Horgen

Wo die Socke im Garten wächst

Fünf Umweltfachleute haben in Horgen ihren eigenen Flachs angebaut und diesen zu Leinenstoff verarbeitet. Sie wollen damit ein vergessenes Handwerk wieder ins Rampenlicht rücken.

Von links: Michèle Woodtli mit den Babelis, Doris Blank-Läubli am Brechbock und Rafael Rohner mit dem getrockneten Flachs.

Von links: Michèle Woodtli mit den Babelis, Doris Blank-Läubli am Brechbock und Rafael Rohner mit dem getrockneten Flachs. Bild: Michael Trost

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Der Flachs gilt als Allzweckhelfer des Menschen. Seine Leinsamen sind essbar, haben eine heilende Wirkung für Darm und Wunden oder können zu Öl verarbeitet werden. Die dünne Pflanze mit den markant blauen Blüten ist eine der ältesten Kulturpflanzen der Welt und erfüllte für den Menschen während Hunderten von Jahren noch einen anderen Zweck. Aus ihren Fasern wurde Stoff gewonnen, und sie belieferte die Leute zu Gotthelfs Zeiten mit Kleidern und Tüchern. Als die Baumwolle die Industrie eroberte und Aufwand und Ertrag in der Leinenproduktion irgendwann nicht mehr stimmten, geriet das Leinen mehr und mehr in Vergessenheit. Nur noch wenige in der Schweiz beherrschen die Technik, um in mühsamer Handarbeit aus den Halmen Stoff zu gewinnen.

Der Flachs wurde im Horgner Arn zum Trocknen aufgehängt.

Fünf angehende Umweltfachleute haben sich das alte Wissen angeeignet und ihr Leinen im Horgner Arn gepflanzt, gerauft, gebrochen, gehechelt und gewebt. Was im Frühjahr mit einer Saat begann, hat nun mit einem Stück Biostoff geendet. Platz für ihr 12 Quadratmeter grosses Flachsfeld haben Michèle Woodtli, Geraldine Kurmann, Rafael Rohner, Katharina Etter und Jacqueline Jenni auf dem Biobauernhof Zur Matte von Doris Blank-Läubli gefunden.

«Positives Suchtpotenzial»

Den Flachs angepflanzt haben sie im Rahmen ihrer Ausbildung zu Umwelt- und Naturfachleuten an der Sanu Future Learning AG in Biel. Was einst als Projektarbeit begann, ist mittlerweile ein Hobby geworden, hinter dem jedoch mehr als die Herstellung von Stoff steckt. Unter dem Motto «vom Garten in den Kleiderschrank» wollen sie auf den aufwendigen und oft problematischen Herstellungsprozess von Textilien in der Industrie aufmerksam machen.«Wir möchten bei den Menschen ein Bewusstsein schaffen, wie aufwendig es sein kann, ein Kleidungsstück herzustellen, und dass acht Franken für ein T-Shirt in einem Billig-Discounter kein gerechter Preis ist», sagt Rafael Rohner vom Projektteam. Dies soll Menschen unter anderem dazu bewegen, mehr regional zu denken und getragenes Material wertzuschätzen.

Das Hecheln trennt grobe von feinen Fasern.

«Wir wollen mit dem Projekt aber auch Leute zusammenbringen und die Biodiversität fördern», ergänzt Michèle Woodtli. Ihr Ziel sei es, eine Community zu bilden, die der Herstellung von Leinen wieder neuen Aufwind verschafft. Denn im Vergleich zur Baumwolle sei der Flachs viel effizienter. «Er braucht keinen Dünger, nur wenig Wasser, und da alles an ihm verwertbar ist, verursacht er keinen Abfall», sagt Woodtli. Nebst dem Standort Horgen hat die Gruppe zwei kleinere Flachsfelder in Lurtigen und Winterthur angepflanzt.

Hilfe bei der Herstellung ihres Leinenstoffs haben die fünf künftigen Fachleute unter anderem von Dominik Füglistaller, Geschäftsführer der Swissflax GmbH, erhalten. Die Firma aus dem Emmental hat es sich zum Ziel gesetzt, die Wertschöpfungskette für den Schweizer Flachs wieder aufzubauen und industriell zu betreiben. So wird beispielsweise die neue Schwingerhose des Eidgenössischen aus Schweizer Flachs hergestellt. Da hierzulande jedoch die nötigen industriellen Maschinen fehlen, wird der in der Schweiz angepflanzte Flachs in Ländern wie Holland und Litauen weiterverarbeitet. «Wir haben erkannt, dass im Anpflanzen von Flachs ein positives Suchtpotenzial steckt», sagt Woodtli. «Wenn wir weitere Leute damit anstecken, könnte vielleicht jemand Geld in die Hand nehmen, um ein paar Maschinen anzuschaffen.»

Helfer tragen den geernteten Flachs in die Scheue.

Gut Stoff will Weile haben

Als die Leinenindustrie in der Schweiz noch grösser war, standen die bekannteren Fabriken im Raum St. Gallen und im Zürcher Unterland. In der Zürichseeregion führte das Leinen eher ein Mauerblümchendasein im Schatten der grossen Seidenindustriellen. Die hiesigen Landwirte waren am linken Seeufer vor allem auf Vieh und Obst spezialisiert, am rechten Seeufer auf den Rebbau.

Verarbeitet man den Flachs nicht mit industriellen Maschinen, sondern mithilfe uralter Gerätschaften von Hand, steckt ein mühseliger Prozess dahinter. Zuerst wird der Flachs gepflanzt und 100 Tage im Boden gelassen. Mit Schnüren und Stöcken wird die Pflanze stabilisiert, damit Wind und Wetter die dünnen Halme nicht knicken. Der Flachs im Arn hatte eine Höhe von rund 1,40 Meter erreicht. Sind die 100 Tage vorbei, wird der Flachs samt Samen sachte aus dem Boden gerupft. Nach dem sogenannten Raufen werden die Pflanzen in einer Scheune getrocknet. Anschliessend kommt das Riffeln zum Zuge. Hierbei werden die Flachsstängel durch einen Kamm gezogen, damit die Leinsamen abfallen, die später verzehrt werden können.

«Wir möchten ein Bewusstsein dafür schaffen, wie aufwendig es sein kann, ein Kleidungsstück herzustellen.»Rafael Rohner, Mitglied im Projektteam

Sind die Samen weg, kommen die Flachshalme auf die Wiese. Durch Regen und Sonne entsteht ein Pilz, der die einzelnen Fasern löst. Der Flachs wird anschliessend in einem antiken Apparat namens Brechbock gebrochen und dann gehechelt. Bei Letzterem wird die bereits schnurartige Pflanze durch dicht aneinandergereihte Metallstäbe gezogen, sodass nur noch die feinen Stofffasern übrig bleiben. Diese werden dann zu Stoffzöpfen, den sogenannten Babelis, gedreht, die dann anschliessend zu Garn gesponnen und später zu Stoff verwoben werden.

«Slow Fashion» aus dem Arn

In einem Jahr haben die fünf angehenden Fachleute in Horgen rund 10 Kilogramm Flachsstroh geerntet, was für ungefähr 12 Quadratmeter Stoff reichen sollte. Um zu testen, ob aus den Leinen tatsächlich Stoff entstehen kann, haben sie bereits einen kleinen Teil erfolgreich weiterverarbeitet. Ob aus dem Leinen dereinst ein feines Hemd oder eine grobe Socke wird, ist noch nicht klar. Dies hängt von der Qualität des Stoffs ab. «Der Prozess dauert zwar lange, aber er funktioniert», sagt Rafael Rohner und spricht von «Slow Fashion». «Nun wollen wir andere Interessierte mit Rat, Tat und Saat unterstützen.»

Sie wollen nun jeden Herbst eine Brechete wie vor hundert Jahren organisieren. Die erste hatte heuer bereits stattgefunden. «Es wäre schön, wenn das Verarbeiten von Flachs in Horgen zu einer jährlichen Tradition werden würde», sagt Rohner.

Mehr Informationen auf https://ziehlein.jimdosite.com.






Erstellt: 09.10.2019, 09:11 Uhr

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