf Kantonsgebiet historisch aufzuarbeiten. In die Details geht das Werk in Bezug auf Anstalten am Zürichsee aber kaum. Es handelt sich um Grundlagenforschung und zeigt das breit verzweigte Netz an Anstalten auf: von psychischen Anstalten (etwa in Kilchberg, Oetwil, Meilen, Uerikon, Männedorf) über Behindertenheime (Erlenbach) bis zu Armen- und Waisenhäusern (Wädenswil, Richterswil, Herrliberg, Männedorf, Stäfa).

«An der Goldküste gab es mehr Anstalten mit Sanatoriumscharakter, die aber auch höhere Kostgelder verlangten und für eine besser gestellte Klientel gedacht waren», sagt Thomas Huonker, Historiker und ebenfalls UEK-Mitglied. Am linken Zürichseeufer und im Knonauer Amt habe es mehr Anstalten mit Zwangsarbeit gegeben, etwa die Mädchenanstalt Richterswil, das Männerheim Rossau oder die Armenanstalt Kappel.

Die UEK habe nun erste Studien zu einzelnen Heimen und Anstalten im Kanton Zürich geliefert, etwa zur Institution in Richterswil oder zu einer in Uitikon-Waldegg, sagt Loretta Seglias. «Zum Alltag in anderen Institutionen rund um den Zürichsee fehlen bis jetzt Studien.» Die gesellschaftspolitische Bereitschaft zur Aufarbeitung sei erst in den letzten Jahren gestiegen, wozu die Sicht der Betroffenen einen wichtigen Beitrag geleistet habe, sagt Seglias.

Viele Gemeinden inaktiv

Welche Gemeinden nehmen sich einer kritischen Aufarbeitung an? Kaum eine, wie sich in den Aussagen der Gemeinden bestätigt, die auf Basis der Informationen aus «Menschen korrigieren» angefragt wurden. Keine der rechtsufrigen Gemeinden betreibt eigenständige wissenschaftliche Aufarbeitung. «Fundierte Nachforschungen zu dieser Thematik sind aufwändig, weshalb der Bund den Lead übernommen hat», lässt etwa Küsnacht mit Verweis auf die UEK verlauten. Der Zugang zu Akten im gemeindeeigenen Archiv werde direkt oder indirekt Betroffenen aber gewährt, heisst es aus mehreren Gemeinden.

Den Aufwand zur Aufarbeitung hat man am linken Seeufer teils auf sich genommen. Horgen hat die Thematik der Altersfürsorge bereits 1986 in einem Jahrheft thematisiert. Die Verfasser bewegten sich darin aber mit dem teils unreflektiert verwendeten Vokabular («Verwahrloste, Arbeitsscheue und Trinker») kaum im wissenschaftlichen Diskurs der Zeit.

Der kritischen Aufarbeitung verschrieben hat sich hingegen Adliswil. Die damalige Vormundschaftsbehörde beauftragte Thomas Huonker im Jahr 2006, ein Buch über fürsorgerische Zwangsmassnahmen von 1890 bis 1970 zu verfassen. In Wädenswil hat die UEK in Zusammenarbeit mit der lokalen Historischen Gesellschaft kürzlich einen Vortrag mit dem Titel «Wädenswil in der Anstaltslandschaft der Schweiz» organisiert, an dem das Waisenhaus im Fokus stand.

Auffallend ist, dass sowohl in Adliswil als auch in Wädenswil historische Vereine und Gesellschaften in Zusammenarbeit mit den Behörden tätig sind, die das lokale Geschichtsbewusstsein nach wissenschaftlich-kritischen Standards pflegen.

Erstellt: 05.07.2019, 17:11 Uhr

Geschichte schreiben im Auftrag des Bundes

Wissenschaftliche Expertenkommissionen beruft der Bund meist dann ein, wenn sein Wirken in der Zeitgeschichte von Gesellschaft und Politik kritisiert wird. Die bekannteste war die «Unabhängige Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg», die sogenannte «Bergier-Kommission». Ab 1996 untersuchte diese Gruppe nationaler und internationaler Historikerinnen und Historiker während fünf Jahren den Verbleib von Vermögenswerten, die zur Zeit des Zweiten Weltkriegs in die Schweiz transferiert worden waren. Es ging um die wirtschaftliche Beteiligung der Schweiz am Kriegsgeschehen. In 25 Bänden und einem Schlussbericht, also auf tausenden von Seiten, rekonstruierte die Kommission die eidgenössischen Handlungen während des Kriegs und kritisierte diese.

Im Jahr 2014 war es wieder so weit. Der Bundesrat rief die neunköpfige «Unabhängige Expertenkommission (UEK) Administrative Versorgungen» ins Leben. Ihr gehört unter anderem die Wädenswiler Historikerin Loretta Seglias an. Das Ziel der UEK: die von Verwaltungsbehörden ohne gerichtliches Verfahren angeordneten Einweisungen in Anstalten vor 1981 wissenschaftlich aufzuarbeiten. Im genannten Jahr ersetzte der Bund die administrative Versorgung durch den fürsorgerischen Freiheitsentzug, der den Betroffenen einen besseren Rechtsschutz mit Rekursmöglichkeit verschaffte.

Der Einberufung waren verschiedene politische Vorstösse vorausgegangen, so etwa die Entschuldigung durch Simonetta Sommaruga (SP) bei den Opfern im Jahr 2013, die «Wiedergutmachungsinitiative» im 2014 oder das «Bundesgesetz über die Rehabilitierung administrativ versorgter Menschen» im selben Jahr. Die heutige Gesetzesgrundlage für die Arbeit der UEK bildet das «Bundesgesetz über die Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen vor 1981» aus dem Jahr 2017.

Nebst der UEK gibt es weitere Forschungsprojekte, die wissenschaftliche Aufarbeitung auf dem Gebiet betreiben. Auch auf der Kantons- und teilweise auf der Gemeindeebene wurden ähnliche Initiativen ergriffen. Die finanzielle Entschädigung der Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen handhabt der Bund: Er sieht einen Solidaritätsbeitrag zugunsten der Opfer von 300 Millionen Franken vor. Rund 9000 Gesuche sind beim Bundesamt für Justiz eingegangen. Die Auszahlungen sollen bis Ende 2020 erfolgen. Die UEK veröffentlicht ihren Schlussbericht im September 2019. (cob)

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